PEOPLE: «Ich bin eine pingelige Person»

Eine neue Miss Schweiz haben wir jetzt. Ihr männliches Pendant, Sandro Cavegn, wird heuer nicht ersetzt. Im Interview plädiert der aktuelle «Mister» für Ordnung im Leben, mehr Dankbarkeit und fürs Wassertrinken.

Interview Annette Wirthlin
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Hat den Sommer lange herbeigesehnt: Mister Schweiz Sandro Cavegn in seiner Gelateria am Zugersee. (Bild Eveline Beerkircher)

Hat den Sommer lange herbeigesehnt: Mister Schweiz Sandro Cavegn in seiner Gelateria am Zugersee. (Bild Eveline Beerkircher)

Welches sind Ihre persönlichen Lieb­lings-Glacesorten?

Sandro Cavegn: Stracciatella und Himbeer – was ich gerade esse.

Liegt Ihr Geschmack mit dem Ihrer Kundschaft auf einer Linie?

Cavegn: Teilweise. Die absoluten Renner sind Stracciatella, Schokolade, Vanille und Pistache – vielleicht noch Erdbeer.

Eine Miss Schweiz wird das immer gefragt, jetzt frage ich auch Sie: Ist Glaceessen nicht tabu wegen der Linie?

Cavegn: Nein, nein! Ich habe das Glück, einen guten Stoffwechsel zu haben. Ich gehe zwar langsam auf die 30 zu, und Abend für Abend Unmengen Pizza reinbeigen geht auch nicht mehr so gut wie früher, als ich noch täglich auf dem Fussballplatz stand. Aber ob ich ein paar Gramm mehr oder weniger auf den Rippen habe, spielt mir keine Rolle. Ich treibe Sport für mein inneres Glück und nicht, um mir weiss nicht was für einen Body aufzubauen.

Wir führen dieses Gespräch an einem Tag, wo es endlich wieder mal nach Sommer aussieht. Freut Sie das als Chef einer Gelateria besonders?

Cavegn: Absolut. Mein Geschäft lebt vom schönen Wetter. Auf die Sonne mussten wir dieses Jahr wirklich lange warten. Ich bin ein grosser Anhänger der Muotathaler Wetterschmöcker, und ich muss sagen, sie hatten auch dieses Jahr wieder Recht.

Hat Ihnen der Umsatz während der miesen Frühlingswochen den Schlaf geraubt?

Cavegn: Es hat mich – wie jeden Gastronomen – schon gestresst. Mein Personal stand ja fast vergebens hier und bekam auch kein Trinkgeld. Viele denken, es sei ein lukratives Geschäft, wenn sie wie heute eine lange Schlange vor dem Glacestand sehen. Was sie nicht wissen, ist, dass vielleicht die anderen sechs Tage der Woche überhaupt nichts läuft. Zudem bezahlt man im Winter immer sechs Monate Mietzins ins Leere. In den 50 bis 60 Sonnentagen im Jahr muss man genügend Umsatz generieren, um die restlichen 300 Tage zu tragen. Nein, reich wird man nicht, aber das Glacegeschäft ist ein sehr dankbares Geschäft. Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der mit schlechter Laune eine Glace kaufen kam.

Als Mister Schweiz verdienen Sie ja noch nebenbei rund 400 000 Franken.

Cavegn: Man verdient sicher gut, aber ich glaube nicht, dass ich schlussendlich so eine Summe haben werde.

Wie hart muss man als Mister Schweiz für seinen Lohn arbeiten?

Cavegn: Man ist sicher nicht zu 100 Prozent absorbiert, wenn man schon vorher gewohnt war, etwas mehr als einen Eight-to-five-Job zu machen. Viel arbeiten ist ja eine Schweizer Tugend. Ich jedenfalls habe zu Hause mitbekommen, dass man «chrampfen» muss, wenn man im Leben etwas erreichen will. Allem voran ist für mich das Mister-Schweiz-Amt aber Freude und Lebenserfahrung, weniger Arbeit.

Wie sieht denn ein typischer Tag aus?

Cavegn: Heute ist ein typischer Mister-Schweiz-Tag. Den Rest der Woche widme ich mich meinem Geschäft. Heute Morgen Sitzung bei Joiz TV in Oerlikon. Danach Podiumsdiskussion einer Internetplattform über Sexualität und Partnerschaft in Zürich. Jetzt das Zeitungsinterview hier in Zug mit Ihnen. Danach muss ich weiter nach Bern, wo ich an einer Ladies’ Night im Casino als Croupier engagiert bin. Und morgen früh treffe ich in Winterthur meinen Kollegen, mit dem ich einen Internethandel für Damenschuhe am Aufziehen bin.

Sind Sie ein Frühaufsteher?

Cavegn: Oh nein. Seit ich im Gastgewerbe tätig bin, nicht mehr. Das bedeutet nun mal am Abend arbeiten. Mein Vater steht jeden Tag um 5 Uhr auf und geht dafür um 10 Uhr schlafen. Ich hingegen nie vor 12 oder 1 Uhr. Mein Vater meint immer, ich werde auch noch auf den Geschmack kommen, aber ich denke nicht.

