Radsport-Legende

Vom Tellerwäscher zum Tour-de-France-Sieger – die grosse Karriere von Ferdy Kübler (†97)

Ferdy Kübler ist am Donnerstag im Alter von 97 Jahren verstorben. Der Zürcher war in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts einer der erfolgreichsten Radprofis und der älteste noch lebende Tour-de-France-Sieger.

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Jahrhundertsportler Ferdy Kübler – Bilder zu seinem Leben
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Seine erfolgreichsten Jahre als Radrennfahrer waren von 1950 bis 1952: Er gewann die Klassiker La Fleche Wallonne und Liege–Bastogne–Liege 1951 und 1952. 1951 wurde er auch Strassenweltmeister. Die Tour de France gewann er 1950, wobei er sich auch drei Etappensiege verbuchen konnte.
Kämpfer: Ferdy Kübler galt als «Chrampfer» unter den Pedaleuren - die gebückte Haltung auf dem Rad und die markante Nase waren seine Markenzeichen.
23. August 1941: Kübler erfrischt sich während der 1. Etappe der Tour de Suisse von Zürich nach Lausanne bei einer obligatorischen Verpflegungspause. Die Tour de Suisse besteht in diesem Jahr – kriegsbedingt – nur aus drei Etappen, die an zwei Tagen gefahren werden. Und es nehmen nur Fahrer aus der Schweiz teil.
24. August 1941: Kübler gewinnt seine erste Tour-de-Suisse-Etappe. Sie führte von Lausanne nach Bern. Kübler hier im Bild auf dem Bundesplatz.
Juni 1947: Ferdy Kübler führt an einer Tour de France-Etappe kurz vor dem Ziel in Besancon eine Gruppe an.
18. August 1947: Kübler kämpft sich am auf der 3. Etappe der 11. Tour de Suisse alleine die gepflasterte Tremola-Strasse am St. Gotthard-Pass hoch...
... und gewinnt die schwere Bergetappe von Bellinzona nach Sion über den Gotthard und die Furka nach einer langen Soloflucht.
9. Mai 1948: Ferdy Kübler vor seinen grossen Erfolgen, an der Tour de Romandie.
14. Juni 1948: Ferdy Kübler gewinnt die zweite Hälfte der 3. Tour-de-Suisse-Etappe von La Chaux de Fonds nach Thun und posiert im Ziel mit einem Mädchen in Tracht.
24. Juni 1950: Ferdy Kübler gewinnt an der ersten Etappe der Tour de Suisse die Bergpreis-Wertung am Ruppen vor Hugo Koblet und Gottfried "Goepf" Weilenmann.
29. Juni 1950: Ferdy Kübler stürzt an der 6. Etappe der Tour de Suisse von Luzern nach Bellinzona bei der Abfahrt vom Lukmanier schwer. Bis ins Ziel in Bellinzona büsst er ueber 23 Minuten auf den Etappensieger ein.
Ein grosser Sieg am 20. Juli 1950: Kübler gewinnt die 6. Etappe der Tour de France im Zeitfahren.
1950 gewinnt Ferdy Kübler die Tour de France – hier kommt er nach dem Sieg in Zürich an.
