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PARADIES FÜR NATURLIEBHABER UND VOGELFREUNDE: Das Greifvogel-Wunder von Batumi

Im kleinen Staat am Schwarzen Meer vollzieht sich ein Spektakel: Über eine Million Greifvögel fliegen auf ihrem Herbstzug über Georgien. Doch heisst es auch «Feuer frei» für den illegalen Abschuss. Junge Naturschützer kämpfen dagegen, dass die seltenen Vögel auf dem Esstisch landen.
Text und Bilder: Ingrid Schindler
Strandpromenade in der Boomtown Batumi: Die aufstrebende Hafenstadt gilt als Perle am Schwarzen Meer.

Strandpromenade in der Boomtown Batumi: Die aufstrebende Hafenstadt gilt als Perle am Schwarzen Meer.

Text und Bilder: Ingrid Schindler

So ist das Leben. Das Beste haben wir um Haaresbreite, treffender, um einen Flügelspann verpasst. «Gestern kamen sie zu Abertausenden», erzählen die Jungs vom Batumi Raptor Count. Hochgerechnet 100000 Wespenbussarde, Grau- und Zwergadler aufs Mal! Die freiwilligen Helfer des Batumi Raptor Counter (BRC) führen Buch über das Zuggeschehen und zählen die Vögel. «Ein atemberaubendes Schauspiel am Himmel über Batumi. Die Flügel verdunkelten die Sonne.»

Am nächsten Morgen versuchen wir unser Glück erneut. Wieder ein Dutzend junger Leute hinter einem Bataillon von Spektiven, Objektiven, Ferngläsern, Laptops und Stativen auf der Beobachtungsstation – und kein Drama in der Luft. Nach einer Stunde Warten steigen wir hinunter ins Dorf. Ein einsamer Kaiseradler zieht weit oben seine Kreise. Ein angeketteter Greif döst auf einer Stange in der Sonne. Männer hämmern Baumnüsse auf, Frauen popeln sie aus den Schalen.

In der «Heulsuse» durch ­immergrüne Schluchten wandern

Ganz in der Nähe befindet sich der Nationalpark Mtirala. Eine Wanderung in der «Heulsuse» steht heute auf dem Programm. Den Namen verdankt der Park seinem reichen Niederschlag – viermal mehr als in St. Gallen. Wir wandern durch feuchte, immergrüne Schluchten zu einem tosenden Wasserfall. Danach erwartet uns, wie noch so oft, ein üppiges georgisches Picknick an einem wilden Gebirgsfluss. Früher brachte man auf dem Grund reissender Flüsse Schaffelle an, damit sich Goldstaub darin verfing. Ein solches Goldenes Vlies raubten der Sage nach Jason und die Argonauten mit Medeas Hilfe, Königstochter aus dem Reich Kolchis. Am Abend kehren wir ohne Gold und Vlies, aber mit einer Vorstellung von der überbordenden Artenvielfalt der subtropischen kolchischen Wälder zum Raptor Point zurück. Jonas Schärrer, Biologiestudent und Birdwatcher aus Bern, berichtet uns mit leuchtenden Augen, was wir diesmal verpasst haben: seltene Turmfalken, Wiesen- und Steppenweihen zu Tausenden. Damit ihnen das nicht passiert, beziehen die Raptor Counter von Sonnenaufgang bis zwei Stunden nach Untergang auf den Hügeln über dem Dorf Sakhlvasho Stellung. Kost und Logis nehmen sie bei den Einheimischen im Dorf.

Weltweit einer der besten Hotspots für Vogelzüge

Der Höhenzug von Sakhlvasho ist einer der besten Hotspots für Vogelzüge weltweit. Ein Flaschenhals, Bottleneck, wie die Birdwatcher sagen, in dem zwischen Ende August und Ende Oktober über eine Million Greifvögel durchziehen. Je später im Herbst, desto höher die Chancen auf grosse Adler. Die Vögel meiden das offene Meer ebenso wie wolkenverhangene Gebirgsketten. Zwischen Schwarzem Meer und den Ketten des Kaukasus verengt sich nördlich von Batumi der Zugtrichter zu einem schmalen Küstenkorridor mit perfekten Strömungsverhältnissen. Zwischen 10 und 17 Uhr seien die Chancen am grössten, Greifvögel zu beobachten, sagt Jonas. Thermiksegler wie Adler, Weihen, Falken und Bussarde nützen den Aufwind, um ihre Kräfte auf dem zehrenden Zug in den Süden zu schonen und mit minimalem Aufwand zu fliegen.

So bunt wie die Herkunft der Vögel würfeln sich die Teilnehmer des Batumi Raptor Counts aus ganz Europa zusammen. Belgier und Holländer haben vor zehn Jahren das Projekt ins Leben gerufen, um Langzeitmonitorings über die Vogelzüge anzustellen und die Greife vor dem Abschuss zu retten. Zwar ist die Jagd auf die Herren der Lüfte verboten, sie hat aber in Georgien Tradition und wird kaum geahndet. «Die Tiere landen auf dem Tisch oder werden aus Vergnügen geschossen. Schon kleine Jungen lernen das», sagt Aki aus Finnland. Ein Bewusstsein für Artenschutz gibt es nicht. «Viele der Leute haben keinen Job und wenig Geld, aber Zeit und ein Gewehr im Haus. Die Jagd auf Greifvögel kostet nichts, macht Spass und satt. Da spielt es keine Rolle, ob eine Art vom Aussterben bedroht ist.»

