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POLEN: Sein brennendes Herz

Vor fünf Monaten verbrannte sich der 54-jährige Familienvater Piotr Szczesny in Warschau selbst – aus Protest gegen die Politik der rechtsnationalen Regierung. Auf den Spuren eines Mannes, der seine Heimat nicht wiedererkennen konnte und daran zerbrach.
Cedric Rehman, Warschau/Krakau
Gedenkstelle für Piotr Szczesny in Krakau. In den sozialen Medien wird sein Tod instrumentalisiert – von zwei Seiten. (Bild: Beata Zawrzel/Getty (Krakau, 30. Oktober 2017))

Gedenkstelle für Piotr Szczesny in Krakau. In den sozialen Medien wird sein Tod instrumentalisiert – von zwei Seiten. (Bild: Beata Zawrzel/Getty (Krakau, 30. Oktober 2017))

Cedric Rehman, Warschau/Krakau

Einen Moment, bevor Piotr Szczesny am Nachmittag des 19. Oktober 2017 ein Feuerzeug an seine Kleidung hält, muss es still gewesen sein auf dem Platz vor dem Warschauer Kulturpalast. Szczesny spielt eine Aufnahme seines Lieblingslieds «Kocham Wolnosc» ab. Erst als der antikommunistische Protestsong verstummt, greift er zu dem Behälter neben sich. Er übergiesst sich selbst mit Brandbeschleuniger, zückt sein Feuerzeug. Sie hätten es in der Dämmerung nicht bemerkt, sagen die Fussgänger später. Sie hätten nur das Lied gehört. Und dann den Schrei.

Piotr Szczesnys Kinder Sophia und Krzysztof sind sich sicher, dass nichts, was an jenem Tag geschah, Zufall war. Sein Vater habe «Kocham Wolnosc» in den 80er-Jahren als Student gehört. «Der Song war so etwas wie sein Lebensmotto», sagt Krzysztof. Die Szczesnys fanden nach dem Tod ihres Vaters in dessen Haus in der Kleinstadt Niepolomice bei Krakau ein politisches Manifest vor. ­Darin begründet Szczesny seine Tat mit den Missständen in Polen. Aufhebung der Gewaltenteilung, Knebelung der ­Medien, Hetze gegen Minderheiten: Szczesny beschreibt in seinem Manifest ein Land, das sich binnen zwei Jahren verfinstert hat und das wenig gemein hat mit jenem Polen, das sich in Krakau Touristen weltoffen zeigt. Szczesnys Kinder können von ihrem Tisch in einer Starbucks-Filiale Einheimischen und Touristen beim Ladenbummel zuschauen. Vielleicht trägt der eine oder andere Geld in den Konsumtempel, das er dank der Sozialreformen der Regierung unter der rechtsnationalen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) mehr in der Tasche hat.

Für die Opposition ist Piotr Szczesny ein Held

Es waren ausländische Reporter, die nach Krakau gereist sind, um die Familie Szczesny ausfindig zu machen. Sie verglichen den Mann aus Niepolomice mit Jan Palach. Wie der Prager Student, der sich aus Protest gegen die sowjetische Invasion in der Tschechoslowakei 1968 verbrannte, sei Szczesny nun das Symbol des Protestes gegen den Autoritarismus des 21. Jahrhunderts in Polen. Die Opposition gedachte im November 2017 im Sejm mit Schweigen der Selbstverbrennung Szczesnys. Die Abgeordneten der regierenden PiS blieben fern. Sie beschuldigen die Opposition der Propaganda und verurteilen die ausländischen Medienberichte als antipolnische Kampagne. Seit ihr Name bekannt wurde, erhält die Familie Szczesny Kondolenzbriefe aus dem ganzen Land. Hass tobt derweil im Internet. Szczesny, der an Depressionen litt, sei irre gewesen, heisst es. Sophia und Krzysztof Szczesny wollen diesen Verleumdungen entgegentreten. Und sie suchen nach einer Antwort auf das Warum.

