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PARK: «Ich bin nicht der Safari-Typ»

Anna Baumann (50) ist verantwortlich für 150 Mitarbeiter und 800 Tiere. Der von ihr geleitete Natur- und Tierpark Goldau ist für sie «der schönste Zoo der Welt». Und sie meint das absolut ernst.
Interview Pirmin Bossart
Sie mag am liebsten Wölfe, Esel und Frösche, aber auch der Sikahirsch kriegt bei Gelegenheit Streicheleinheiten ab: Anna Baumann, Direktorin des Natur- und Tierparks Goldau, der für sie in unserer eher «naturfeindlichen» Zeit von immenser Bedeutung ist. (Bild Pius Amrein)

Sie mag am liebsten Wölfe, Esel und Frösche, aber auch der Sikahirsch kriegt bei Gelegenheit Streicheleinheiten ab: Anna Baumann, Direktorin des Natur- und Tierparks Goldau, der für sie in unserer eher «naturfeindlichen» Zeit von immenser Bedeutung ist. (Bild Pius Amrein)

Anna Baumann, der Tierpark Goldau hat kürzlich den Zentralschweizer Tourismus Award erhalten. Bei der Verleihung sagten Sie, der Natur- und Tierpark Goldau sei der schönste Zoo der Welt. Hmm ...

Anna Baumann: Was hmm? Ich meine das wirklich so. Ich besuche sehr viele Zoos, nicht nur in der Schweiz, und da ist der Tierpark Goldau wirklich ein Bijou. Absolut einmalig.

Was ist denn seine Besonderheit?

Baumann: Das Bergsturzgelände, in dem der Tierpark liegt, ist fantastisch. Die Vielfältigkeit der Flora, der Fauna, der Gesteine, das alles spielt zusammen. Wir arbeiten mit der Nagelfluh, nutzen sie als Material. Wenn wir neue Anlagen planen oder umbauen, passen wir uns immer dem Gelände an. So entsteht auf natürliche Weise das strukturierte Gelände, in dem sich Tiere besonders wohlfühlen.

Was interessiert Sie, wenn Sie fremde Zoos besuchen?

Baumann: Alles! Wie andere das machen. Wie sie die Anlagen gestalten. Was sie mit dem Zoo für eine Geschichte erzählen. Wie die Infotafeln aussehen. Wie die Infrastruktur aufgebaut ist. Welche Tierarten ein Zoo hat: Sind es vom Aussterben bedrohte Arten oder einfach die Lieblingstiere des jeweiligen Direktors?

Welche Tiere gefallen denn Ihnen ganz besonders?

Baumann: Wölfe, Esel und Frösche. Wölfe und Esel sind äusserst feinfühlige Tiere. Frösche sind weltweit vom Aussterben bedroht. Wir müssen uns für die Amphibien einsetzen. Sie haben es verdient. Wir brauchen jedes Lebewesen, damit die Natur funktioniert.

Was für ein Konzept ist im Tierpark Goldau anzutreffen?

Baumann: Wir sind spezialisiert auf einheimische europäische Arten. Das macht für uns mehr Sinn, als einfach einen bunten Mix von einheimischen und exotischen Tieren zu präsentieren. Die Besucher erhalten ein tieferes Verständnis für einen jeweiligen Lebensraum. Zu viele verschiedene Tiere aus ganz verschiedenen Gegenden, das kann auch überfordern, und ein Verständnis kann nur bedingt vermittelt werden.

Der Natur- und Tierpark Goldau nennt sich explizit ein «wissenschaftlich geführter Zoo»: Warum legen Sie Wert darauf?

Baumann: Die Bezeichnung ist wichtig, weil wir damit zur weltweiten Zoo-Vereinigung gehören können. Wir haben gemeinsame Ziele wie Forschung, Erholung, Information und Naturschutz.

Was wird im Tierpark Goldau geforscht, haben Sie ein Beispiel?

