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PARTNERSCHAFT: Das Glück zu zweit braucht Bewegung

Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen: Die Zweierbeziehung steht hoch im Kurs – obwohl sie nicht ganz einfach ist.
Rolf App
Nicht stehen bleiben, zusammen Neues wagen oder auch einfach Bocksprünge machen – so könnte die Liebe Bestand haben. (Bild: Getty)

Nicht stehen bleiben, zusammen Neues wagen oder auch einfach Bocksprünge machen – so könnte die Liebe Bestand haben. (Bild: Getty)

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Man kann Liebe auch in Zahlen fassen. Das Bundesamt für Statistik hat es gerade getan und festgestellt, dass gut drei Viertel der Frauen und Männer zwischen 18 und 80 Jahren in einer Paarbeziehung leben. Meistens tun sie dies mit Trauschein, und zwar vor allem dann, wenn sie Kinder haben. Liegt bei den kinderlosen Paaren der Anteil Unverheirateter noch bei 41 Prozent, so sinkt er massiv auf nur noch 5 Prozent, sobald Nachwuchs zur Welt kommt.

Was Paare verbindet

Was lässt sich über diese Paare sagen? Männer und Frauen stehen sich punkto Alter und Bildung nah. Bei einer Mehrheit der Paare ist der Mann mindestens zwei Jahre älter, 30 Prozent sind etwa gleich alt – und nur bei 9 Prozent ist der Mann mindestens zehn Jahre älter (und bei 1 Prozent die Frau). Bei sechs von zehn Paaren haben beide Partner das gleiche Bildungsniveau. Der Anteil höher gebildeter Frauen wächst, fällt aber mit 12 Prozent immer noch eher klein aus. Stärkere Veränderungen stellen die Statistiker bei der Herkunft fest: In immer mehr Beziehungen – nämlich bei einem Drittel – hat ein Partner bei Geburt eine andere Nationalität gehabt.

Liebe verbindet, und oft zieht man zusammen, wenn sie einigermassen stabil erscheint. Aber nicht immer: Rund 15 Prozent der Paare wohnen getrennt, und zwar vor allem dann, wenn sie noch jung sind.

Wer im Alltag bestimmt

Zusammen wohnen: Das heisst dann auch, dass vieles gemeinsam bewältigt werden muss. Auch dazu geben die Zahlenberge des Bundesamts Auskunft. Bei aussergewöhnlichen Einkäufen, im Sozialleben oder bei Freizeitaktivitäten herrscht ein partnerschaftlicher Geist. Nur die täglichen Einkäufe erledigt die Frau, und zwar vor allem dort, wo Kinder da sind.

Natürlich leben all diese Paare nicht in immerwährender Harmonie. Sie streiten sich auch, und zwar vorzugsweise über Kindererziehung und Hausarbeit. Auch die Freizeitgestaltung führt öfter zu Auseinandersetzungen. Und: In Paarhaushalten mit Kindern treten mehr Meinungsverschiedenheiten auf – etwa beim Thema Hausarbeit (45 Prozent gegenüber 38 Prozent bei kinderlosen Paaren).

Viele sind lange zusammen

Die hohe Scheidungsrate legt nahe, dass Beziehungen instabiler geworden sind. Das ist nicht falsch, muss aber vor dem Hintergrund der Zahlen relativiert werden. Immer noch leben 54 Prozent mit demselben Partner zusammen, mit dem sie ursprünglich zusammengezogen waren. Die andern finden oft wieder einen Partner – oder auch nicht. Die Chance dazu sinkt nämlich mit dem Alter, und zwar bei den Frauen stärker als bei den Männern.

Die moderne Paarbeziehung ist ein Kind des aufkommenden Kapitalismus. Erst im 18. Jahrhundert nämlich kristallisiert sich der Gedanke heraus, dass der Mensch der Stimme seines Herzens folgen soll. Vorher ist die Ehe eine Verbindung zweier Familien und wird auch in aller Regel von den Eltern ausgehandelt. Höchstens zufällig entsteht daraus Liebe.

Ein Gefühl emanzipiert sich

Jene selbst gewählte Liebe, welche im Mittelalter die Troubadoure besungen haben, bleibt in den allermeisten Fällen und für Jahrhunderte reine Fantasie. Im Kapitalismus aber nimmt sie dann Gestalt an. Statt gemeinsam auf den Äckern zu schuften, gehen mit dem Aufkommen der Industrie Männer und Frauen getrennte Wege. Sie bestimmen ihr Leben selbst, die Grossfamilie löst sich auf. Und in den wachsenden Industriestädten beginnen sich die Frauen zu emanzipieren und der Stimme des Herzens zu folgen.

