PILATUS: Ein Bergler mit Sinn für Zahlen

Lange war er Säckelmeister, nun ist Godi Koch Chef der Pilatus-Bahnen. Auf einer Bergfahrt erzählt er, warum der Ansturm auf den Luzerner Hausberg immer grösser wird und weshalb er selber lieber zu Fuss hochgeht.

Interview Robert Bossart
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«Intakte Landschaft und ein ruhiger Tourismus, das ist unser Kapital»: Godi Koch, CEO der Pilatus-Bahnen in der Gondelbahn. (Bilder Dominik Wunderli)

«Intakte Landschaft und ein ruhiger Tourismus, das ist unser Kapital»: Godi Koch, CEO der Pilatus-Bahnen in der Gondelbahn. (Bilder Dominik Wunderli)

Wir sitzen in «Ihrer» Pilatus-Bahn und fahren hoch zum nebelverhangenen Pilatus. Wie oft sind Sie selber in der Bahn?

Godi Koch: In den letzten sieben Jahren als Finanzchef kam ich leider viel zu wenig dazu. Nun, da ich CEO bin, möchte ich mir schon die Freiheit nehmen, mindestens einmal pro Woche raufzufahren. Ich will auch präsent sein als Chef.

Jedes Jahr fahren mehr Leute auf den Luzerner Hausberg. Haben Sie nie Angst, dass dieser Trend abbricht und irgendwann niemand mehr rauf will?

Koch: Nein, diese Angst haben wir eigentlich nicht, aber wir müssen immer wieder mit Neuem aufwarten.

Damit es den Leuten nicht langweilig wird?

Koch: Langweilig ist der Pilatus sowieso nie. (lacht) Aber die Bedürfnisse der Gäste ändern sich, dem müssen wir uns stellen. Der Aufschwung ist wohl den Investitionen in den letzten Jahren zu verdanken: Die Renovation des Hotels Kulm, die neue Panoramagalerie auf dem Kulm, der Umbau des Hotels Bellevue und der neue Platz in Alpnachstad. Das zieht Leute an – wir haben zwei Rekordjahre hinter uns, und dieses Halbjahr war auch super.

Eigentlich ein erstaunlicher Erfolg, schliesslich gibt es da oben gar nicht so viel zu tun, ausser essen, trinken und die Aussicht. Was lockt die Leute hinauf – Ihre gute PR?

Koch: Das natürlich auch. (lacht) Aber in erster Linie ist der Pilatus einfach etwas Einmaliges. Das sieht man ja auch daran, dass über 50 Prozent Schweizer Gäste sind, von denen viele immer wieder kommen. Es gibt Leute, die jeden Tag am Berg sind. Die zentrale Lage und die wunderbare Aussicht machen das gewisse Etwas aus.

Und die Luzerner?

Koch: Rund 65 Prozent der Schweizer kommen aus der Umgebung.

Ab 1. September wird die Luftseilbahn ein halbes Jahr stillstehen, weil eine neue Bahn gebaut wird. Im Winter wird der Berg dann zu dem stillen Ort, der er einmal war. Wie haben Sie ihn am liebsten?

Koch: Am liebsten ist mir beides, die Betriebsamkeit und die Ruhe. Oben auf dem Kulm mag ich es natürlich, wenn etwas los ist. Aber wir achten sehr darauf, dass der Rummel nicht überhandnimmt, da wir wissen, wovon wir leben: von der intakten Natur – die muss unbedingt erhalten bleiben. Jedes dritte Wort der Chinesen, die hierherkommen, ist «Paradies». Das sagt doch alles.

Noch paradiesischer ist es, wenn man einsam auf dem Gipfel steht ...

Koch: Das ist wahr. Wenn ich nicht aufs Geschäft achten müsste, wäre mir das auch am liebsten. Aber es ist auch so erlebbar, wenn man zum Beispiel oben übernachtet. Dann hat man abends nach der letzten Bahnfahrt, wenn alle Ausflügler runtergefahren sind, eine fast schon himmlische Ruhe.

Wer übernachtet auf dem Pilatus?

Koch: Es ist interessant: Zum grössten Teil sind es Leute aus der Region. An schönen Wochenenden könnten wir dreimal so viele Leute beherbergen, an regnerischen Montagen hats jeweils viele Zimmer frei.

Die neue Bahn wird nächstes Jahr eröffnet, warum gibt es keine Freiluftterrasse wie auf dem Stanserhorn?

Koch: Wir müssen ja nicht das Gleiche machen wie die Konkurrenz. Da wir uns zu 100 Prozent selber finanzieren, ist unser Spielraum begrenzt, dennoch werden wir eine ganz spezielle Seilbahn bauen, in der man ein Gefühl hat, als ob man in einem Helikopter sitzt – mit viel Glas und viel freier Sicht.

Stichwort Finanzen: Finden Sie es ungerecht, wenn andere Bahnen öffentliche Gelder beziehen, während Sie alles selber bezahlen müssen?