«Mein Vater hat in diesem Jahr keine Kürbissamen ausgesät», sagt Sophia. Der studierte Chemiker habe nie gern etwas angefangen, was er nicht habe beenden können, sagt die Künstlerin. «Und er wusste, dass er die Kürbisse in diesem Jahr nicht ernten konnte.» Die Geschwister glauben, dass ihr Vater vor einem Jahr den Entschluss zur Selbstverbrennung gefasst hat. Sophia Szczesny arbeitete damals in der Schweiz. Ihrem Vater sei es psychisch schlechter gegangen – mit jedem neuen Gesetz, mit dem die Regierung Polen aus seiner Sicht mehr auf den Kopf gestellt hat. «Wenn ich mit meiner Mutter telefoniert und sie gefragt habe, wie es Papa gehe, meinte sie: ‹Er hat mal wieder PiS.›» Es scheint, als wäre die PiS für Szczesny eine mentale Grippe gewesen. Zunächst kam sie und ging. Aber Szczesnys Abwehrkräfte müssen mit der Zeit geschwunden sein.

Nach der Wende von 1989 engagierte sich Szczesny in demokratischen Initiativen. Er habe aber nie im Vordergrund stehen wollen, erzählen Mitstreiter von damals. Eine Tat, die ihn im ganzen Land exponiert, könne niemand, der ihn kannte, mit dem schüchtern wirkenden Mann in Verbindung bringen, sagt eine ehemalige Kollegin. Ob seine Kinder dem Vater die Tat verzeihen können? Krzysztof Szczesny und seine Schwester schauen sich an, als wollten sie mit Blicken eine Antwort abstimmen. Sophia sagt schliesslich: «Wir können ihm nicht böse sein, er konnte in diesem Land einfach nicht weiterleben.» Der Vater habe aus ihrer Sicht nicht Suizid begangen. «Er hatte rezeptpflichtige Medikamente, das wäre einfach gewesen. Aber er hat die schmerzhafteste Art gewählt, aus dem Leben zu scheiden. Er hat sich dafür bewusst entschieden.» Wojciech Karpieszuk kann sich gut an die Interviews erinnern, die er nach der Tat im Umfeld von Szczesny geführt hat. Der Journalist der liberalen Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» genehmigt sich an der Bar des Kulturzentrums Resort Komedii in Warschau ein Bier. Er kommt gerade von der ersten «Hate Poetry»-Veranstaltung polnischer Journalisten. Der deutsche Polen-Korrespondent Philipp Fritz hat sie mitorganisiert und polnische Kollegen in den Keller des Kulturtreffpunkts geladen. Der offen homosexuelle Karpieszuk hat für die Drohungen, die er vorliest, viele Stimmen aus dem Publikum bekommen. Am Ende macht aber ein Kollege aus dem Kulturressort das Rennen. Dessen Erscheinungsbild stachelt im Internet Menschen zu grotesken Beleidigungen an.

«Demokratie-Aktivisten sehen ihr Lebenswerk in Trümmern liegen»

Polen sei immer auf der Suche nach Märtyrern, sagt Karpieszuk. Szczesny nennt sich in seinem Manifest «grauer Mann». Der einfache Mann und seine plötzlich bekannt gewordenen Kinder böten sich jenem Teil der polnischen Gesellschaft als Identifikationsfiguren an, der gegen die PiS eingestellt sei, sagt Karpieszuk. Jeden Tag kämen vor dem Warschauer Kulturpalast Menschen zusammen, die Blumen niederlegten an der Stelle, an der Szczesny sich angezündet hat. «Das erinnert mich an die Leute, die sich nach der Katastrophe von Smolensk 2010 Tag für Tag wegen Lech Kaczynski vor dem Präsidentenpalast versammelt haben», sagt der Reporter. Szczesny sei dabei, der Lech Kaczynski der polnischen Liberalen zu werden. Der damalige Präsident und Zwillingsbruder des heutigen PiS-Chefs Jaroslaw Kaczynski kam 2010 im russischen Smolensk bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Viele PiS-Anhänger betrachten ihn als Opfer eines russischen Mordkomplotts. «Wir lieben Menschen, die sich aufopfern oder für eine Sache sterben», sagt Journalist Karpieszuk. Szczesny sei der Held einer bestimmten Generation, sagt er. Polen, die sich wie Szczesny für die Zivilgesellschaft engagiert hätten, erleben, wie zwei Jahre PiS-Herrschaft genügen, um das Werk von fast drei Jahrzehnten Demokratieaufbau in Polen zu zerstören. «Sie werden alt und sehen ihr Lebenswerk in Trümmern liegen», sagt der Reporter.

