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PORTRÄT: Lydia Bieri bringt Licht in schwarze Löcher

Lydia Bieri (45) aus Sempach ist Mathematik-Professorin in den USA. Obwohl sie sich mit Wellen im Universum befasst, bleibt sie auf dem Boden und hat ein Herz für ahnungslose Journalisten.
Hans Graber
«Absolute Wahrheiten gibt es nur in der Mathematik»: Lydia Bieri im Fotostudio unserer Zeitung anlässlich eines Besuches in ihrer Heimat. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, November 2017))

«Absolute Wahrheiten gibt es nur in der Mathematik»: Lydia Bieri im Fotostudio unserer Zeitung anlässlich eines Besuches in ihrer Heimat. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, November 2017))

Hans Graber

hans.graber@luzernerzeitung.ch

Zu Beginn eine Beichte: Was hier zur Sprache kommt, ist für den Journalisten zum Teil ein Buch mit sieben Siegeln. Das allein ist nicht völlig aussergewöhnlich, aber in diesem Fall ist es unmöglich, sich in einer Art Schnellbleiche Wissen anzueignen, um fachliche Mängel kaschieren zu können. Das Thema bleibt weitgehend ein schwarzes Loch. Um ­dieses geht es hier unter anderem.

Angefangen hat alles im letzten Spätherbst, mit dem Nobelpreis für Physik 2017. Er ging an drei US-amerikanische Forscher, die erstmals den Nachweis erbracht hatten, dass im Weltall Gravitationswellen entstehen. Sie gaben damit Albert Einstein recht, der vor gut 100 Jahren in seiner Relativitätstheorie von diesen Gravitationswellen berichtet hatte, aber der Ansicht war, dass man diese niemals werde messen können.

Unserer Zeitung wurde zugetragen, dass bei der Erforschung dieser Wellen in den USA auch eine Luzernerin an vorderster Front beteiligt ist. Lydia Bieri aus Sempach. Sie hat 2007 an der ETH ­Zürich in Mathematik doktoriert. (Titel ihrer Dissertation: «An Extension of the Stability Theorem of the Minkowski Space in General Relativity.») Danach war sie drei Jahre an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) und wechselte dann an die University of Michigan in Ann Arbor. Seit 2015 ist sie dort «Associate Professor in Mathematics», mit dem Zusatz «with tenure». Das bedeutet so viel wie «auf Lebzeiten».

Allein diese Titel und Begriffe lösen eine gewisse Ehrfurcht aus. Man traut sich kaum, mit der Professorin Verbindung aufzunehmen und ein paar vermutlich unqualifizierte Fragen zu stellen. Doch Lydia Bieri freut sich über die Anfrage aus der Heimat und zeigt viel Verständnis. Mehr noch, damit der journalistische Schuster bei seinen Leisten bleiben kann, sagt sie von sich aus, dass sie den fachlichen Teil doch gleich selber beisteuere (siehe Text auf Seite 24).

Lydia Bieri weiss sehr wohl, dass sie einen Beruf ausübt, der ausser in Kreisen, die derselben Zunft angehören, kaum je brennendes Thema ist. Daniel Brönnimann, ihr Lebenspartner, ist sinnigerweise ebenfalls Mathematiker, er arbeitet in den USA aber für eine Versicherung. Kennen gelernt haben sie sich an der ETH Zürich.

Schon als Kind vom Sternenhimmel fasziniert

Dorthin und auch zu Gravitationswellen und schwarzen Löchern hat Lydia Bieri nicht auf direktem Weg gefunden, mehr so – um im Fachjargon zu bleiben – über die «gekrümmte Raumzeit».

Die heute 45-Jährige ist laut eigenen Worten in eher einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Vater Jules war Viehhändler, ihre kürzlich verstorbene, ursprünglich aus Graz stammende Mutter Rosina schaute zu Lydia und ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Patrick. Er arbeitet heute beim Kanton Luzern.

«Unsere Eltern wussten viel über Natur und Tiere, und vor allem meine Mutter trieb eine wissenschaftliche Neugier», erzählt Lydia Bieri beim persön­lichen Treffen anlässlich eines Schweiz-Besuches. Auch viele politische Diskussionen habe es zu Hause gegeben. «Die Eltern haben uns auf den Weg gegeben, die Dinge zu hinterfragen und sich selber eine Meinung zu bilden. Das hat meinen Bruder und mich geprägt.»

Anders als man vielleicht erwartet: Als Kind sei sie nicht so gerne zu Schule gegangen. Primarschule und Sek absolvierte sie in Sempach. Lieber als auf der Schulbank war sie aber draussen in der Natur. Bieris wanderten viel. Wenn es eindunkelte, schaute Lydia am liebsten nach oben. Zum Sternenhimmel. «Der hat mich von klein auf fasziniert.» Dieses geheimnisvolle Universum, diese Weite, die Unendlichkeit.

Zunächst auf einer Bank das KV gemacht

Lydia verschlang alles zum Thema Astronomie. «Obwohl für meine Eltern ­Mathematik und Physik ziemlich fremde Welten waren, kauften sie mir Bücher, um mich so zu unterstützen.»

Lydia Bieri machte jedoch zunächst das KV beim Bankverein (heute UBS). «Es war sicher spannend bei der Bank», meint sie rückblickend, aber nach der Stifti blieb sie dort nur noch kurz. Sie hatte anderes im Sinn, wobei damals noch nicht feststand, was denn genau.

