Unglück

Daniel Küblböck hätte nie im Reality-TV auftreten dürfen – sagt dieser Psychologe

Der Psychologe Thomas Spielmann beurteilte für Schweizer Realityshows, ob Kandidaten für die grosse Bühne geeignet waren. Er erklärt im Interview, warum er den vermissten Daniel Küblböck nicht hätte mitmachen lassen – und wie er zu seiner klaren Ferndiagnose kommt.

Pascal Ritter
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Rosa wählt im Stück den Suizid, inden sie ins Meer geht und ertrinkt.
6 Bilder
Er machte sie in seiner Kabine auf dem Kreuzfahrtschiff Aidaluna. Während der Kreuzfahrt, die in Hamburg mit Ziel New York begann, wollte er Lana genannt werden.
Das Account heisst "rosa_luxemburg" – wohl in Anlehnung an die Figur Rosa, die er im Abschlussstück "Unschuld" in der Theaterschule spielte. Dazu schreibt er als Infotext: "Künstlerin / Schauspielerin / Transsexuell".
In seinen wohl letzten Tagen veröffentlicht er auf einem neuen Instagram-Accont mehrere Bilder von sich in Frauenkleidern.
Dies war das letzte Selfie aus der Kreuzfahrtschiff-Kabine, dass er auf dem Instagram-Account postete.
Eine Suchaktion nach Daniel Küblböck blieb ohne Erfolg.

Rosa wählt im Stück den Suizid, inden sie ins Meer geht und ertrinkt.

Instagram @rosa_luxem

Es sieht ganz danach aus, als ob Daniel Küblböck am vergangenen Sonntagmorgen vor der Küste von Neufundland vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs sprang und im 10 Grad kalten Wasser starb. Küblböck wurde im Jahr 2003 durch die Fernsehsendung «Deutschland sucht den Superstar» bekannt, in der Nobodys darum kämpfen, eine Karriere als Musik-Star zu starten. Wegen seiner schrillen Stimme und seines unkonventionellen Auftritts wurde er zum Liebling der Boulevard-Zeitungen. Später zog er in das «Big Brother»-Dorf und machte bei der Reality-Sendung «Ich bin ein Star, holt mich hier raus» (Dschungelcamp) mit. Als Sänger und Buchautor war er erfolgreich. Nach Küblböcks Verschwinden stellt sich die Frage, was seine Karriere als Freak im Privatfernsehen mit seiner schlechten psychischen Verfassung zu tun hat, in der er sich befand. Zuletzt klagte Küblböck über Mobbing in der Schauspielschule, die er besuchte.

Thomas Spielmann (67) war als Psychologe beim Casting und den Dreharbeiten der ersten Schweizer Reality-TV-Sendungen «Expedition Robinson» dabei. Später wurde er beim Casting für die Sendung «Big Brother» als psychologischer Berater beigezogen. Er war damals Psychotherapeut mit Schwerpunkt Behandlung psychischer Störungen. Heute ist er im Ruhestand.

