OSTERN: «Ich bin öfters angeeckt»

Paolo Brenni (88) war der erste Luzerner, der im TV das «Wort zum Sonntag» gesprochen hat. Er setzte sich früh ein für eine menschliche Kirche und er hat noch heute Bedenkenswertes zu sagen.

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«Die Natur gibt viele Zeichen, dass es nach dem Tod weitergeht. Ich glaube an die Auferstehung»: Chorherr Paolo Brenni auf dem Friedhof der Luzerner Hofkirche. (Bild: Boris Bürgisser /  Neue LZ)

«Die Natur gibt viele Zeichen, dass es nach dem Tod weitergeht. Ich glaube an die Auferstehung»: Chorherr Paolo Brenni auf dem Friedhof der Luzerner Hofkirche. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Interview Pirmin Bossart

Paolo Brenni, was bedeutet Ihnen Ostern?

Paolo Brenni: Ostern ist für mich seit meiner Kindheit nebst Weihnachten immer das schönste Fest des Jahres gewesen. Die Auferstehung ist das zentrale Ereignis des Christentums. Entsprechend ist Ostern das bedeutendste Fest der Christenheit.

Bei der Auferstehung denken viele sofort ans Jenseits. Was hat die Auferstehung mit dem Leben hier und jetzt zu tun?

Brenni: Auferstehung ist ein Aufsteller, weil sie von Jesus erzählt, der zu neuem Leben erweckt wurde und wir ebenfalls vom Tod befreit auferstehen. Dieser Glaube steht dafür, neuen Mut zu fassen, mit neuem Schwung weiterzumachen, Lebensfreude zu haben, positiv zu sein. Das Licht ist ein wichtiges Symbol von Ostern. Ich freue mich auf die Osternachtfeier in der Luzerner St.-Leodegar-Kirche, wenn alle Besucher eine Kerze anzünden und es hell wird in der dunklen Kirche. Ein wunderbares Zeichen, wie jeder und jede Anteil hat am Osterlicht.

Sie waren vor 40 bis 50 Jahren im Fernsehen ein bekannter «Wort zum Sonntag»-Redner. Wenn Sie heute das «Wort zum Sonntag» hätten, was würden Sie sagen?

Brenni: Ich würde sagen, dass es in der Kirche nicht mehr so weitergehen darf. Die Hierarchien sind zu stark geworden. Die wenigen Propheten, die es noch gibt, sind in den Kirchen häufig mundtot gemacht worden. Propheten reden freier, nicht nach Kirchenrecht. Der jetzige Papst Franziskus I. scheint die Propheten wieder zu suchen. Er stellt, wie Franziskus, die Barmherzigkeit vor das Recht.

Sie eckten mit Ihren Beiträgen im Fernsehen auch schon mal an. Was waren die Auslöser?

Brenni: Im Vorfeld der Schwarzenbach-Initiative (Anm.: Es ging 1970 um die angebliche Überfremdung; das Schweizer Stimmvolk entschied sich knapp gegen das Ansinnen, den Ausländeranteil auf 10 Prozent zu begrenzen) hatte ich gesagt, dass ich gerne Schweizer sei, aber mir auch vorstellen könnte, ein Italiener zu sein. Das hat zu vielen bösen Reaktionen geführt. In einem Brief wurde ich als «Tschinggenpfaff» beschimpft. Auch die Absetzung des katholischen Moraltheologen und Sozialethikers Stephan Pfürtner an der Universität Fribourg hatte ich kritisiert und gesagt, dass sich das die Kirche nicht leisten dürfe. Das hat ebenfalls zahlreiche Reaktionen nach sich gezogen, allerdings auch viele positive.

1956 haben Sie das erste «Wort zum Sonntag» gehalten. Damals war das Fernsehen noch in der Steinzeit.

Brenni: Das kann man wohl sagen. Das «Wort zum Sonntag» dauerte 15 Minuten. Wir hatten keine Schulung. So hat man praktisch eine Predigt gehalten. Es lief alles sehr spontan und etwas improvisiert ab. Das Studio befand sich oberhalb einer Autogarage. Jeder hätte in die Sendung hineinlaufen können. Wenn ich jeweils gekämmt und gepudert wurde, kam auch die Ansagerin vorbei und rauchte bei mir eine Zigarette. Einmal wurde ich fälschlicherweise als der reformierte Pfarrer angesagt, der erst eine Woche später dran war. (lacht) Da schrieben mir einige Leute, ich hätte mich schon sehr verändert.