Baumann: Ein aktuelles Projekt ist die Stressforschung bei Schneehasen. Hier wird untersucht, wie stark beispielsweise Freizeitaktivitäten wie Schneeschuhlaufen oder Variantenskifahren die Lebensweise der Schneehasen belasten. Da werden auch Tiere von uns zum Vergleich herangezogen. Ein anderes Forschungsprojekt untersucht die Kommunikation, die Paarungsbereitschaft und die Ernährung von Luchsen. Zu diesem Zweck haben wir ein Luchs-WC aufgestellt, um dort den Urin entnehmen zu können.

Wölfe und Bären leben in Goldau in der gleichen Anlage. Der Tierpark war der erste Zoo in der Schweiz, der das einführte. Wie hat sich das bewährt?

Baumann: Sehr gut. Es gibt kleine Neckereien und gelegentlich Reibungen. Alles, was bei uns in der Kinderstube läuft, läuft auch bei Bären und Wölfen.

Der Wolf ist stark in der Diskussion. Die Nutztierhalter blasen zum Abschuss, die Naturschützer wollen die Tiere dulden. Wo liegt Ihre Position?

Baumann: Die Tiere gehen dorthin, wo sie einen Lebensraum finden. Offensichtlich haben wir Gebiete in der Schweiz, wo sie sich wohlfühlen. Andererseits ist der Platz beschränkt, es gibt Konflikte. Offensichtlich braucht es nun, wie überall, auch für die Natur Regulierungsmassnahmen, weil wir Menschen nicht damit umgehen können.

Machen Sie sich als Direktorin eines Tierparks nicht für das Daseinsrecht von Wolf und Bär stark?

Baumann: Es ist eine schwierige Diskussion. Ich verstehe auch die Nutztierhalter bis zu einem gewissen Grad. Aber sie sollten auch realisieren, dass sie nicht einfach nur Subventionsempfänger sein können, sondern sich um die Tiere kümmern müssen. Dazu gehören der Schutz, das Einhagen von Weideflächen, der Einsatz von Herdenschutzhunden. Das ist natürlich aufwendig und hat wieder weitere Probleme zur Folge. Was machen die Herdenschutzhunde im Winter? Kurzum: Wenn die Tierhalter, aber auch die Naturschützer einen Schritt mehr machen würden, gäbe es diese ganze Polemik nicht.

Sie engagieren sich auch für die Wiederansiedlung von gefährdeten Tierarten: Was konnte erreicht werden?

Baumann: Die Wiederansiedlung ist ein wesentliches Argument für die Existenz von Zoos und Tierparks. Ohne Tierparks gäbe es zum Beispiel keine Wisente mehr. Aus den letzten 13 dieser «europäischen Bisons», die in der Zoowelt überlebten, konnte dank Zucht und Wiederansiedlung wieder eine Population aufgebaut werden. Das Gleiche wird im europäischen Raum mit den Bartgeiern gemacht. Daran sind wir auch beteiligt. Den jüngsten Bartgeier, der hier aufgezogen wurde, haben wir diesen Frühling in der Melchsee-Frutt freigelassen. Wiederansiedlungsprojekte gibt es auch für Wisente, Wildkatzen, Laubfrösche und Waldrappen.

Trotzdem: Es gibt kritische Stimmen, die sagen, dass Zoos abgeschafft werden müssten, weil solche Anlagen für Tiere unwürdig seien.

Baumann: Was ist würdig und unwürdig, wie beurteilen wir das? Tiere sind in der Natur auch nicht endlos frei, sondern eingeschränkt durch andere Tiere, Infrastrukturen, Menschen. Auch in Afrika sind viele Tiere vom Aussterben bedroht, weil ihre Körper als Trophäen oder Heilmittel verkauft werden. Da dürften wir in letzter Konsequenz auch keine Nutztiere mehr halten und töten, keine Ledersachen tragen usw., wie das die Veganer anpeilen. Ob das eine Lebensphilosophie für alle ist, stelle ich sehr in Frage.

Warum also soll es den Natur- und Tierpark Goldau weiterhin geben?