Daniel Küblböck
29 Bilder
Eine Suchaktion nach Daniel Küblböck blieb ohne Erfolg.
Daniel Kaiser-Küblböck, wie er sich seit mehreren Jahren nennt, absolvierte zuletzt eine Schauspielausbildung am Europäischen Theaterinstitut in Berlin und war als Sänger tätig.
Küblböck war zuvor längere Zeit von der öffentlichen Bildfläche verschwunden.
Bekannt wurde er einer breiten Öffentlichkeit ...
... 2002/2003 als DSDS-Kandidat ("Deutschland sucht den Superstar"). Es war die Premiere der Castingshow.
Daniel Köblböck galt wegen seiner schrillen Art als Paradiesvogel.
Daniel Küblböck war damals erst 17 Jahre alt.
Dezember 2002: Küblböck beim Start der Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar".
Daniel Küblbück während DSDS im Februar 2003.
7. Mai 2003: Musikproduzent Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Daniel Küblböck vor dem Finale, an dem 10 Personen teilnahmen.
Poplegende Dieter Bohlen gilt als Kopf von "Deutschland sucht den Superstar" und damals als Förderer von Küblböck.
Küblböck schied auf Platz 3 aus - unter Tränen. Er wird vom Moderatoren-Duo Carsten Sprengemann und Michelle Hunziker getröstet.
2004 nimmt Küblböck im Dschungelcamp von RTL teil, die unter dem Titel "Ich bin ein Star, holt mir hier raus" im Fernsehen läuft. Hier besteht er eine Prüfung mit Tausenden Kakerlaken.
Die damaligen Teilnehmer vor ihrem Abflug von Frankfurt nach Australien - in der Mitte Daniel Küblböck. Vorne von links: Moderatorin Caroline Beil, Ex-"Tagesschau"-Sprecherin Susan Stahnke, TV-Astrologin Antonia Langsdorf, Schauspielerin Mariella Ahrens, Schauspieler Dustin Semmelrogge. – Hinten von links: Lisa Fitz, Sänger Costa Cordalis, "Superstar" Daniel Küblböck und Sänger Werner Böhm.
Angeklagt: Daniel Küblböck im Juni 2004 in einem Gerichtssaal im Amtsgericht im niederbayerischen Eggenfelden, umringt von Journalisten.
Er hatte im Februar 2004 einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem er schwer verletzt wurde. Wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis und Körperverletzung wurde er angeklagt und zu einer Busse von 25'000 Euro und acht Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt.
August 2004: Daniel Küblböck vor der Präsentation des Spielfilms "Daniel der Zauberer". Dieser wurde allerdings ein Flop.
Zu DSDS-Zeiten galt Küblböck als Teenie-Star – später vollführte einen Imagewandel und änderte sein Äusseres. Dieses Bild stammt von 2010.
2011 wurde er in Form von der 70-jährigen Immobilien-Millionärin Kerstin Elisabeth Kaiser adoptiert und änderte seinen Nachnamen auf Kaiser-Küblböck. (Bild von 2015)
2015 nahm der Sänger Daniel Küblböck bei der achten Staffel der RTL-Tanzshow «Let's Dance» teil. Es war sein letzter grosser Auftritt in der Öffentlichkeit.
Hier im Bild mit Tanzpartnerin Otile Mabuse, einer südafrikanischen Profitänzerin, beim Training.
Daniel Küblböck und Otlile Mabuse schafften es bei "Let's Dance" in die Top 6.
Dann schieden sie aus.
In seinen wohl letzten Tagen veröffentlicht er auf einem neuen Instagram-Accont mehrere Bilder von sich in Frauenkleidern.
Er machte sie in seiner Kabine auf dem Kreuzfahrtschiff Aidaluna. Während der Kreuzfahrt, die in Hamburg mit Ziel New York begann, wollte er Lana genannt werden.
Das Account heisst "rosa_luxemburg" – wohl in Anlehnung an die Figur Rosa, die er im Abschlussstück "Unschuld" in der Theaterschule spielte. Dazu schreibt er als Infotext: "Künstlerin / Schauspielerin / Transsexuell".
Rosa wählt im Stück den Suizid, inden sie ins Meer geht und ertrinkt.
Dies war das letzte Selfie aus der Kreuzfahrtschiff-Kabine, dass er auf dem Instagram-Account postete.

Daniel Küblböck

key/zvg

Herr Spielmann, was macht ein Psychologe beim Casting einer Reality-Sendung?

Thomas Spielmann: Es gilt unbedingt zu verhindern, dass Personen an einer Reality-Sendung teilnehmen, bei denen man nicht mit grösster Sicherheit ausschliessen kann, dass ihnen die Teilnahme schadet. Ein erfahrener Psychologe kann das beurteilen.

Thomas Spielmann beurteilte als Psychologe Kandidaten von Realityshows.

Thomas Spielmann beurteilte als Psychologe Kandidaten von Realityshows.

Hätten Sie Daniel Küblböck bei «Big Brother Schweiz» mitmachen lassen?

Ich hätte Daniel Küblböck auf keinen Fall mitmachen lassen. Seine Auftritte zeigten, dass er nicht geeignet war für solche Sendungen. Aber aus der Sicht der Medienleute ist ein Daniel Küblböck natürlich perfekt. Er steigert die Einschaltquote. Wir hatten bei «Expedition Robinson» und «Big Brother Schweiz» auch solche Bewerber, aber ich habe mich mit Händen und Füssen dagegen gesträubt, dass man sie mitmachen liess.

Wie kommen Sie aus der Ferne zu einem derart klaren Urteil über Küblböck?

Beim Zuschauen hatte ich den Eindruck, dass er weder stabil noch stressresistent ist. Er ruhte nicht in sich und wirkte nicht, als hätte er innere Stärke. Ihm fehlten die Sozialkompetenz und die Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen.

Im Nachhinein lässt sich das einfach sagen. Aber hätte man das auch vorher erkennen können?

