OSTERN: Sie betet Eheprobleme weg

Jung und Alt, Arm und Reich wenden sich mit Sorgen an die Klosterfrauen aus Muotathal. Vor dem Fest der Hoffnung treffen besonders viele Gebetsanliegen ein.

Interview Kari Kälin, Bild Pius Amrein
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Schwester Scholastica Oppliger. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Schwester Scholastica Oppliger. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Schwester Scholastica Oppliger, den Franziskanerinnen von Muotathal kann man per E-Mail Gebetsanliegen schicken. Haben Sie vor Ostern, dem Fest der Auferstehung und Hoffnung, besonders viel zu tun?

Schwester Scholastica: Ja. Es gibt mehr Post, mehr Telefonanrufe und Briefe, in denen Menschen ihre Gebetsanliegen und Sorgen äussern. Heute Morgen habe ich zum Beispiel bereits zwölf E-Mails erhalten (das Gespräch fand am Freitag, 11. April, statt, Anm. d. Red.). An Ostern machen sich die Menschen mehr Gedanken über den Glauben. Damit rückt auch das Gebet wieder in den Vordergrund.

Welche Menschen bitten bei Ihnen um Hilfe?

Scholastica: Menschen aus der ganzen Schweiz, manchmal sogar aus dem Ausland. Die Gebetsanliegen stammen von Jung und Alt, vom Bauer bis zum Banker. Wir beten also für Menschen aus allen Generationen und Gesellschaftskreisen.

Beantworten Sie alle E-Mails und ­Briefe alleine?

Scholastica: Ja, abgesehen von wenigen Ausnahmen. Manchmal reserviere ich mir einen Nachmittag, um alle Gebetsanliegen zu beantworten. So gelingt es mir, auf alle Anfragen zu reagieren.

Welche Probleme tragen die Leute an Sie?

Scholastica: In diesen Tagen vor allem Familiensorgen. Dieses Phänomen beobachte ich meistens vor grossen kirchlichen Festen wie Ostern und Weihnachten. Es kommt zu einem grossen Familientreffen. Dabei drohen Konflikte auszubrechen, obwohl doch ein Fest auf dem Programm steht und man eigentlich nett zueinander sein möchte. Ein häufiges Thema sind auch Krankheiten oder der Umgang mit pflegebedürftigen Familienmitgliedern. In letzter Zeit melden sich auch auffallend viele Männer im Alter zwischen 30 und 45 Jahren.

Was plagt sie?

Scholastica: Sehr oft Probleme am Arbeitsplatz oder in der Partnerschaft. Zum Teil räumen die Männer ein, dass sie das Problem selber verursacht haben, zum Beispiel durch Untreue. Sie bitten uns manchmal dafür zu beten, dass ihnen ihre Partnerin verzeiht und sie wieder zu ihr und den Kindern zurückkehren können.

Die Menschen denken also, dass die Franziskanerinnen aus Muotathal Probleme wegbeten können?

Scholastica: Sie hoffen natürlich, dass sich ihre Lebenssituation durch unser Gebet verbessert. Wir beten fünf Stunden am Tag. Ich informiere meine Mitschwestern über die Anliegen, die wir erhalten. Dann schliessen wir diese ins Gebet ein. Ich versuche aber auch, neben dem Gebet konkrete Ratschläge zu geben. Es handelt sich also um klassische Seelsorge.

Warum wenden sich diese Männer ausgerechnet an eine Ordens­schwester?

Scholastica: Vielleicht, weil man sich diskret hinter Klostermauern und nicht in der Öffentlichkeit um deren Probleme kümmert. Die Hemmschwelle, sich online an eine Instanz zu wenden, ist tiefer, als wenn man zum Beispiel das Gespräch mit dem Seelsorger der Pfarrei sucht. Zudem handelt es sich häufig um Personen, die keine Kirchengänger sind und sowieso nicht so stark am Pfarreileben teilnehmen.

Ein Kloster ist ein Ort der Stille. E-Mails, das bedeutet aber auch Hektik. Wie gehen Sie damit um?

Scholastica: Ich lasse mich nicht unter Zeitdruck setzen. Ich erlaube mir, einige Mails auch einmal einen Tag oder länger unbeantwortet zu lassen. Wir twittern nicht, sind nicht auf Facebook und nicht auf allen Kanälen präsent. Wir sind ein kontemplatives Kloster und legen besonderen Wert darauf, in der Stille zu leben und sich nicht der Alltagshektik auszuliefern.

Was bedeutet für Sie Ostern?