Baumann: Damit wir informieren und aufklären können. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, ihnen das System Natur näherbringen zu können. Das erachte ich als eine elementare Erziehungsaufgabe. Viele wissen nicht mehr wirklich, welche Tiere in unseren Wäldern leben und wie sie aussehen, weil sie nicht mehr in den Wald gehen.

Aber ist es nicht seltsam, dass in der realen Welt die Lebensräume für Tiere immer mehr eingeschränkt werden und andererseits in Zoos und Tierparks Umweltbildung betrieben und für das Verständnis von Tieren und Naturräumen geworben wird?

Baumann: Natürlich hätte ich am liebsten, wenn überall noch intakte Natur vorhanden und genügend Platz für Tiere wäre. Ich halte nicht am Konzept Tierpark oder Zoo fest. Es ist nur so, dass in der jetzigen Zeit die vorhandenen Räume für Tiere stärker beschnitten werden. In dieser Realität ist daher auch das Konzept Tierpark sehr wertvoll und wichtig.

Haben Sie auch ausländische Touristen als Besucher?

Baumann: Es kommen inzwischen recht viele Touristen in den Tierpark. Sie sind alle sehr begeistert, insbesondere auch von der Natürlichkeit der ganzen Anlage. Aber wir sind noch nicht so weit, dass wir ganze Gruppen von Chinesen durchschleusen. Es sind mehr Individualtouristen oder kleine Gruppen, die kommen.

Wir nehmen an, dass auch noch keine Uhren und Schmuck im Tierpark verkauft werden?

Baumann: Das werden wir sicher nie machen. Das ist nicht unsere Kompetenz. Tiere, Wiederansiedlung, Natur, das steht bei uns im Vordergrund. Wir haben klare Vorstellungen, was die Touristen mitnehmen sollen.

Sie haben in der Bankenbranche und in der Telekommunikation gearbeitet, bevor Sie Tierpark-Direktorin wurden. Wie hat sich Ihre Liebe zu den Tieren und zur Natur ergeben?

Baumann: Diese war schon in der Kindheit da. Ich bin auf einem kleinen Hof in Altendorf SZ am Zürichsee aufgewachsen. Wir haben immer Tiere gehalten. Kühe, Hühner, Katzen, Hunde. Ich bin gerne und viel im Wald herumgestreunt, habe Fische gefangen, Krebse gesammelt, mich für Frösche interessiert. Was man als Kind halt so macht. Es ist immer mein Traum gewesen, einen grossen Hof oder einen Rebberg zu besitzen und dort zu arbeiten. Das hat sich nie ergeben.

Stattdessen haben Sie Marktforschung gemacht, bei Bankfusionen mitgearbeitet oder sich im Marketing bei der Swisscom engagiert.

Baumann: Das waren meine Lehr- und Wanderjahre. Ich habe sehr viel gelernt und vor allem andere Branchen gesehen. Davon kann ich enorm profitieren. Ich weiss, wie man einen Betrieb führt, wie man ein Projekt angeht. Ich bin auch viel im Ausland gewesen und habe mich für andere Kulturen begeistert. Überhaupt interessiert mich sehr vieles. So halte ich mich und meine Truppe flexibel. Wir öffnen den Fächer immer sehr weit, wenn wir ein neues Projekt angehen. Das kann manchmal auch Leute überfordern.

Offensichtlich ist das Interesse am Natur- und Tierpark Goldau sehr gross: Was macht ihn so attraktiv?

Baumann: In den letzten Jahren hatten wir immer 350 000 bis 420 000 Besucher. Das natürliche Areal mit seinen Felsblöcken und Teichen ist beliebt. Wir haben Spielplätze, die auf das Tun gewisser Tierarten zugeschnitten sind. So bekommen die Kinder spielerisch mit, wie sich etwa die Eichhörnchen, der Wolf oder der Bär bewegen und verhalten. Man kann grillieren und picknicken bei uns. Wir sind auch eine attraktive Erholungszone und sind bestrebt, jedes Jahr wieder etwas Neues zu bieten.

Auf was legen Sie als Direktorin Wert, wo investieren Sie?