Woher kam Ihre kirchenkritische ­Haltung?

Brenni: Ich bin in Bern aufgewachsen, in der Diaspora der Katholiken. Das kirchliche Klima war dort liberaler als in der Innerschweiz. In Luzern bin ich mit meinen Predigten bei Erzkatholiken angeeckt. Ich war einer der Ersten, der nicht mehr den Priesterkragen trug. Durch meine Tätigkeit als Jugendseelsorger hat mich auch das Denken der jungen Menschen beeinflusst. Auch Bücher von Theologen wie Hans Küng, mit dem ich seit unserer Studienzeit in Rom freundschaftlich verbunden war, haben mich geprägt.

Sie haben in den 1970ern auch mal die kirchenkritische Schriftstellerin ­Luise Rinser in Ihre Pfarrei eingeladen.

Brenni: Das war während der Karwoche in der Kirche St. Anton. Luise Rinser hat an vier Abenden Vorträge gehalten. Die Kirche war überfüllt. Im Vorfeld hatte Sie mir gesagt: «Werden Sie denn vom Bischof nicht geköpft, wenn Sie mich einladen?» Aber ich hatte ein gutes Verhältnis zum damaligen Bischof Otto Wüst. Manchmal sagte er mir: «Gell, du übertreibst dann nicht so stark und überlegst dir immer, was du sagst.»

Wie stehen Sie heute zu den ­Bischöfen?

Brenni: Die Bischöfe sind Vermittler. Sie müssen Brücken bauen zwischen dem Kirchenvolk und der Weltkirche unter dem Papst. Ich würde mir wünschen, dass sie dezidierter die Anliegen der Basis vertreten.

Warum wollten Sie Priester werden?

Brenni: Als Bub wollte ich unbedingt ins Kapuzinerkloster in Faido eintreten. Wir waren damals bei der Grossmutter im Tessin in den Ferien. Als ich etwa 18 Jahre alt war, fragte mich ein Priester, ob ich nicht auch diesen Weg gehen wolle. Das kam nicht in Frage, denn ich sah die Mädchen zu gerne. Lieber wollte ich Schauspieler werden. Ein Jahr vor der Matura begann mich aber die internationale Politik zu interessieren. Auch der Journalismus lockte mich. Ich habe dann ein Jura-Studium begonnen.

Noch weit und breit kein Priester ...

Brenni: Inmitten des Studiums ist es mir plötzlich blitzklar geworden: Ich muss Priester werden. Als ich das dem Vater mitteilte meine Mutter starb, als ich drei Jahre alt war –, meinte er: «Ich habe dir das nie gesagt. Aber das ist der Wunsch deiner sterbenden Mutter gewesen.»

Hatten Sie keine Probleme mit dem Zölibat?

Brenni: Die plötzliche Berufung war eine starke Kraft und hat mir geholfen, den Zölibat zu halten. Aber ich war auch als Vikar und sogar noch als Pfarrer verliebt. Einmal fühlte ich als Vikar eine starke Anziehung zu einer jungen Frau. Ich war nahe daran, dem Bischof zu schreiben und ihn um eine Versetzung zu bitten. Aber die Verliebtheit ging vorbei. Ich hatte Freude an meiner Theaterarbeit als Regisseur und Spieler, an der Kunst, an kulturellen Aktivitäten. So konnte ich den Zölibat sublimieren. Ich danke Gott, dass ich das immer so durchgehalten habe.

Wie stehen Sie zur Abschaffung des Zölibats?

Brenni: Ich bin mit der Mehrheit der Schweizer Katholiken dagegen, dass der Zölibat eine Bedingung sein soll, um Priester zu werden. Es geht ja nicht nur um die Liebe zu einer Frau, sondern auch darum, eine Familie haben zu können. Als mit der Zeit alle meine Kollegen Kinder hatten, hat mich das schon stark beschäftigt.

Ich nehme an, dass zu Ihren Zeiten als Jugendseelsorger und Priester die Kirchen noch gut besucht waren?