Scholastica: Jesus ist für uns gestorben. Durch seine Auferstehung schenkt er uns neues Leben. Es ist etwas Wunderbares, dass wir nicht in ewiger Sünde verharren müssen. Die liturgischen Feiern und die persönliche Beichte runden das Osterfest ab.

Kommen Sie im Kloster überhaupt zum Sündigen?

Scholastica: Als Ordensfrauen sind wir genauso Menschen wie alle anderen auch und begehen Fehler. Auch ich habe ab und zu negative Gedanken oder ärgere mich über eine Mitschwester. Dass Gott uns unsere Sünden vergibt, ist ein grosses Geschenk.

Ihr Orden trägt den Namen des neuen Papstes. Freut Sie das besonders?

Scholastica: Natürlich. Seine Namenswahl bedeutet uns viel. Franziskus lebt das Ideal, ein Papst der Armen zu sein, glaubwürdig vor. Er wird vieles in einem guten Sinn bewegen. Er geht auf die Menschen zu, auch auf jene, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Ihre Gemeinschaft gelobt Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam. Bereitet Ihnen dies manchmal Mühe?

Scholastica: Es gibt schwierige Momente. Wir können nicht immer so frei entscheiden, wie wir vielleicht gerne würden. Wir können nicht einfach eine Reise unternehmen oder uns etwas leisten, zum Beispiel ein Kleid, das uns gerade gefällt.

Sie haben im Inselspital Bern eine Lehre als Krankenschwester absolviert. Dabei haben Sie einen Kinderarzt getroffen, eine Heirat stand zur Debatte. Haben Sie es nie bereut, dass Sie Ordensfrau geworden sind?

Scholastica: Nein. Es war ein langer Entscheidungsweg. Mit 14 Jahren spürte ich zum ersten Mal die Berufung für ein Klosterleben, nachdem ich einen Film über das Leben des heiligen Franziskus gesehen hatte. Danach wusste ich: Ich will leben wie er. Gleichwohl habe ich mich mit der Frage nach einer Ehe auseinandergesetzt. Ich fand heraus, dass ich nicht glücklich werden kann in einer Beziehung. Ich will mein Leben ganz Gott widmen können. Ich bin sehr glücklich, würde mich wieder fürs Klosterleben entscheiden.

Sie sind im protestantischen Kanton Bern, im Emmental, aufgewachsen. War es ein schwieriger Entscheid, mit 20 Jahren zum Katholizismus zu konvertieren?

Scholastica: Ich habe mich vertieft mit dem Katholizismus auseinandergesetzt, nachdem ich meine Berufung für ein franziskanisches Leben gespürt hatte. Ich wusste: Wenn ich in ein Kloster eintreten will, muss ich Katholikin werden. Meine Familie und Freunde hatten zuerst nicht Freude daran. Jetzt sind sie froh, dass ich glücklich bin und meinen Weg gefunden habe.

Bei den Ordensfrauen fehlt es an Nachwuchs – wie bei den Männern. Wie lange wird das Kloster Muotathal noch bestehen?

Scholastica: Wir haben letztes Jahr unser 725-jähriges Bestehen gefeiert. Die Gemeinschaft hat in dieser Zeit viele Hochs und Tiefs erlebt. Ich glaube fest an eine Zukunft in Muotathal. Im Oktober wird eine 28-jährige Frau in unser Kloster eintreten. Dies kann vielleicht weitere Frauen anziehen.

Haben Sie ein Rezept, um mehr Frauen für ein Leben im Kloster zu gewinnen?

Scholastica: Wir müssen als Ordensfreuen ein authentisches Zeugnis abgeben und die Ideale des heiligen Franziskus vorleben. So lautet unser Rezept.

In Italien sorgt die 25-jährige Schwester Cristina Scuccia in der Castingshow «Voice of Italy» für Furore. Millionen haben im Internet nachgeschaut, wie sie den Hit «No one» von Alicia Keys singt. Käme so etwas für Sie in Frage.

Scholastica: Ich wurde tatsächlich angefragt, ob ich wie Schwester Cristina bei einer Sendung dieser Art mitmachen wolle.

Von welcher Fernsehstation?

Scholastica: Das verrate ich nicht.

Haben Sie zugesagt?

Scholastica: Nein. Für mich würde ein Auftritt für ein Massenpublikum nicht passen. Ich gehöre einer Gemeinschaft an, in der Stille eine grosse Rolle spielt.

Halten Sie das Vorgehen von Schwester Cristina für falsch?

Scholastica: Nein. Für Cristina scheint es zu stimmen. Sie gehört auch einem Orden (Ursulinen, Anm. d. Red) an, der stärker nach aussen orientiert ist als der unsere. Sie sagt, sie könne auf diesem Weg das Evangelium verkünden. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.