Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

PHYSIK: «Wir brauchen eine Weltmaschine»

Sieben Jahre leitete Rolf-Dieter Heuer das Cern, das grösste Physiklabor der Welt. Ein Gespräch über Elementarteilchen und Forscherglück.
Interview Sermîn Faki
Nach dem «Gottesteilchen» sucht man am Cern nach dunkler Materie. «Es kann noch lange dauern, bis wir sie finden», sagt Rolf-Dieter Heuer, der Direktor des Cern. (Bild: AFP/Fabrice Coffrini)

Nach dem «Gottesteilchen» sucht man am Cern nach dunkler Materie. «Es kann noch lange dauern, bis wir sie finden», sagt Rolf-Dieter Heuer, der Direktor des Cern. (Bild: AFP/Fabrice Coffrini)

Rolf-Dieter Heuer, am Cern sucht man seit Mai nach der dunklen Materie. Haben Sie sie schon gefunden?

Rolf-Dieter Heuer: Nein, sonst hätten Sie davon gehört. (lacht) Wir suchen auch schon viel länger, aber seit Mai läuft der Teilchenbeschleuniger LHC mit doppelter Energie. Trotzdem kann es noch lange dauern, bis wir dunkle Materie finden. Es braucht viele Kollisionen, weil die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem solchen Zusammenstoss dunkle Materie entsteht, extrem klein ist.

Sie gelten als Popstar der Teilchenphysiker. Finden Sie das zutreffend?

Heuer: Nein. Würde ich singen, wäre jeder Saal sofort leer. Aber ich weiss natürlich, dass die Teilchenphysik ein fast schon esoterisches Forschungsfeld ist, das die Fantasie vieler Menschen anregt. Und ich gebe auch gern zu, dass ich in den letzten Jahren so etwas wie das Gesicht des Cern war. Das liegt vor allem an meiner Funktion. Aber es ist natürlich wichtig, das Amt mit einer positiven und offensiven Kommunikation zu verbinden.

In wenigen Tagen verlassen Sie das Cern. Ein gutes Gefühl?

Heuer: Ja. Sieben Jahre sind genug. In den 60 Jahren, in denen das Zentrum besteht, gab es nur zwei Generaldirektoren, die länger als fünf Jahre an Bord waren.

Zum Popstar wurden Sie vor allem dadurch, dass unter Ihrem Management das Higgs-Teilchen gefunden wurde. Wie wichtig war dies?

Heuer: Die Entdeckung des Higgs-Bosons war für die gesamte Wissenschaft ein Riesensprung: Nach 50 Jahren konnten wir endlich die Theorie des Standardmodells der Elementarteilchenphysik vervollständigen und damit auch eine Beschreibung des sichtbaren Universums liefern. Für das Cern war die Entdeckung natürlich eine grosse Anerkennung – innerhalb der wissenschaftlichen Welt, aber auch in der breiten Öffentlichkeit. Noch heute wird viel über das Higgs-Teilchen geredet, wie unser Interview beweist. Das ist wichtig, weil es der Jugend signalisiert, dass hier ein spannendes Betätigungsfeld wartet, welches gar nicht so schwer zu verstehen ist, wie immer behauptet wird.

Sie leiten eine der wichtigsten Forschungseinrichtungen der Welt. Wo steht die Forschungslandschaft Europa?

Heuer: Auf dem Feld der Elementarphysik ist Europa immer noch führend. Was die intellektuellen Fähigkeiten betrifft, sehe ich kaum Unterschiede zu Asien oder den USA, und auch bei den Institutionen spielen wir in der oberen Liga. Ein Problem in Europa sind sicher die Kleinteiligkeit und die vielen bürokratische Hürden.

Wie steht es um das Niveau unserer Universitäten?

Heuer: Auch hier ist die Bilanz im Vergleich zu den USA sehr mager. Ich erinnere mich an meine eigene Berufung – bis auf den Titel bekam ich damals nicht viel. Ich meine hier nicht die Vergütung. Damit ködert man Wissenschaftler nicht, sondern mit Ausstattung wie Doktorandenstellen und Sachmitteln. Hier hinken viele europäische Unis hinterher.

In der Schweiz heisst es immer, Jugendliche interessierten sich nicht für Mathe und Naturwissenschaften. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?

Heuer: Leider. Ich treffe immer wieder Leute, die damit kokettieren, Physik nicht verstanden zu haben. Ich finde das falsch – immerhin beruht unsere ganze moderne Welt auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Es gäbe heute weder Fernsehen noch Handys, wären alle darauf stolz, Mathe nicht zu kapieren. Wenn ich in Indien, Pakistan oder Bangladesch Vorträge über das Cern halte, sind die Säle bis auf den letzten Platz gefüllt. Da komme ich mir wirklich wie ein Popstar vor, denn ich brauche fast Bodyguards, um wieder rauszukommen. Die jungen Leute dort sind wahnsinnig begeistert von den Naturwissenschaften, sie sehen darin eine Zukunft für sich. In Europa passiert das nicht.

Woran liegt das?

Heuer: Wir sind gesättigt durch den Überfluss an Information, wir leiden unter permanenter Reizüberflutung und haben darum den Biss verloren. Dabei ist das Interesse im Prinzip da, Kinder sind von Natur aus neugierig. Das Hauptproblem ist nicht, das Interesse zu wecken, sondern es wachzuhalten. Dazu braucht es ein Rüebli, dem man folgen kann.

Und der Teilchenbeschleuniger LHC ist so ein Rüebli?