Ein erfahrener Psychotherapeut kann aufgrund eines Gespräches und während des Castings sehr genau beurteilen, ob ein Kandidat mit Stress umgehen kann, ob er Niederlagen wegstecken kann und ob er ein soziales Umfeld hat, das ihn trägt.

Dieter Bohlen, damals die zentrale Figur bei «Deutschland sucht den Superstar», sagt in einem Video, Küblböck habe zwischen Euphorie und Traurigkeit geschwankt. Hätte er merken müssen, dass Küblböck nicht geeignet war?

Ja, es ist ihm aufgefallen. Aber er hat natürlich ein ganz anderes Interesse als ich als Psychotherapeut. Das Business ist brutal. Ein Suizidversuch in der Sendung bringt Einschaltquote. Ich habe Leute wie Dieter Bohlen auch in den Schweizer Sendungen erlebt. Das waren Produzenten, die sich einen Zusammenbruch vor der Kamera geradezu herbeisehnten. Ich hatte damals die Aufgabe zu verhindern, dass so etwas passiert.

7. Mai 2003: Musikproduzent Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Daniel Küblböck vor dem Finale.

7. Mai 2003: Musikproduzent Dieter Bohlen und "Deutschland sucht den Superstar"-Sänger Daniel Küblböck vor dem Finale.

Keystone

Produzenten wollen Action, aber ein Suizidversuch als Quotenbringer ist dann schon etwas ganz anderes. Übertreiben Sie es nicht mit Ihrer Kritik am TV-Business?

Schauen Sie, es gibt bei solchen Sendungen verschiedene Interessen. Bei «Expedition Robinson» gab es die Auftraggeber der Sendung, die ethische Standards hatten und mich darum als Korrektiv dabei haben wollten. Es gab aber auch andere Leute. Ich erinnere mich daran, wie ein Teilnehmer Todesangst hatte, weil er erschöpft ins Meer gestossen wurde. Er ertrank fast vor laufender Kamera. Wäre es nach dem ausführenden Produzenten gegangen, hätten wir zudem Teilnehmer mit auf die Insel genommen, die sofort zusammengebrochen wären. Und sie hätten einfach mit der Kamera draufgehalten. Ich konnte das zum Glück verhindern. Einen wie Küblböck wollte ich nicht auf der Insel.

Daniel Küblböck war der Quotenbringer für RTL. Jetzt hat er sich sehr wahrscheinlich ins Meer gestürzt. Ist der Sender mitschuldig?

Nein, die Auftritte haben ihn nicht krank gemacht. Er litt schon an Störungen, als er zum Casting ging. Sie haben ihn ausgewählt, weil er manipulierbar und schwach war und weil er durchdrehte. Aber die Sendungen haben ihn nicht dazu gebracht, vom Schiff zu springen.

Das Mysterium Daniel Küblböck

Seit dem vergangenen Sonntag gilt der deutsche Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck als vermisst. Um 5 Uhr morgens soll er von der Reling eines Kreuzfahrtschiffes in den kalten Atlantik gesprungen sein. Die Chancen, ihn lebend zu finden, sind gering. Genauso wie sein mutmasslicher Tod ist sein ganzes Leben ein Mysterium. Im Rampenlicht steht Küblböck seit 2003, als er trotz mittelmässiger Gesangseinlagen den dritten Platz bei «Deutschland sucht den Superstar» erreichte. Mit jedem weiteren TV-Auftritt wechselte er sein Aussehen: Zuerst war er ein Mann mit langen Haaren und weiblichen Zügen, dann trug er kurze Haare und einen Dreitagebart. Zum Schluss trug er Frauenkleider. Um sein Liebesleben ranken sich Mythen, mal wurden ihm Affären mit Frauen hinterhergesagt, mal tauchten Bilder mit Männern auf. Vor einem Monat klagte Küblböck über Mobbing in der Schauspielschule in Berlin, was diese dementiert. Offenbar litt er an einer Depression. Sein Verschwinden ist das letzte Mysterium. Es weist Parallelen zu seiner letzten Theaterrolle auf. Er spielte eine Frau, die ins Wasser läuft und ertrinkt. (Deborah Gonzalez)

Er beklagte sich über Mobbing. Es sieht so aus, als wollte er sich von seinem alten TV-Image befreien.

Nein, er wollte nicht das Image abstreifen. Mit seiner Störung hätte er es überall schwer gehabt. Er wollte immer geliebt werden, wusste aber nicht, wie das geht. Er konnte sich nicht einfühlen in andere. Er war ein kranker junger Mann.

Wie kommen Sie zu dieser Diagnose aus der Ferne?