Baumann: Im Mittelpunkt stehen die Tieranlagen und Infrastrukturen. Wir versuchen immer, die neusten Erkenntnisse über die Tierhaltung möglichst schnell umzusetzen. Deswegen passen wir unsere Anlagen fortlaufend den aktuellen Erfordernissen an. Um die Ansprüche der Besucher zu befriedigen, legen wir auch Wert auf eine moderne und komfortable Infrastruktur. So sind die Besucher auch aufnahmefähig für das, was wir vermitteln wollen. Wenn sich jemand ärgert, weil er die Toilette nicht findet oder das Restaurant schlecht fand, ist das eine denkbar schlechte Voraussetzung.

Wie finanzieren Sie den Tierpark? Wie viele öffentliche Gelder sind daran beteiligt?

Baumann: Wir generieren unsere Gelder durch Eintritte, Merchandising und Gastro-Einnahmen. Wir haben keine öffentliche Unterstützung. Das lehrt uns, effizient zu arbeiten, uns zu fokussieren und Prioritäten zu setzen.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Baumann: In der Natur, in meinem Garten. Ich ziehe Gemüse und sonst viel Essbares. Ich bin ein «Freak», wenn es um Inhaltsstoffe und ihre Kombinationen geht. Je nachdem, entsteht ein wahres Feuerwerk im Gaumen.

Haben Sie ein Beispiel?

Baumann: Schwarze Schokolade, Trauben und ein Schluck Grappa. Das mag jetzt etwas deftig klingen. Aber probieren Sie das mal!

Dann essen Sie sehr ausgewählt?

Baumann: Ich habe nicht immer einen vollen Kühlschrank. Oft gehe ich in den Garten und schaue, auf was ich Lust habe. Ich beginne zu pflücken, ohne Konzept, und mache dann etwas daraus.

Sie sind wohl eine experimentierfreudige Geniesserin.

Baumann: Das mag zutreffen. Ich hatte lange einen Genuss- und Weinclub. Wein ist ein grosses Hobby von mir.

Ist das nicht ein explizites Männerhobby?

Baumann: Frauen haben bekanntlich den feineren Gaumen als Männer.

Dann haben Sie einen grossen Weinkeller zu Hause?

Baumann: Nein. Ich bin lieber Fan von ein paar Weinbauern, die ich regelmässig besuchen kann. Es ist für mich wahnsinnig bereichernd, wenn ich an einem Samstagnachmittag mit einem Weinbauer am Tisch sitzen, Weine degustieren und mit ihm über den Wein philosophieren kann.

Wie zufrieden sind Sie mit dem parkeigenen Restaurant Grüne Gans?

Baumann: Wir kochen sehr fein und haben auch gute Weine. Wir müssen selbstverständlich darauf achten, dass es für die durchschnittliche Bevölkerung passt. Ich kann mich selber bei diesem Thema nicht mehr als durchschnittlich bezeichnen. Also mische ich mich auch nicht ein. Sonst könnte es sehr teuer werden ...

Waren Sie schon auf einer Safari?

Baumann: Im Februar war ich in Namibia, in Begleitung eines ehemaligen Zoo-Tierarztes. Er machte das mit sehr viel Respekt. Wir sind nicht einfach hinter den Tieren hergefahren. Das würde ich nicht vertragen. Ich habe mich auch mit Fotografieren sehr zurückgehalten. Ich finde es oft degoutant, wie Leute alles daransetzen, unbedingt ein Tier möglichst gut vor die Linse zu kriegen.

War es Ihr letztes Mal?

Baumann: Ich habe das jetzt mal gemacht. Aber ich bin nicht Fan geworden. Ich bin nicht der Safari-Typ. Wenn schon gehe ich lieber nach Island, in die Wildnis, wo ich selber Tiere entdecken kann.

Haben Sie ein Haustier?

Baumann: Nein. Was denken Sie? Tiere brauchen Sorge. Dafür habe ich viel zu wenig Zeit.

Interview Pirmin Bossart

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