Heuer: Grosse Forschungsinstitutionen wie das Cern helfen jedenfalls. Denken Sie an die Apollo-Mission der Nasa: Die löste in den Sechzigerjahren einen wahren Boom der Ingenieurswissenschaften aus. Ich hoffe, dass der LHC und seine Entdeckungen dazu führen, dass sich wieder mehr Jugendliche für Physik interessieren.

Wie wird die angestrebte Reduktion der Zuwanderung in der Schweiz die Arbeit am Cern verändern?

Heuer: Kaum. Das Cern ist eine internationale Organisation und somit ausgenommen von einer Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative. Auch alle anderen Probleme zwischen der EU und der Schweiz betreffen uns nicht. Wir können beispielsweise nach wie vor beim Forschungsprogramm Horizon 2020 mitmachen. Sollte es Probleme geben, betreffen diese vor allem die Schweiz, die je nach Ausschreibung nicht als vollwertige Partnerin mitmachen kann.

Der LHC läuft seit Mai mit mehr Energie als je zuvor. Wie lange reicht seine Kapazität noch?

Heuer: Wir rechnen damit, dass der LHC noch 20 Jahre läuft. 2035 haben wir ihn komplett ausgenutzt, dann ist er am Ende dessen angekommen, was er liefern kann.

Und was kommt danach?

Heuer: Eine Möglichkeit wäre, einen Super-LHC mit stärkeren Magneten zu bauen. Damit könnte man die Teilchen mit noch höherer Energie im Kreis laufen lassen. Machen wir das im gleichen Tunnel, können wir die Energie verdoppeln. Oder aber wir machen einen richtigen Schritt nach vorn und versiebenfachen die Energie. Dazu müsste der Kreis aber 80 bis 100 Kilometer lang sein statt 27 Kilometer wie heute. Und wir bräuchten andere Infrastrukturen und Technologien, die noch nicht existieren.

Gibts für einen 100 Kilometer langen Beschleuniger überhaupt Platz, oder müssten Sie die Schweiz verlassen?

Heuer: Wir haben uns die Geologie um Genf schon angeguckt. Weder ein 100 Kilometer grosser Kreis noch ein 30 Kilometer langer Linearbeschleuniger, der ebenfalls eine Option ist, sollte ein Problem sein.

Woher soll das Geld kommen?

Heuer: Diese Frage muss zum Glück das nächste Management beantworten (lacht). Aber Sie haben Recht: Ein Super-LHC wäre sehr teuer. Eine Maschine, die noch grösser ist als unser LHC heute, kann keine europäische Angelegenheit mehr sein. Wir brauchen eine Weltmaschine, die auch von der Welt finanziert wird. Deshalb beziehen wir schon in den Vorstudien alle Regionen der Welt mit ein.

Hand aufs Herz: Werden Sie nicht doch ein bisschen wehmütig, bald nicht mehr Teil davon zu sein?

Heuer: Fragen Sie mich das im Januar. Wie in solchen Fällen wohl üblich, wohnen zwei Seelen in meiner Brust: Einerseits ist es – jedenfalls meistens – ein toller Job, der einem grosse Befriedigung verschafft. Andererseits lastet die Verantwortung auch schwer auf den Schultern.

Was belastet denn so?

Heuer: Sie müssen sich das Cern wie eine Kleinstadt mit 15 000 Menschen vorstellen. Der Generaldirektor ist wie ein Bürgermeister für alles verantwortlich, auch wenn man natürlich Mitarbeiter hat. Die letzte Verantwortung trage ich.

Was braucht es, um so viele Menschen zu führen?

Heuer: Irgendwie läuft es, ich weiss auch nicht, warum. Sicher muss man offen sein, zuhören können und im richtigen Moment Entscheidungsstärke beweisen. Wissenschaftler lassen sich nicht gern führen, höchstens koordinieren. Am besten steuert man, ohne dass es die Leute merken. Das Cern ist eine relativ eingespielte Maschine, die Funktion des Generaldirektors ist so etwas wie Öl im Getriebe. Wichtig ist man vor allem in Konfliktsituationen. Dann hilft, dass letztlich alle das Gleiche wollen: das Beste aus dem Beschleuniger rausholen und neue Erkenntnisse gewinnen. Alle Mitarbeiter, selbst die besten, wissen, dass sie ihr Ego zurückstellen müssen, um Erfolg zu haben.

Interview Sermîn Faki

Zur Person

Rolf-Dieter Heuer, geboren 1948, amtet noch bis zum 31. Dezember als Generaldirektor des internationalen Forschungszentrums Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire (Cern) in Genf. Der studierte Physiker aus Deutschland trat das Amt im Januar 2009 an, nachdem er bereits in den Achtzigerjahren am Cern geforscht hatte.

Mit über 3000 Mitarbeitern und über 10 000 Gastwissenschaftlern ist das Cern das weltweit grösste Forschungszentrum für Teilchenphysik. Dort wird Grundlagenforschung betrieben, insbesondere wird mit Hilfe grosser Teilchenbeschleuniger der Aufbau der Materie erforscht. Letztmals im Zentrum der Weltöffentlichkeit stand das Cern im Juli 2012, als Heuer die Entdeckung des Higgs-Bosons verkünden konnte, besser bekannt als «Gottesteilchen». 2013 erhielten die Forscher Peter Higgs und François Englert, die 1964 die Existenz dieses Teilchens vorausgesagt hatten, dafür den Physiknobelpreis.

Vor kurzem machte das Cern wieder einmal auf sich aufmerksam: Lichtsignale im Teilchenbeschleuniger LHC weisen auf die Existenz eines neuartigen Teilchens hin. Dagegen könnte selbst das Higgs-Boson verblassen, heisst es in der Fachgemeinde.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.