Brenni: Das Zweite Vatikanische Konzil war ein Aufbruch, der die ganze Gesellschaft erfasst hat. Damals war es leicht, seine Aufgabe wahrzu­nehmen, denn die Gottesdienste waren gut besucht. Als Pfarrer von St. Anton hatte ich in einem Jahr mal 170 Erstkommunikanten. Ich bewundere die heutigen Seelsorger, die in halb leeren Kirchen wirken müssen. Schon oft habe ich mich gefragt, ob ich mit dem, was ich damals den Hunderten von Jugendlichen vermittelt habe, nicht bloss ein Strohfeuer gelegt habe.

Die Empörungen in der Kirche drehen sich seit Jahrzehnten immer um die gleichen Themen. Dennoch scheint sich grundsätzlich nichts verändert zu haben. Wie nehmen Sie das wahr?

Brenni: Der Zölibat und die Frage, ob Frauen das Priesteramt ausüben dürfen, sind heute Dauerbrenner. Nur: Wie lange hat es gedauert, bis in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt wurde? Bis überhaupt in der Politik die ganze Frauenfrage aufs Tapet kam? Hans Küng hat in seinen ersten Büchern noch nicht von den Frauenproblemen in der Kirche gesprochen. Auch ich bin erst für die Frauenfrage in der Kirche sensibilisiert worden, als die Frauen politisch aktiv wurden.

Es geht in der Kirche alles sehr, sehr langsam, aber geht es auch vorwärts?

Brenni: Die katholische Weltkirche ist ein riesiges, durch lange Traditionen verschiedenster Kulturen verankertes Gebilde. Da gehen Erneuerungen einfach viel mühsamer und langsamer vonstatten. Der heutige Kardinal Rauber hat einmal gesagt, dass die Schweizer Katholiken der Zeit voraus seien. Diese Meinung teile ich. Wir gehören zu den Pionieren, die gewisse kirchliche Lehren anders interpretieren. Ich meine, dass auch Dogmen immer aus der Zeit heraus zu verstehen und entsprechend zu interpretieren sind.

Worauf beruht denn Ihr Glaube?

Brenni: Ich glaube nicht an einzelne Sätze, das ist mir zu stark ein rechtliches Denken. Der Glaube ist für mich vorab Vertrauen. Ein Urvertrauen in Gott und Jesus. Und die entscheidende Instanz ist das Ge­wissen.

Wie definieren Sie das Gewissen?

Brenni: Das Gewissen ist die Stimme des Herzens, die zuletzt mein Tun und Lassen entscheiden soll.

Wir haben von der Trägheit des kirchlichen Veränderungswillens geredet. Muss man angesichts der klerikalen Starre von Rom nicht resignieren?

Brenni: Man ist nicht davor gefeit. Auch ich hatte grössere Krisen punkto Rom. Vielleicht hat das Zweite Vatikanische Konzil zu viele Erwartungen geweckt. So schnell, wie man damals hoffte, geht es wohl nicht. Das hat mich eine Zeit lang auch fast an den Rand gebracht. Dennoch: Es hat sich gottlob vieles verändert. Das darf man nicht ausblenden. Auch mit dem jetzigen Papst ist Hoffnung angesagt.

Der christliche Glaube kann doch auch losgelöst vom Kirchenapparat gelebt werden? Warum nimmt man immer «Rom» zum Massstab?

Brenni: Die Kirche ist die Gemeinschaft der Christen. Nach dem Tod Jesu haben sich die Christen vorzüglich zum Mahl getroffen, von Jesus und seiner Botschaft erzählt und sich besonders der Kleinen, Kranken und Armen angenommen. Es haben sich mit der Zeit je verschiedene Kirchen gebildet, die sich leider oft bekämpften. Heute hören sie aufeinander und arbeiten vielfach zusammen. Die römisch-katholische Kirche muss deutlicher erkennen, dass sie eine unter vielen Kirchen ist!

Religiöse Werte und Haltungen, die das Leben von Generationen prägten, haben radikal an Bedeutung verloren Bedauern Sie diese Entwicklung?

Brenni: Die Welt und mit ihr die Gesellschaft hat sich in den letzten 50 Jahren rasant verändert. Da darf man nicht erwarten, dass in der Kirche alles gleich bleiben würde. Ich bedaure nicht, wenn der Klerikalismus schwindet. Die Kirche muss nicht Macht haben. Sie muss da sein, mit ihrer Lebendigkeit und ihrer Menschlichkeit, und so sollte sie auch von der Politik vermehrt ernst genommen werden.

Gibt es Werte, die Sie vermissen?

