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PARIS: Französinnen verteidigen Anmache

Filmstar Catherine Deneuve und weitere prominente Französinnen kritisieren die Me-Too-Debatte im Zuge der Weinstein-Affäre. Die Reaktionen von Feministinnen reissen nicht ab.
Stefan Brändle, Paris
Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve. (Bild: Evan Agostini/AP)

Die französische Schauspielerin Catherine Deneuve. (Bild: Evan Agostini/AP)

Stefan Brändle, Paris

«Vergewaltigung ist ein Verbrechen», beginnt der Beitrag im renommierten Blatt «Le Monde». «Aber selbst die aufdringliche oder ungeschickte Anmache ist kein Delikt. Und die Galanterie ist keine machistische Aggression. Wir verteidigen die Freiheit, lästig zu fallen, als unerlässlich für die sexuelle Freiheit.»

Verfasst wurde der Text von fünf bekannten Frauen wie der Psychoanalytikerin Sarah Chiche, der Autorin Abnousse Shalmani, die sowohl die iranischen Mullahs wie auch die Feministinnen attackiert, und der Kunstkritikerin Catherine Millet, die vor Jahren mit dem Buch «Das sexuelle Leben der Catherine M.»Furore gemacht hatte. Hundert weitere Unterschriften stammen unter anderem von der Sängerin Ingrid Caven, dem heute journalistisch tätigen Ex-Pornostar Brigitte ­Lahaie oder der Schauspielerin Catherine Deneuve.

Die 74-jährige Doyenne des französischen Kinos hatte sich schon im vergangenen Herbst gegen die französische Kampagne «Balance ton porc» («Verpfeif dein Schwein») im Zuge der Weinstein-Affäre geäussert. Früher hatte sie sich bereits gegen eine Anzeigepflicht von Flüchtlings-Beherbergern oder gegen Bussen für Freier gewehrt – stets im Namen der Freiheit.

«Klima einer totalitären Gesellschaft»

Doch heute verfolge eine Art Schnelljustiz «Männer, deren einziger Fehler es war, ein Knie berührt, einen Kuss erhascht oder bei einem Arbeitsessen intime Dinge angesprochen zu haben». Chiche fügte gestern auf dem Radiosender Franceinfo an: «Einem Mann nein sagen zu können, setzt voraus, dass er ihr einen Vorschlag gemacht hat, und zwar auf freie Weise.»

Die Verfasserinnen halten der Gegenseite «Puritanismus» und eine selbst eingenommene Rolle «ewiger Opfer» vor. Dies führe zu einer Kultur des «Denunzierens» und dem «Klima einer totalitären Gesellschaft». «Als Frauen erkennen wir uns nicht in einem Feminismus wieder, der – über das Anprangern des Machtmissbrauchs hinaus – zu einem Hass auf die Männer und die Sexualität führt.»

Gerade in Frankreich, wo die Grenzen zwischen staatlich verschriebenem Einheitsdenken und politischer Korrektheit schon immer fliessend waren, waren die Reaktionen programmiert. «Endlich!», atmete auf der Webseite von «Le Monde» ein Vertreter der wahrscheinlich männlichen Zunft auf; ein anderer äusserte «Dank den Damen für diesen Beitrag, der einmal etwas anderes als die verbreiteten Schuldzuweisungen bringt».

Bedeutend distanzierter meinte der Beziehungsspezialist Paul Ackermann, er werde den Eindruck nicht los, dass das Frauenkollektiv rundum der Generation vom Mai 1968 angehöre. Die frühere sozialistische Frauen­ministerin Laurence Rossignol unterstellt den Verfasserinnen, sie seien auf die Blicke und das Verlangen der Männer angewiesen – «was intelligente Frauen dazu verleitet, gewaltige Albernheiten von sich zu geben».

Die Feministin Caroline De Haas bezichtigt die hundert Frauen, «das Recht der sexuellen Aggression auf die Frauen zu verteidigen». Unter ihrer Federführung widersprachen in einem eigenen Beitrag 30 Frauenrechtlerinnen der Behauptung, man könne «nicht mehr flirten»; Tatsache sei hingegen, dass täglich Hunderttausende von Französinnen sexuell belästigt würden. De Haas weiter: «Die Verfasserinnen des Beitrags vermengen vorsätzlich Gewalt mit Verführung, Respekt und Vergnügen.» Eigentlich seltsam: Den genau gleichen Vorwurf erheben auf der Gegenseite auch die Frauen um Deneuve.

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