22. Juni 1951: Ferdy Kübler (rechts) und einer der Gebrüder Rossello fahren an der 6. Etappe der Tour de Suisse die Strasse am Lukmanierpass hoch.
23. Juni 1951: Ferdy Kübler gewinnt die Tour de Suisse. Hier im Ziel der letzten Etappe in der offenen Rennbahn in Zürich-Oerlikon.
"Tour de France"-Sieger Ferdy Kübler, mit Sohn Andre im Arm, wird bei seiner Rückkehr aus Frankreich beim Bahnhof Enge in Zürich von den Fans gefeiert.
Ein Karriere-Höhepunkt im Jahr 1951: Ferdy Kübler wird in Varese Strassenweltmeister.
September 1951: Der frischgebackene Rad-Weltmeister Ferdy Kübler (im Trikot des Weltmeisters) wird in seiner damaligen Wohngemeinde Adliswil im Kanton Zürich mit einem triumphalen Empfang geehrt. Er gewann seinen Titel in Varese (Italien) vor den beiden Italienern Fiorenzo Magni und Antonio Bevilacqua.
14. Juni 1952: Kübler posiert vor dem Start der 1. Etappe der Tour de Suisse in Zürich.
17. Juni 1952: Der Schweizer Radrennfahrer Ferdy Kübler an der 4. Etappe der Tour de Suisse von Adelboden nach Monthey.
Juli 1953: Kübler besucht Hugo Koblet im Spital in Zürich, der hier nach einem schweren Sturz an der Tour de France liegt.
13. Mai 1954: Ferdy Kübler schreibt sich in Le Locle vor dem Start zur 1. Etappe der Tour de Romandie ein.
13. Mai 1954: Grosse Rivalen – Ferdy Kübler mimt in Le Locle vor dem Start zur 1. Etappe der Tour de Romandie Zusammenarbeit mit seinem Rivalen Hugo Koblet.
1955: Ferdy Kübler an der Tour de Suisse.
12. Juli 1955: Ferdy Kübler im Ziel der Tour-de-France-Etappe von Colmar nach Zürich. Kübler ersprintete sich auf der Radrennebahn Zürich-Oerlikon den zweiten Platz.
März 1956: Hugo Koblet (rechts) und Ferdy Kübler (links) fahren mit Blumen und einem Früchtekorb am Sechs-Tagerennens im Hallenstadion in Zürich eine Ehrenrunde.
17. Juni 1958: Ferdy Kübler (Mitte) posiert bei der Siegerehrung mit dem Sieger der 7. Etappe der Tour de Suisse von Locarno nach Klosters Hennes Junkermann (links) und dem Tour-Leader Pasquale Fornara (rechts).
Fachsimpeln mit einer anderen Radsportlegende: Ferdy Kübler (rechts) mit Eddy Merckx (links) am 22. Februar 1989 an der 13. Internationalen Fahrrad- und Motorradausstellung in den Züspa-Hallen in Zürich Oerlikon. Gesprächsthema ist das 2500 Franken teure Eddy Merckx-Rennvelo.
Ferdy Kübler am 9. Juni 1999.
10. Juli 2007: In Adliswil wird ein Gehweg nach Ferdy Kübler benannt – er freut sich hier an der Einweihungsfeier darüber.
Ferdy Kübler rechts nebem dem Präsidenten von Swiss Cycling, Fritz Bösch, gibt den Startschuss zu einer Etappe der Tour de Suisse.
Die Schweizer Radsport-Legende Ferdy Kübler (Mitte) steht den jungen Nachwuchsfahrern wie Kevin Bircher (rechts) Rede und Antwort.