Heisst das, Sie sehen Ihren Vater nie?

Cavegn: Doch, doch. Gerade jetzt im Sommer finden wir sicher wieder genügend Momente, um in seinem Schrebergarten zusammenzusitzen und eine Pizza aus dem eigenen Pizzaofen zu geniessen.

Apropos Pizza: In Ihrer Sendung «Mister Pizza» kann man Ihnen zuschauen, wie Sie vor laufender Kamera Pizzas in Haushalte austragen. Was ist daran spannend?

Cavegn: Ich weiss auch nicht, was den Leuten genau daran gefällt. Ich denke, wir leben in einer Gesellschaft, die gerne schaut, was andere Leute machen. Da ist immer auch ein Stück Voyeurismus dabei. Das mag der Schweizer, weil er sich dabei amüsieren und über andere lustig machen kann. Man zeigt ja immer gerne mit dem Finger auf andere Leute, anstatt bei sich selber aufzuräumen.

Was ist das Skurrilste, was Sie in dieser Sendung bisher erlebt haben?

Cavegn: Ein Kunde, den wir mal belieferten, hatte in seinem Kühlschrank eine lebende Schildkröte zum Überwintern untergebracht. Staunen muss ich auch immer wieder darüber, wie viele Formen des Zusammenlebens es gibt – und wie Messie-mässig manche Wohnungen aussehen.

Haben Sie selber auch eine Tendenz zur Unordentlichkeit?

Cavegn: Ich bin vom Sternzeichen her Jungfrau und eine sehr pingelige und ordnungsliebende Person. Das klingt vielleicht «bünzlig», aber ich habe zu Hause gelernt, wer Ordnung in seinen Sachen hat, hat auch Ordnung im Leben.

2013 wird aus wirtschaftlichen Gründen keine Mister-Schweiz-Wahl durchgeführt. Sind Sie jetzt der letzte einer Spezies?

Cavegn: Das denke ich nicht. Erstens bin ich zuversichtlich, dass die Show 2014 nach einer Umstrukturierung des Konzepts wieder stattfinden wird – auf welchem Fernsehsender auch immer. Zweitens brauchen Journalisten immer wieder Futter aus dem People-Bereich. Da wir in der Schweiz kaum wirkliche Prominente haben, ist so eine Miss oder ein Mister etwas Dankbares. Ich will das aber nicht überbewerten. Nur weil ich Mister Schweiz bin, fühle ich mich nicht als etwas Besseres. Ich muss meinen Kopf nicht immer in der Zeitung sehen, dafür bin ich viel zu bodenständig.

Wollten Sie nicht einmal Fussballer werden?

Cavegn: Ja, ich spielte Fussball, seit ich 4-jährig war. Ich kam später in die Schweizer Junioren-Nati-Auswahl, doch mit 18 hatte ich eine schwere Verletzung und musste meine Hüfte operieren lassen, sodass der Traum platzte. Wie es halt im Leben so ist: Es gibt Dinge, die man nur akzeptieren und nicht beeinflussen kann. Auch wenn ich nicht mehr selber spielen kann, Fussball ist immer noch das Schönste auf der Welt.

Bringt gutes Aussehen auch etwas im Leben, abgesehen davon, dass man Schönheitswettbewerbe gewinnen kann?

Cavegn: Was ist schon Schönheit? Ich glaube, es hat mit Gepflegtheit und Ausstrahlung zu tun. Wenn man das hat, hilft es einem sicher, gewisse Barrieren einfacher zu überwinden.

Von wem haben Sie Ihre äussere Schönheit geerbt?

Cavegn: Wie alle Menschen bin ich eine Mischung aus meinen Eltern. Aber meine Mutter war eine wunderschöne, sehr natürliche Frau mit einer super Ausstrahlung.

Ihre Mutter hat sich, das ist kein Geheimnis, vor drei Jahren das Leben genommen. Als Botschafter der Kampagne «Lean on me» wollen Sie sich nun für Depressive einsetzen. Worum geht es da?

Cavegn: Ich möchte darauf aufmerksam machen, was das überhaupt für eine Krankheit ist. Genau weiss ich das auch erst seit 25. Vorher nahm ich die Krankheit meiner Mutter nie so richtig ernst, dachte, «der gehts einfach nur ein bisschen schlecht». Aber Depression ist eine sehr ernst zu nehmende Krankheit wie Krebs auch, nur sieht man sie nicht. Die Betroffenen sind unglaublich arme Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen, da können sie noch so schön oder noch so reich sein und einen wunderbaren Freundeskreis haben.

Bei allem Verständnis: Sind Sie Ihrer Mutter nicht auch etwas böse?

Cavegn: Nein, böse nicht. Jeder Mensch darf über sein eigenes Leben bestimmen. Es macht mich aber traurig, weil ich nun vieles nicht mehr mit ihr erleben kann, was ich eigentlich wollte. Es gibt viele Kinder, die haben von Anfang an nichts von ihren Eltern. Ich hatte meine Mutter 25 Jahre lang und bin für jeden Moment mit ihr sehr glücklich. Apropos Dankbarkeit: Ich finde, etwas mehr davon würde unserer Schweizer Jugend manchmal guttun.