Szczesny klagte in seinem Manifest die Regierung an, zwischen Polen Hass zu entfachen. Karpieszuk findet das Manifest in diesem Punkt besonders klarsichtig. «Seitdem die Regierung es verboten hat, von polnischen Konzentrationslagern zu sprechen, und Israel das kritisiert hat, explodiert der Hass auf Juden», sagt der Journalist. Die PiS wisse, dass sie Stimmen bekommt, wenn sie gegen äussere Feinde und Minderheiten mobilisiere. Der Streit mit Israel und seine Folgen für die Juden in Polen zeigten, dass der Regierung bei ihrem Versuch, durch einen weiteren Streit mit dem Ausland die Reihen im Inland noch fester zu schliessen, die Zügel entglitten. «Die PiS weiss, dass das Ausland bei Antisemitismus hellhörig wird, aber sie hat die radikalen Gruppen nicht im Griff», sagt er.

Hat Szczesny also doch dem Land einen Dienst erwiesen? Karpieszuk schüttelt den Kopf. «Noch gibt es hier andere Möglichkeiten zu protestieren», sagt er. Der Journalist hat Angst, dass Szczesnys Beispiel Schule machen könnte. Viele Menschen litten psychisch unter der Lage im Land, das Klima sei günstig für radikale Handlungen. «Je mehr Märtyrer es aber im einen oder anderen Lager gibt, desto schwieriger wird es, die Spaltung des Landes aufzuhalten», sagt er. Ewa Blaszczyk zieht sich ihre Fellmütze tief ins Gesicht, als sie vor der Gedenkstelle für Piotr Szczesny innehält. Vor ihr flackert ein Meer an Kerzen in der Dämmerung. Bis zu 20 Menschen kämen jeden Tag seit dem 19. Oktober, um welken Blumenschmuck zu entfernen und Kerzen wieder anzuzünden, die der Wind ausgeblasen hat, sagt sie.

Zu den Demonstrationen kommen immer weniger Menschen

«In einer Stadt von zwei Millionen finde ich das nicht viel», sagt Blaszczyk. Immer weniger Menschen kämen zu den Demonstrationen gegen die Justizreform, sagt sie. Sie hätten Angst, ihre Meinung zu äussern, zögen sich zurück, meint sie. Sie selbst sei ständig an Demonstrationen. Doch zu sehen, das nichts den Lauf der Dinge beeinflusse, belaste auch sie. Blaszcyk fürchtet, dass Depression bei vielen Oppositionellen in Aggression umschlagen könnte. «Die kann sich gegen einen selbst richten oder gegen das Regierungslager», sagt sie. Vor einigen Wochen sei eine Gedenkveranstaltung für Piotr Szczesny fast eskaliert. «Es gab Leute, die wollten Steine werfen auf das PiS-Hauptquartier in der Nähe.»

Blaszcyk sagt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben nicht wisse, was in einem Jahr, einem halben Jahr sein wird. Ihr Land sei wie ein Zug, der einem unbekannten Bahnhof entgegenfahre. Das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren, nage an ihr. Sie trauere um Pio­tr Szczesny wie um eine Person, die ihr nahegestanden sei. «Er hatte ein gutes Herz», sagt sie. Ein Herz, das brannte aus Sorge um Polen.

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