Jahrhundertsportler Ferdy Kübler – Bilder zu seinem Leben

Keystone

Am Donnerstag, 29. Dezember 2016, um 14 Uhr starb Ferdy Kübler in Anwesenheit seiner Frau Christina in einem Zürcher Spital. "Er sagte mir noch: 'Christina, du bist die beste Frau der Welt'", erklärte die 69-jährige Witwe am Freitag der "Schweizer Illustrierten". Weihnachten haben die beiden noch daheim in Birmensdorf im Kanton Zürich verbracht, danach musste Ferdy Kübler wegen einer schweren Erkältung ins Spital eingeliefert werden. "Ferdy ist friedlich eingeschlafen, mit einem Lächeln im Gesicht", sagte Christina Kübler.

Kübler gewann 1950 als erster Schweizer die Tour de France. 1951 eroberte er in Varese den Strassen-WM-Titel. "Quäle deinen Körper, sonst quält er dich." Diesen Satz sprach er nach seinen vielen legendären Rennen immer wieder in die Mikrofone.

In den letzten Jahren machten Kübler zusehends gesundheitliche Beschwerden zu schaffen, er konnte sein Bett kaum mehr verlassen. "Wir können nicht einmal mehr zusammen spazieren gehen, ihm fehlt die Kraft dazu", sagte Christina Kübler vor zwei Monaten in einem Interview mit der "Schweiz am Sonntag". Die vielen Einladungen zu Festen oder Galas sowie Anfragen für Interviews musste Kübler in den letzten Jahre allesamt absagen.

Ferdy Kübler, einer der ganz Grossen.

Ferdy Kübler, einer der ganz Grossen.

KEYSTONE

2008 war ausgekommen, dass sich der am 24. Juli 1919 geborene Kübler wegen Hautkrebs 18 Mal im Zürcher Triemlispital hatte bestrahlen lassen müssen. "Am Anfang hatte man dies leider etwas unterschätzt und zu spät behandelt", erklärte Christina Kübler. "Ferdy war in seinem Leben gerne und sehr viel an der prallen Sonne."

Seinem Alters-Hobby, dem Golfen, frönte Kübler noch so lange, wie die Kraft reichte, um sich im Golfkart von Abschlag zu Abschlag fahren zu lassen. Zum Golfen war der Zürcher vor mehr als 25 Jahren gekommen, nachdem für ihn das Velofahren wegen der grossen Verkehrsdichte zu gefährlich geworden war und ihn der ehemalige Bob-Olympiasieger und Unternehmer Hausi Leutenegger mit Nachdruck für das neue Hobby zu begeistern verstanden hatte. Nicht zuletzt dank dem Golfspiel blieb FerdyKübler ein grosser Freundeskreis erhalten, der nun in grosser Trauer von ihm Abschied nimmt.

Auf Schweizer Verhältnisse übertragen, ist Ferdy Kübler die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär gelungen. Er wuchs in ärmlichsten Verhältnissen auf und hatte das grosse Ziel, dieser Armut zu entfliehen. "Vom lieben Gott hatte ich den Willen bekommen, etwas zu tun, in dem ich besser war als alle anderen. Der Tour-de-France-Sieg und der WM-Titel waren für mich wie eine Erlösung. Jetzt war ich aus dem Dreck heraus", hielt Kübler in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag fest.

Der Ausläufer einer Bäckerei und eines Uhrengeschäftes arbeitete sich für einen Wochenlohn von 20 Franken kontinuierlich nach oben. Der Zweite Weltkrieg verhinderte, dass Küblers Karriere schon zu Beginn seines Profidebüts 1940 steil anstieg. Die Rivalität mit Hugo Koblet führte zu den grössten Erfolgen und einer riesigen Radsport-Euphorie in der Schweiz. Jeder wollte den anderen übertrumpfen. Die Leistungen von Kübler und Koblet in den "goldenen K+K-Zeiten" fesselten fast die ganze Schweiz vor den Radiogeräten. Vergleichbares zu Kübler und Koblet gab es im Ausland nur noch in Italien durch Fausto Coppi und Gino Bartali oder in Frankreich durch Jacques Anquetil und Raymond Poulidor.

Der Wille war Ferdy Küblers grösste Triebfeder. Oft stand ihm sein Dickschädel aber auch im Weg. Etwa dann, wenn Kübler den Erfolg mit der Brechstange suchte und letztlich kläglich einging. Die Bilder vom Radprofi in Tränen der Enttäuschung - nach einer Niederlage oder weil er durch Defekte zurückgeworfen wurde - machten die Runde und trugen zum Bekanntheitsgrad bei. In 20 Jahren bestritt Kübler knapp 2000 Rennen auf der Strasse, der Bahn oder im Gelände. Sein Katzenbuckel beim Spurt waren ebenso legendär wie seine trockenen Sprüche.