Koch: Es geht, dafür redet uns niemand rein, und wir haben mehr Gestaltungsspielraum. Wir sind froh, dass es so ist, es ist ein Luxus, wenn man nicht abhängig ist und schwarze Zahlen schreibt.

Sie hatten ja einen guten Finanzminister die letzten sieben Jahre ...

Koch: Ja, der war sehr gut. (lacht)

Die Zahnradbahn wird nächstes Jahr 125 Jahre alt und hat immer noch die Originalzahnstangen im Einsatz. Sind die nicht langsam etwas brüchig?

Koch: Da müssen Sie keine Angst haben, die halten perfekt. Wenn man so was heute machen würde, müsste man sie wahrscheinlich nach 30 Jahren auswechseln. Damals wurde noch mit perfekter Qualität gearbeitet.

Es gibt viele Leute, die in diesen steilen Bahnen ein mulmiges Gefühl haben. Geht es Ihnen auch so?

Koch: Ich bin ein Bergler und habe mit der Höhe keine Mühe. Zudem werden die Bahnen natürlich regelmässig geprüft, sodass alle absolut sicher unterwegs sind. Die Luftseilbahn ist eines der sichersten Transportmittel auf der Welt.

Apropos Bergler: Wandern Sie lieber auf den Pilatus, oder nehmen Sie lieber die Bahn?

Koch: Wenn ich wählen kann, dann laufe ich, aber Sie sehen (zeigt auf seinen Bauch), dass ich leider nicht mehr so viel zum Wandern komme. Früher habe ich den einen oder anderen 4000er bestiegen. Als Bergbegeisterter ist es für mich umso schöner, hier arbeiten zu dürfen.

Im Sommer arbeiten über 200 Personen bei den Pilatus-Bahnen. Was sind das für Leute?

Koch: Der grösste Teil sind Schweizer, in der Gastronomie sieht es etwas anders aus. Wir bemühen uns, Einheimische einzustellen, und haben auch einen guten Anteil an Schweizern, aber es ist nicht so einfach. Mir ist aber eine hübsche Serviertochter mit einem strahlenden Lachen aus der Slowakei lieber als eine Einheimische, die einen Lätsch macht.

Auf dem Stoos entsteht eine Standseilbahn, die mit 110 Prozent wesentlich steiler ist als die 48 Prozent hier. Läuft diese Ihnen den Rang ab?

Koch: Nein. Bei uns spielt das Historische eine wichtige Rolle, die Triebwagen sind von 1937, die Bahn ist 125 Jahre alt. Das sind unsere Trümpfe.

Die Pilatus-Bahn wurde gebaut, um der Rigi-Bahn Konkurrenz zu machen. Ist das immer noch ein Wettlauf?

Koch: Klar, wir leben in Konkurrenz zueinander, aber es ist eine gesunde, wir arbeiten ja auch zusammen. Wichtig ist, dass die Leute in unsere Region kommen. Im Moment gibt es genügend Gäste für alle Bahnbetreiber.

Damals, 1873, waren es 35 000, heute sind es über 400 000, die jedes Jahr auf den Pilatus fahren. Haben Sie auch schon etwas gar lange auf Ihren Kaffee warten müssen auf dem Gipfel?

Koch: Ja, klar. Allerdings reden wir da von etwa 20 Tagen im Jahr – früher nannte man sie Kampftage, wir reden heute von «happy days». (lacht) Wir haben Freude, wenn so viele kommen, darum haben wir die Infrastruktur ausgebaut.

Eine neue Seilbahn, ein neues Restaurant, renovierte Hotels, der Seilpark, das Personalhaus, Sommerevents – tut Ihnen der übernutzte Berg nicht auch etwas leid?

Koch: Ich glaube nicht, dass er uns leidtun muss, wir versuchen ja, die Menschenmassen zu kanalisieren und auf drei Punkte zu konzentrieren: Krienseregg, Fräkmüntegg und Kulm. Drumherum ist alles naturbelassen, und das soll auch so bleiben.

Öfter hört man den Vorwurf, dass die Alpen zum Disneypark verkommen. Wohin geht die Entwicklung?

Koch: Wir haben keine spektakulären Hängebrücken oder Ähnliches in der Ideenschublade, welche die Landschaft weiter belasten würden. Wie gesagt: Wir setzen auf intakte Landschaft und ruhigen Tourismus. Das ist unser Kapital. Wir greifen nur wenig in die Natur ein. Andere Gebiete, etwa in Österreich, haben ganz andere Konzepte, in denen es mehr um Fun und Klamauk geht. Das ist nicht unser Ding. Die Kühe, die man hier sieht, sind echt – das schätzen die Touristen.

Gehen Sie auch mal fremd und fahren mit einer anderen Bahn in die Höhe?

Koch: Durchaus, kürzlich war ich in Engelberg, und einmal im Jahr gehe ich auf die Rigi.

Eine schwierige Frage: Welches ist der schönste Berg in der Zentralschweiz?