Wie meinen Sie das?

Cavegn: In anderen Ländern gibt es unter jungen, gebildeten Leuten Arbeitslosenquoten von 30 Prozent. Im Vergleich dazu geht es uns doch super!

Als Teenager seien Sie auch nicht gerade der Einfachste gewesen, habe ich gelesen.

Cavegn: Als ich in der Pubertät war, hatten es meine Eltern sicher nicht leicht mit mir, da ich immer sehr auf meine Freiheit und meinen Willen pochte. Ich bin meinem Vater dankbar, dass er mich mit einer strengen Führung wieder auf die richtige Bahn zurückgebracht hat.

Gewisse Dinge auf Ihrem Steckbrief erstaunen mich, ehrlich gesagt. Etwa dass Wasser Ihr Lieblingsgetränk sein soll.

Cavegn: Ich bin tatsächlich ein Wassertrinker. Bei uns gab es früher nie Süssgetränke. Wasser ist das reinste Lebensmittel, das wir zu uns nehmen können, und es ist einfach gesund. Ich kann nicht zusehen, wie sich manche Leute mit Cola oder Red Bull zuschütten. Bei mir gibts das nur gelegentlich, als Genussmittel.

Und Vivaldi sei Ihre Lieblingsmusik. Wirklich?

Cavegn: Doch, ich höre alles durchs Band weg. Aber wenn ich ein geschäftliches Konzept ausarbeiten muss, inspiriert mich klassische Musik am meisten.

Irgendwo habe ich gelesen, Sie würden auch Bilder malen.

Cavegn: Das ist etwas übertrieben. Ich habe in meinem Leben bisher zwei Bilder gemalt. Ein bisschen Sand und Farbe an eine Leinwand schmeissen könnte wohl jeder. Ich bin sicher kein aussergewöhnliches Maltalent.

Worin sind Sie denn ein Talent?

Cavegn: Ich war nicht einmal im Fussball ein Talent, sondern ein Kämpfer mit einer guten Einstellung. Ich glaube, mein grösstes Talent ist meine Flexibilität, die ich auch geschäftlich an den Tag legen kann. Ich glaube, ich bin in dem Sinne ein Lebenskünstler und kann schwierige Situationen gut meistern.

In einem Interview sagten Sie mal: «In zehn Jahren bin ich verheiratet, habe Kinder und einen Labrador.» Sehen Sie das immer noch so?

Cavegn: Beim Labrador bin ich mir nicht ganz sicher. Ich glaube, ich spielte da vor allem auf ein normales, vielleicht etwas «gutbürgerliches» Leben an. Eine der grössten Herausforderungen in der heutigen Zeit ist es, eine intakte Beziehung zu führen, und das Grösste, was man haben kann, sind eigene Kinder. Und das ist nach wie vor mein Wunsch.

Eine Freundin ist ja zumindest schon da. Sie heisst Iva, ist gleich alt wie Sie, stammt aus Kroatien und pendelt zwischen Zagreb und Luzern. Was ist sie für eine Frau?

Cavegn: Sie ist sehr einfach und bodenständig, obwohl sie viel in der Welt herumgekommen ist. Sie ist im Gegensatz zu mir eher ein Stadtmensch, und sie ist ... wie soll ich sagen ... sehr menschlich – das fasziniert mich an ihr.

Auf der Mister-Schweiz-Homepage steht immer noch «single». Wieso?

Cavegn: Dann wurde das von der Mister-Schweiz-Organisation offenbar nicht nachgeführt.

Klopfen dann nicht andauernd noch andere Frauen an?

Cavegn: Nein. Ich würde das auch gar nicht so wollen.

Wie finden Sie übrigens die neue Miss Schweiz?

Cavegn: Ich finde Dominique Rinderknecht sehr erfrischend und sympathisch, und optisch gefällt sie mir auch sehr. Ich wünsche ihr, dass sie das Amtsjahr geniesst und sich selbst bleibt. Bei ihr habe ich aber nicht das Gefühl, dass sie sich verändern wird, dafür ist sie viel zu schlagfertig und zu keck.

Im August geben Sie Ihren Titel ab. Noch irgendwelche Pläne bis dahin?

Cavegn: Als Nächstes freue ich mich jetzt mal auf meine Sommerferien in Kroatien. Also, wer dieses Meer noch nie gesehen hat, der hat was verpasst.

Haben Sie Ihre Freundin eigentlich dort kennen gelernt?

Cavegn: Nein, in Luzern, mitten auf der Kapellbrücke.

Das sagen Sie jetzt bloss, weil wir das als Zentralschweizer Zeitung gerne hören!

Cavegn: Okay, okay! Es war das erste Date, nachdem ich sie schon mal in Rapperswil gesehen und einen Kollegen nach ihrer Nummer gefragt hatte.