Die Theatralik, seine Extrovertiertheit und sein Narzissmus zeigen klar, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Er war verhaltensgestört. Diese Diagnose kann man auch aus der Ferne stellen, weil man das Verhalten beobachten kann, ohne direkt mit der Person zu sprechen. Und von dem her, was ich gesehen habe, vermute ich bei Küblböck wie gesagt Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen. Er hatte einen Hang zur Dramatisierung, einen Mangel an Einfühlungsvermögen, eine geringe Frustrationstoleranz und war teamunfähig. Dazu kommt ein Schwarz-Weiss-Denken.

Was passiert mit einer verhaltensgestörten Person, wenn sie eine Casting-Show-Karriere hinlegt?

Zuerst einmal geniesst sie die Öffentlichkeit. Dann kommt ihr aber das Schwarz-Weiss-Denken in die Quere. Sie nimmt es für selbstverständlich, dass die Frauen kreischen, wenn die Person auftaucht. Und wenn das dann einmal nicht eintrifft und sie einmal nicht im Mittelpunkt steht, empfindet sie es als Mobbing.

Hätte sich Küblböck auch ohne seine Karriere im Fernsehen vom Schiff gestürzt?

Das kann man nicht sagen. Genauso gut könnte es sein, dass er sich noch früher das Leben genommen hätte. Allerdings kann man auch festhalten, dass es sicher besser gewesen wäre, er hätte eine Berufslehre gemacht.

Aber ein Küblböck hätte doch auf so einen Rat nicht gehört.

Da wäre ich nicht so sicher. Ich erinnere mich an einen 30-Jährigen, der nach einer persönlichen Krise bei «Big Brother Schweiz» mitmachen wollte. Sein Ziel war, sein Selbstwertgefühl aufzubauen. Ich riet ihm, stattdessen mit einem Therapeuten zu sprechen. Jahre später bedankte er sich dafür. Ich habe etwa einem Dutzend Menschen geraten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, statt an der Sendung teilzunehmen.

Welche Verantwortung trägt Dieter Bohlen?

Dieter Bohlen und seine Leute trifft die Schuld, dass sie ihre Kandidaten nur im Hinblick auf den Profit auswählen. Sie nehmen ihre Verantwortung nicht wahr. Offenbar hat Bohlen bei «Deutschland sucht den Superstar» kein professionelles Casting durchgeführt. Das würde mich bei ihm auch nicht wundern. Dieter Bohlen hat die Sozialkompetenz eines Schützenpanzers. Das zeigt ja auch sein Auftritt mit dem Pullover mit der Aufschrift «Get one with the Ocean», nachdem sein Freund ertrunken war. Jeder Strassenhydrant hat mehr Empathie.

Sind wir Zuschauer mitverantwortlich, wenn Menschen, denen das nicht guttut, in Casting-Sendungen landen. Schliesslich bringen wir die Einschaltquote?

Nein, der Produzent hat eine Verantwortung gegenüber den Leuten, die er den Zuschauern zum Frass vorwirft. Er weiss, wie die Medien funktionieren, und muss darum Kandidaten einer Casting- oder Realityshow sorgsam auswählen. Die Produzenten irren sich zudem. Die Zuschauer wollen gar nicht so viel Klamauk und Drama. Sonst würde der «Donschtig-Jass» nicht zu den erfolgreichsten Sendungen der Schweiz zählen und in Deutschland bringt der «ZDF-Fernsehgarten» auch Quote.

«Expedition Robinson» wirkt harmlos im Vergleich zu heutigen Realityshows in Deutschland.

Davon kann nicht die Rede sein. Bei «Robinson» waren die gleichen Leute am Werk wie später in Deutschland. Hätten ich und der verantwortliche Arzt den Produzenten nicht auf die Finger geschaut, hätten die Menschenversuche durchgeführt.

Wie wählt man Kandidaten für ein Casting-Sendung aus?

Man muss ganz schnell erfassen, ob das Gegenüber stabil ist und die Erfahrung geniessen kann. Es ist wie bei einem Bergführer, der sich überlegt: «Kann ich mit dieser Person auf das Matterhorn?»

Wem raten Sie ab, an einer solchen Sendung mitzumachen?

Wer glaubt, sein Leben werde besser, wenn die Zuschauer nur sähen, wer er wirklich sei, hat in einer Casting-Show nichts zu suchen. Nur, wer eine solche Sendung als eine von vielen Erfahrungen sieht, sollte sich anmelden, so wie wenn man sich entschliesst, den Jakobsweg zu machen.