Brenni: Ich bedaure, dass der Sonntag als Tag der Besinnung und der Gottesverehrung an Wert verloren hat. Das würde unser Leben menschlicher machen. Um Menschlichkeit geht es auch bei der Aufnahme von Flüchtlingen. Auch wenn wir Tausende aufnehmen, müssen wir nicht um unseren Wohlstand fürchten. Wir leben immer noch sehr luxuriös.

Welche Relevanz haben für Sie die östlichen Religionen?

Brenni: Ich habe vieles von östlichen Religionen gelernt, etwa vom japanischen Zen-Buddhismus. Die Stille und die Meditation bereichern den Alltag. Dank den Jesuiten in Bad Schönbrunn habe ich Zen-Meditation zu praktizieren gelernt.

Der Glaube an Gott ist aus der Hilflosigkeit des Menschen erwachsen, der Angst vor dem Ungewissen und dem Tod hat. Teilen Sie diese Ansicht?

Brenni: Religion hat es schon immer gegeben, weil der Mensch mit Ungewissheit, Angst und der Zerbrechlichkeit des Lebens konfrontiert ist. Ich glaube, dass Gott in jedem Menschen im Tiefsten da ist.

Seit 18 Jahren leben Sie als Chorherr im Stift St. Leodegar in Luzern. Wie verbringen Sie Ihre Tage?

Brenni: Da ich seit zwei Jahren eine Lähmung in den Beinen habe und mich bewegen sollte, bin ich jeden Tag zu Fuss unterwegs. Zweimal pro Woche gehe ich ins Fitness. Ich lese viel, zeichne und modelliere. Früher habe ich oft beim Bildhauer Franco Annoni gearbeitet.

Wann ärgern Sie sich, wenn Sie Zeitung lesen oder Fernsehen schauen?

Brenni: Wenn Dummheit regiert und Themen einfältig und oberflächlich abgehandelt werden. Im Fernsehen kommt so viel Kitsch und Klatsch. Aber ich muss gestehen, dass ich ein wenig krimisüchtig bin. Ich liebe es, wie Ermittler den Fällen nachgehen und sie auflösen.

Wie verfolgen Sie das Welt­geschehen?

Brenni: Ich nehme mit etwas Vorsicht daran teil und muss aufpassen, dass ich nicht verbittert werde. Es setzt mir zu, was alles in der Welt läuft.

Und wenn Sie Jugendliche sehen, die pausenlos mit dem Handy beschäftigt sind und eine Sprache sprechen, dass sich Ihnen früher als Jugendseelsorger die Haare gesträubt hätten?

Brenni: Ich nehme die Jugend trotzdem ernst. Ich mute mir nicht zu, aufgrund von derartigen Strömungen ein kompetentes Urteil über die heutige Zeit abzugeben.

Sie sind bald 89 Jahre alt. Was haben Sie für Gefühle in diesem letzten ­Lebensabschnitt?

Brenni: Ich bin in einem Lernprozess, die Endlichkeit des Lebens akzeptieren zu können. Es gilt, loslassen zu können.

Niemand weiss, was nach dem Tod kommt. Wie gehen Sie damit um?

Brenni: Ich spüre eine Hoffnung, eine Sehnsucht. Wenn es eine falsche Sehnsucht wäre, wäre das Leben hier ein Irrtum. Die Natur gibt viele Zeichen, dass es nach dem Tod weitergeht. Ich glaube an die Auferstehung. Sie ist das Hauptmotiv, dass ich Christ bin. Jesus hat das vorgelebt, die Kirchen haben das angenommen.

Haben Sie nie Zweifel an dieser Möglichkeit?

Brenni: Zum Glauben gehören immer auch der Schatten und der Zweifel. Frei von Zweifeln ist ein ehrlicher Mensch nie. Dem aber steht die Hoffnung gegenüber, dass es nach dem Tod ein neues Leben gibt. Ein Leben in anderer Form. Mit Hoffnung erfüllen mich auch die Heiligen, die uns Vorbilder sein können. Es gibt auch heute Heilige. Das sind oft einfache Leute, die ihr Schicksal tragen, die von Liebe erfüllt sind und Gutes tun. Solche Menschen erhalten die Kirche, nicht die Dogmen. Auf diese Weise erfahren wir Menschen trotz so viel Übel in der Welt immer neue Auferstehung: Leben, Licht, Liebe.