Sicherheit finden sie im Ideal der freien, der wahren Liebe. Die tiefe emotionale Bindung zweier Menschen gibt Halt in einer sich turbulent verändernden Welt. 1788 empfiehlt der Freiherr von Knigge eindringlich, man solle sich seinen Partner aus Zuneigung wählen. Und der Brockhaus definiert die Ehe als «lebenslängliche Verbindung zwischen Personen verschiedenen Geschlechts, die in ihrer Vollkommenheit auf Liebe beruht». «Liebe ist Erkenntnis», schwärmt Bettina von Arnim im Briefwechsel mit Goethe. Und der beschreibt Liebe als ein Gefühl, das wir empfänden, wenn wir in einem andern Menschen «unser Gleichnis, uns selbst verdoppelt» und damit zugleich ein «Bild des Unendlichen» erblickten.

Das ist nun schön und reichlich romantisch gesagt. Die moderne Beziehungsforschung zeigt ein anderes Bild. Einer ihrer Pioniere, der Psychologe Jürg Willi, hat vor zwei Jahren anlässlich seines 80. Geburtstags in einem Gespräch mit der NZZ erzählt, dass noch in den 1960er-Jahren eine «einseitige Sicht auf das Individuum» vorgeherrscht habe. «Die gesellschaftliche Entwicklung von damals betonte die Befreiung aus allen Bindungen und Beziehungen», sagte er. «Ehe und Paarbeziehungen waren keine Themen.»

Unbewusste Ängste

Das war ein ergiebiges Feld für einen neugierigen Menschen wie ihn. Über Jahrzehnte konzentrierte Jürg Willi sich darauf, was Paare in die Krise führt – und was sie zusammenhält. Bei Paarkonflikten spielen oft unbewusste Wünsche und Ängste mit, förderte er als Erkenntnis zu Tage. Und, als grosse Einsicht, «dass wir uns durch den Kontakt mit dem andern anders entwickeln, als wenn wir alleine sind». In den meisten langen Beziehungen gebe es schwierige Phasen. Sie seien als Herausforderungen zu sehen, «denn sie können wichtige Entwicklungsschritte in Gang setzen». Mit andern Worten: Wir brauchen den andern, um mehr zu werden, als wir sind. Wir spüren im andern unsere verborgenen Entwicklungspotenziale. Das bindet uns an ihn, wenn die erotische Anziehungskraft schwindet.

Gleich und gleich gesellt sich gern

Man darf sich diesen gemeinsamen Weg nicht zu harmonisch vorstellen. Jürg Willi teilt denn auch nicht die Meinung, dass Harmonie das Beste in der Beziehung sei. Gibt es ein Glücksprogramm? Das haben seither zahllose Studien untersucht, ein beeindruckender Berg an Paardaten aus aller Welt hat sich so angehäuft.

Was sich bei den Aussagen des Bundesamts für Statistik zu Alter und Bildungshintergrund zeigt, bestätigt auch diese Forschung: Ähnlichkeit scheint bei der Partnerwahl eine wichtige Rolle zu spielen. Doch die Verliebtheit ebbt irgendwann ab, in gut funktionierenden Beziehungen wächst dafür das Gefühl der Verbundenheit.

Streiten – im Labor

Dieses Gefühl hilft auch über die – unvermeidlich auftauchenden – Konflikte hinweg. Man hat Paare im Labor beim Streiten beobachtet. Die glücklichen unter ihnen haben es dabei nach spätestens vier Runden Schlagabtausch geschafft, zu konstruktiven Bemerkungen zurückzukehren. Dabei folgen sie, wie der Psychologe John Gottman erklärt, einer «Investitionstheorie der Liebe». Will heissen, sie führen im Unterbewussten eine Art Konto, fragen sich, was ihre Partnerschaft ihnen bringt. Und beantworten eine für alle Liebenden entscheidende Frage: Wie komme ich damit klar, dass der Partner nicht perfekt ist?

Und sie machen etwas ganz Grundlegendes: Sie setzen positive Gegengewichte, sehen, wie sehr ihr Partner sie bereichert, und suchen mit diesem Partner zusammen neue Herausforderungen. Denn Glück bedeutet: niemals stehen zu bleiben.

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