Der "Adler von Adliswil" hatte immerhin die Lehren aus seiner harten Jugend gezogen. Im Gegensatz zu Hugo Koblet, der 1963 bei einem Autounfall ums Leben kam, liess er sich nicht von den Freunden ausnehmen. Kübler nutzte seine Popularität nach seinem Rücktritt 1957 als Skilehrer, als Aquisiteur für die Tour de Suisse und als Vertreter für die verschiedensten Produkte aus. In den Siebziger- und Achtzigerjahren wurde Kübler bei der Schweizer Landesrundfahrt, als er hochkarätige Gäste in einem Sponsorenauto herumchauffierte, mehr Beachtung zuteil als seinen Nachfolgern im Rennsattel.

Über acht Jahre hinweg nutzte ein Versicherungsunternehmen, immerhin 23 Jahre nach dessen Rücktritt, Küblers markante Nase zu Werbezwecken. Obwohl er nie "Schweizer Sportler des Jahres" geworden ist, wurde Kübler 1983 noch als Schweizer Sportler des Jahrhunderts ausgezeichnet. Zudem erhielt er bei den Sports Awards 2003 den Ehrenpreis zugesprochen.

Kübler als Tour de France-Sieger 1950 Kübler als Tour de France-Sieger 1950

Kübler als Tour de France-Sieger 1950 Kübler als Tour de France-Sieger 1950

Keystone

Neben der Tour de France 1950 sowie der Strassen-WM 1951 setzte Ferdy Kübler in seiner grossartigen Karriere noch zwei weitere Ausrufezeichen. Sowohl 1951 wie auch 1952 entschied er das Ardennen-Weekend für sich, indem er jeweils die Flèche Wallonne und Lüttich - Bastogne - Lüttich gewann. Die beiden schweren Rennen wurden innerhalb von 24 Stunden samstags und sonntags ausgetragen. Gleich dreimal (1950/1952/1954) entschied Kübler die hoch eingestufte Jahreswertung "Challenge Desgrange-Colombo" für sich.

Bis 2009 war er auch der Schweizer, der das "Maillot jaune" der Tour de France am häufigsten getragen hat (12 Mal). Dann löste ihn der in diesem Jahr zurückgetretene Fabian Cancellara ab, der sich 29 Mal ins gelbe Leadertrikot hat einkleiden lassen dürfen.

Reaktionen auf Ferdy Küblers Tod:

Der zurückgetretene Radrennfahrer Fabian Cancellara «R.I.P. Ferdy Kübler National - eine Legende und grosse Inspiration auch mit 97 Jahren.»
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Der Sprint-König Urs Freuler «Klar, man musste immer damit rechnen, dass Ferdy sterben könnte. Aber wenn es dann passiert, tut es trotzdem weh. Er war ein ganz besonderer Mensch und Freund. Mit seinem Enkelsohn Ken habe ich heute noch wöchentlich Kontakt, und jedes Mal reden wir über seinen Opa. Ferdy wird uns allen fehlen.»
Ex-Fifa-Chef Sepp Blatter «Ferdy Kübler war eine Person der Zeitgeschichte mit einer Ausstrahlung weit über den Sport hinaus. Jeder, der Velo gefahren ist, wollte Ferdy sein. Für mich als Sohn eines Velo-Mechanikers galt dies ganz besonders.»
Beat Breu, ehemaliger Schweizer Radprofi «Einer der Grössten ist von uns gegangen. Er hatte ein gutes Leben, war eigentlich nie krank. Um ihn herum war immer viel los - wo er auftrat, war er die Hauptfigur. Ferdy hatte viele Geschichten zu erzählen und die Leute hingen ihm an den Lippen. Er war einer vom Volk und ein grosses Idol.»
Olivier Senn, Generaldirektor der Tour de Suisse «Danke für Deinen riesigen Beitrag zum Schweizer Radsport. R.I.P., Ferdy!»
Die Tour de France meldet sich auf Twitter

Der zurückgetretene Radrennfahrer Fabian Cancellara «R.I.P. Ferdy Kübler National - eine Legende und grosse Inspiration auch mit 97 Jahren.»

KEYSTONE/AP/CHRISTOPHE ENA