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PORTLAND: Eine reizende Enklave

Die Stadt an der US-Westküste lässt sich nur schwer einordnen – und genau deshalb ist sie einen ­Besuch wert. Hier begegnet man einer kreativen Bevölkerung, die sich politisch äussert.
Stephanie Rebonati
Portland ist hip und progressiv. Hier wird ein alternativer und toleranter Lifestyle gelebt. (Bilder: Getty)

Portland ist hip und progressiv. Hier wird ein alternativer und toleranter Lifestyle gelebt. (Bilder: Getty)

Stadt, Land, Fluss. Oder: Tattoos, Bärte, Plattenläden. Beide Beschreibungen treffen gleichermassen auf Portland im Nordwesten der USA zu. Es ist ein kurioser Ort. Ein hübscher. Einer vor allem aber, der sich nur schwer einordnen lässt. Und das hat einen bestimmten Grund. Das Image der Stadt ist hip und progressiv. Doch die Geschichte ist gerade das Gegenteil davon. 1844 erliess Oregon ein Gesetz, das die Sklaverei zwar verbot, doch es beinhaltete auch, dass alle Afroamerikaner den Bundesstaat verlassen mussten. Gemäss Statistik ist Portland heute noch die weisseste US-Grossstadt.

Hauptstadt der Bierbrauer und ­Velofahrerinnen

Vor rund fünfzehn Jahren wirkte sich Portland wie ein Magnet auf die Generation X aus, die wegen den tiefen Mieten und der Nähe zur Natur hierher zog. Die Stadt entwickelte sich so nicht nur zur velofreundlichsten des Landes, sondern entpuppte sich regelrecht als reizende Enklave, in der ein alternativer und toleranter Lifestyle gelebt werden konnte – ohne Dichtestress. Kleine Bierbrauereien, die auf traditionelle Herstellungsverfahren setzen, sprossen wie Pilze aus dem Boden, sodass heute in Portland mehr hausgebraut wird als in jeder anderen Stadt Nordamerikas. Secondhandläden, Cafés und Tattoo­studios prägen das Stadtbild. Dasselbe gilt für die vielen Boutiquen, die lokale Produkte, Handgestricktes und Hausgemachtes feilbieten. Hier befindet sich auch die grösste unabhängige Buchhandlung der Welt: Powell’s City of Books bewohnt mit seinen 1,5 Millionen Büchern einen gesamten Häuserblock, in dem man sich leicht verirrt – gut, gibt es zur Orientierung eine App.

Im Portland Museum of Art wird man nicht nur von der hochkarätigen Sammlung an zeitgenössischer Kunst überrascht, sondern vor allem vom Platz, der indigenem Kunstschaffen eingeräumt wird. Hier werden uralte, traditionell geflochtene Körbe und bestickte Textilien neben Werken ausgestellt, die heute von Künstlerinnen und Künstlern gefertigt werden, die den Stämmen der Ureinwohner angehören.

Doch es ist wohl das kulinarische Angebot, von dem die meisten Besucher angetan sein werden. Portland ist nicht nur die Hauptstadt des Spezialbiers, hier lässt es sich auch schlemmen, was das Zeug hält: 500 individuell gestaltete Food Carts und Trucks veranstalten täglich ein Festival der Geschmäcker. Unbedingt probieren: Khao Man Gai (Poulet auf Reis an pikanter Ingwer-Koriander-Sauce) am Stand der jungen Thailänderin Nong Poonsukwattana, die 2003 mit nur zwei Koffern und 70 Dollar im Portemonnaie von Bangkok nach Portland zog. Heute ist ihr Name in der Gastroszene ein fester Begriff. Ebenso lecker: Jiang Bings nordchinesische, luftig-knusprige Crêpes gefüllt mit Bohnenpaste, Chili, Essiggemüse und Frühlingszwiebeln. Und wer noch immer nicht satt ist, darf die saftigen Burger und cremigen Torten bei Tilt nicht verpassen, die in einer stilvoll umfunktionierten Industriehalle serviert werden.

Zwei Strassen weiter bietet sich ein Verdauungsprogramm der ästhetischen Art an: ein langsames Stöbern durch die Papeterie Oblation mit seinem ausgelesenen Angebot an Briefpapier, Karten und Schreibwaren. Genauso liebevoll gestaltet ist die Bijouterie Gem Set Love rund eine Viertelstunde zu Fuss entfernt, die auf antiken Schmuck spezialisiert ist. Hier lernt man, was Art-Déco-Ringe, viktorianische Anhänger und Armbänder der 1940er-Jahre auszeichnet. Wem die Natur aber lieber ist, der mache sich auf den Weg in die West Hills, wo ein Spaziergang durch den Japanischen Garten einer Wellnesskur gleichkommt. Steckt man seine Nase zudem in eine der über 10000 bunten Blüten im Portland Rose Garden, wähnt man sich im Paradies. Oder man setzt sich einfach in eines der Boote, das auf dem Willamette River Sightseeingtouren anbietet.

Es klingt salopp, ist aber wahr: Portland ist cool. Die Atmosphäre ist entspannt. Die Strassen sind oft baumgesäumt und die vielen Parks gepflegt und lauschig. Doch wer im vergangenen Sommer aufmerksam die Medien verfolgte, weiss, dass auch Portland nicht sicher ist vor dem Bösen.

Bewohner protestieren nach blutigem Vorfall

Am 26. Mai ereignete sich in der Strassenbahn im Hollywood District im Nordosten der Stadt ein Vorfall, der die hässliche Geschichte des Staates wiederaufleben liess. Es war ein Freitagnachmittag, kurz vor 16 Uhr. Ein 35-jähriger Mann begann laut zu schimpfen und richtete seine Hasstirade an zwei Mädchen: eines trug ein Kopftuch, das andere war dunkelhäutig. Ein 53-jähriger Techniker, der 20 Jahre in der US-Armee gedient hatte, und ein 23-jähriger Universitätsabsolvent eilten herbei, um die Teenager zu beschützen – und bezahlten mit ihrem Leben. Der Täter stach sie nieder und sagte später vor Gericht: «Ihr nennt es Terrorismus. Ich nenne es Patriotismus.»

Was macht das mit einem Ort, der über die Landesgrenzen hinaus berühmt ist für seinen progressiven Lebensstil? Einem Buschfeuer gleich verbreitete sich Aufruhr in der Gesellschaft, die demonstrierte und Blumen niederlegte. Der Bürgermeister rief zur Solidarität auf und nannte die Opfer Helden. Die Gouverneurin sagte: «Hass hat hier keinen Platz. Lasst uns Oregon liebenswürdiger gestalten.» Die Regierung setzte sich für ein Verbot einer bevorstehenden Pro-Trump-Kundgebung ein, Freiwillige sammelten über eine Million Dollar für die Familien der Opfer, und die muslimische Gemeinschaft bedankte sich für den öffentlichen Zusammenhalt.

Das pittoreske Portland mit seinen vielen Grünflächen, kleinen Bierbrauereien und Cafés schmückte sich nach dem blutigen Vorfall mit Flaggen, Postern und Manifesten. In den Vorgärten wehten Regenbohnenfahnen, an Fassaden und Geländern hingen Plakate wie «Black Lives Matter», «Not My President» und «No Hate». An der Türe des angesagten Plattenladens Beacon Sound hing ein handgeschriebener Zettel, auf dem Albert Einstein zitiert wurde: «Nationalismus ist eine Kinderkrankheit. Die Masern der menschlichen Rasse». Es schien, als ob die Stadt mit vereinten Kräften klarmachen wollte, was sie für eine ist: eine beispielgebende.

Stephanie Rebonati

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