Koch: Die Antwort ist einfach: Der Pilatus, mit seiner tollen Lage Richtung Flachland ist er einfach nicht zu toppen.

Wandern Sie lieber auf einsamen oder wie am Pilatus eher auf ausgetretenen Pfaden?

Koch: Bevor ich hier arbeitete, ging ich nie auf einen Berg, wo auch noch eine Bahn hinauffuhr. Ich habe es gerne ruhig beim Wandern.

Schaut man sich Verwaltungsrat und Geschäftsleitung an, muss man sagen: ein reiner Männerklub. Mögen Sie keine Frauen, die etwas zu sagen haben?

Koch: Doch, doch. In dem Bereich, in dem ich bis jetzt gearbeitet habe, hatte ich nur Frauen um mich herum.

Und privat?

Koch: Privat? Da habe ich eine liebe Frau, die mich immer unterstützt und die mir drei unterdessen erwachsene Söhne geschenkt hat. Sie sind übrigens mein grosser Stolz.

Sie wohnen in Grosswangen – weit weg von den Bergen. Warum gerade dort?

Koch: Hier bin ich aufgewachsen. Ich war zwar lange weg, bin aber wieder hierher zurückgekehrt.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Koch: Ich dachte, dass diese Frage noch kommen würde.

Löst sie bei Ihnen Angstschweiss aus?

Koch: Nein, das nicht, aber im Moment habe ich eine Sechstagewoche, da bleibt wenig Zeit für anderes. Aber wenn ich frei habe, wandere ich gerne, zudem ist mir die Familie wichtig. Und faulenzen gehört auch dazu. Früher war ich auch politisch aktiv als Parteipräsident der CVP von Grosswangen.

Wollten Sie nicht Karriere machen als Politiker?

Koch: Nein, das war nichts für mich. Ich bin zu wenig diplomatisch.

Zu wenig diplomatisch? Sind Sie ein strenger Chef?

Koch: Wahrscheinlich schon, ein ungeduldiger zumindest. Es kann schon vorkommen, dass ich mal etwas heftig rüberkomme. Aber als CEO braucht man eine gewisse Ungeduld, sonst kommt man nicht weiter. Man muss der Antreiber sein und den anderen voraus sein. Man darf einfach nicht zu weit vorangehen, sonst versteht einen niemand mehr.

Sie müssen seit diesem Jahr 200 Angestellte führen. Der Druck ist hoch – können Sie dennoch ruhig schlafen?

Koch: Ja, ja, ich bin jeweils so müde, dass das kein Problem ist. (lacht) Aber ich bin ja schon länger im Betrieb und weiss ziemlich gut, wie die Dinge hier laufen.

Beruflich sind Sie seit Jahren ziemlich gefordert. Hatten Sie genug Zeit für Ihre drei Söhne?

Koch: (überlegt) Was soll ich sagen? Im Nachhinein denkt man immer, dass man mehr Zeit hätte für sie aufbringen können. Aber meine Familie ist mein grösstes Glück, und schliesslich wohnen alle drei noch zu Hause, was sicher kein schlechtes Zeichen ist.

Was bringt Sie auf die Palme?

Koch: Wir wollen ja Gastgeber sein bei den Pilatus-Bahnen. Was mich nervt, ist, wenn dies nicht umgesetzt wird. Ich sehe von meinem Büro aus auf die Talstation runter. Wenn ich dann eine Mutter sehe, die verzweifelt versucht, mit Kind und Wagen in die Bahn zu steigen, während 2 Meter entfernt ein Bahnangestellter steht und tatenlos zuschaut, dann bringt mich das auf die Palme. Zum Glück kommt das jedoch sehr selten bei uns vor.

Gibt es so etwas wie einen grössten Traum?

Koch: Ich gehe diesen Sommer mit meinen zwei jüngeren Söhnen für einen Monat nach Australien, darauf freue ich mich riesig. Und sonst? Das ist der Traum!

Was?

Koch: Hier bei den Pilatus-Bahnen die Nummer eins zu sein. Ich war sonst immer die Nummer zwei bis jetzt. Ich bin eigentlich die typische Nummer zwei.

Haben Sie darunter gelitten?

Koch: Nein, überhaupt nicht, es ist einfach schön, nun auch mal ganz vorne zu stehen.

Was können Sie so gut, dass Sie Chef sind?

Koch: Da gibt es nichts Spezielles. Wir sind mitten in einem Prozess und ich kenne den Betrieb gut. Und ich bin hartnäckig, zudem habe ich eine gewisse Akzeptanz bei den Mitarbeitenden. Die einen mögen mich, die anderen vielleicht weniger, aber man respektiert mich.

Als Finanzchef holt man sich nicht nur Lorbeeren ab.

Koch: Nein, als «Finänzler» bist du immer der Böse, derjenige, der auf die Bremse tritt und bei den Lohnerhöhungen geizt. Jetzt, als CEO, kann ich auch mal die Rolle des Grosszügigen einnehmen.