Das BRC-Projekt zielt auf das Umdenken der Einheimischen ab. Dass es sich lohnt, die Greife zu schützen statt zu schiessen. Dabei setzt man auf Ökotourismus und hilft Wilderern, ihre Häuser in B & Bs mit einfachen, sauberen Gästezimmern umzuwandeln. Bei süffigem, selbstgekeltertem Hauswein aus dem eigenen Garten – die Trauben vergären samt Kernen, Stielen und Häuten wie vor Jahrtausenden in grossen, in der Erde versenkten Amphoren – und einem ausgiebigen Abendessen lässt es sich effizienter über Vogelschutz diskutieren als bei harter Konfrontation. Letztendlich überzeugen Sympathie und die bare Münze, denn lebende Greife bieten einen besseren Verdienst als tote.

Jeder ein Selbstversorger, die Gärten geben vieles her

Auch wir haben uns über die BRC privat in Sakhalvasho einquartiert und treffen auf französische Birdwatcher im Haus. Der Hausherr, ein Bauingenieur, ist schon lange ohne Arbeit, seine Frau, die Dorflehrerin, verwöhnt uns. Die Töchter lernen Deutsch und Englisch. Sie beherrschen es gut und hoffen auf ein Studium in Deutschland, wie so viele junge Leute im Land. Zum Leben reicht es knapp. Jeder ist Selbstversorger, die Gärten geben vieles her. Man freut sich über die Gäste aus dem Westen, ja, unser Hausherr inzwischen auch. Anstatt weiter zu wildern, hat er Kollegen geholfen, ihrerseits Gästezimmer auszubauen. Die Gästehäuser des BRC sind über die Hügel verstreut. Nicht jedes sieht einladend aus. Viele müssen einmal schmucke Villen mit kunstvoll verzierten schmiedeeisernen Balkonen, Balustraden und Zäunen gewesen sein. Hier ein Anwesen hinter dichten Hecken aus Kirschlorbeer, Oleander, Rosen und Buchs, dort verfallene Zitrus- und Teeplantagen, Wein- und Gemüsegärten oder ein halbfertiger, umgebauter Hof mit Kastanien, Granatapfel- und Walnussbäumen und Bienenkästen auf der Wiese nebenan. Ein immergrünes Schlaraffenland mit Blick aufs Schwarze Meer, das sich fünf Kilometer nördlich von Batumi über der Tiefebene von Kolchis erhebt. Zu sowjetischen Zeiten baute man hier Tee, Zitrusfrüchte und süssen Wein an, wie ihn der Georgier Stalin liebte.

Für sechs Euro kommt man mit dem Taxi nach Batumi hinunter. Eine Fahrt in eine andere Welt. Die Perle am Schwarzen Meer, 190 000 Einwohner, von den Griechen gegründet und bereits bei Plinius dem Älteren erwähnt, brachte zur Zarenzeit Villen im Jugendstil und Historismus hervor. Seit der Hinwendung nach Westen mausert sich der bedeutendste Hafen Georgiens zur Boomtown, dem Korridor für Erdöl und -gas aus Baku gen Westen sei Dank. Ein eurasisches Little Dubai und Las Vegas, von Amerikanern, der Nato, EU gehätschelt und bei Russen, Iranern, Türken als liberale Oase für Glücksspiel, Badeferien und Investitionen beliebt. Die Chinesen sind auch schon da.

Die Küstenskyline ist mit fantasievoll-futuristischen Wolkenkratzern aufpoliert, der Strand ist mit einer sieben Kilometer langen Promenade, Bambushainen, Musikpavillons und Casinos her­ausgeputzt, Hotelketten überbieten sich mit 5-Sterne-Luxus. Nichts verkörpert den Aufbruch des Lands im Clinch der Kulturen besser als diese schräge Stadt, in der Orient und Okzident so geschmeidig miteinander können.

Ist Georgien noch Europa oder schon Asien? Geografisch ist die Frage klar, Georgien liegt in Vorderasien. Und doch stellt sich diese Frage auf unserer Reise durch dieses Land immer wieder, das wie ein Puffer zwischen den Machtblöcken, Welt­religionen und Kontinentalplatten sitzt. Offenheit, Freundlichkeit und Vielfalt ist, was Georgien am ehesten charakterisiert. Vielfalt der Völker, Sprachen, Landschaften und Kulturen. Und bei aller Zwischenlage ist es tief verankert in der frühen christlich-abendländischen Tradition. Das wird sich auch 2018 zeigen, wenn der literaturbegeisterte «Balkon Europas in Asien», wie sich Georgien selbst bezeichnet, Gastland auf der nächsten Frankfurter Buchmesse ist. Prometheus und die Adler vom Kasbek lassen grüssen. Das ist eine andere georgisch-europäische Geschichte. Darauf trinken wir ein Glas Wein, dessen Ursprung ebenfalls in Transkaukasien liegt.

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