Sie besuchte den Maturitätskurs für Erwachsene, einen dreijährigen Lehrgang, mittwochs und samstags Schule, der grosse Rest Eigenstudium. Um sich finanziell über Wasser halten zu können, gab Lydia Bieri Nachhilfestunden.

Vielseitig interessiert, las sie sehr gerne französische Literatur und spielte mit dem Gedanken, Romanistik und Geschichte zu studieren. Oder vielleicht Medizin? Nein, am Ende entschied sie sich für Mathematik. Oder Physik. Die ersten vier Semester sind identisch. Als sie sich festlegen musste, fiel die Wahl auf die Mathematik, die übrigens weiterhin eine klare Männerdomäne ist.

Ihr Doktorvater war Demetrios Christodoulou, Mitglied der renommierten US National Academy of Sciences. Der Grieche mit US-Pass ist eine absolute Koryphäe in Sachen mathematische Relativitätstheorie. Und er wurde auch eine sehr prägende Figur für Lydia Bieri.

Nur richtig oder falsch, nichts dazwischen

Aber warum ausgerechnet Mathematik? «Sie ist die einzige Wissenschaft, in welcher man über absolute Wahrheiten reden kann. Es gibt nur richtig oder falsch, nichts dazwischen.» Und: Man kann mit Mathematik Vorgänge aus der Physik, Chemie, Astronomie oder Biologie ausdrücken. Ein weites Feld. Endlos. Die Welt ist noch lange nicht erklärt, weder im Einzelnen noch im grossen Ganzen. Die Mathematik kommt Schrittchen für Schrittchen vorwärts, und jedes setzt wieder einen neuen Horizont. «Man muss ständig neue Grenzen überschreiten, es hört nie auf», sagt Lydia Bieri und zieht Vergleiche mit dem Spitzensport. Ob dort oder in der Mathematik: «Man muss schon angebissen sein, um das zu machen», sagt sie und lächelt.

Der angebissene Spitzensportler kriegt vielleicht mal eine olympische Medaille, der Mathematiker im besten Fall einen wissenschaftlichen Preis. Dem Sportler jubeln die Leute zu, vom Mathematiker dagegen weiss das Fussvolk nichts, und es hat auch nichts davon.

«Stimmt gar nicht», sagt Lydia Bieri und nennt WiFi, LCD, GPS usw. «In jedem Smartphone hat es viel abstrakte Mathematik drin, salopp gesagt, als überaus nützliches Nebenprodukt mathematischer Forschung.» Gleiches gelte unter anderem für Hightech-Geräte, die ursprünglich für die Astronomie entwickelt wurden, ehe man merkte, dass man sie auch in der Spitzenmedizin nutzen kann.

Und trotzdem: Muss man denn alles erklären können, und dazu noch mit Zahlen, Frau Bieri? Besteht der Zauber unseres Daseins nicht gerade darin, dass eben nicht alles erklärbar ist? Dass vielleicht doch eine göttliche Hand die Erde erschaffen hat und sie weiterhin steuert?

Lydia Bieri winkt ab: «Wirklich alles wird ohnehin niemals erklärbar sein, nicht annähernd, zudem schliessen sich Wissenschaft und Religion keineswegs aus. Ich habe den einen und anderen Fachkollegen, der sehr religiös ist.» Und sie selber? «Ich bin in einem katholischen Haus aufgewachsen, habe aber auch meine eigenen Ideen.» Auch als Erwachsener dürfe man sich eine kindliche Neugier bewahren, sämtliche Fragen fragen und versuchen, denen nachzugehen und Antworten zu finden. «Mit dem Glauben hat das gar nichts zu tun.»

Nicht im Elfenbeinturm bleiben

Wenn man mit Lydia Bieri spricht, wird die Leidenschaft für ihr Fachgebiet offenkundig. Es sprudelt nur so aus ihr heraus. Es geht vom Hundertsten ins Tausendste, immer wieder öffnet sich eine neue Sphäre, die auch noch kurz gestreift und beleuchtet sein will.

Für Lydia Bieri ist die Schweiz nach wie vor Heimat, aber die amerikanische Mentalität hat es ihr angetan und auf sie abgefärbt: nicht im Elfenbeinturm bleiben mit seiner Wissenschaft, sondern ­hinaus zu den Leuten damit. Sich öffnen, informieren. Da wird auch mal im Pub vor 100 Leuten locker vom Hocker über Astronomie referiert.

In den USA sei in Sachen Mathematik und Physik ohnehin alles viel dynamischer. In der Schweiz habe man für dieses Studiengebiet mehr Geld pro Kopf zu Verfügung, und man könnte viel mehr machen, aber leider sei manches hier zu stark strukturiert und entsprechend wenig kreativ. «Der Pioniergeist fehlt, und weil es für den ‹Mittelbau› der Fachrichtung kaum Stellen gibt, ist man fast gezwungen, ins Ausland zu gehen.» Wie sie. An eine Uni mit 40000 Studenten.

«Die USA sind mehr als ein Präsident»

Der US-Spirit gefällt ihr: «Das Klischee stimmt, die Amerikaner sind wirklich Stehaufmännchen, wobei, man kann schon auch zwischen Stuhl und Bank fallen.» Dass in diesem Land ein Präsident amtiert, der weltweit für reichlich Irritation sorgt, nimmt Lydia Bieri gelassen. «Die USA sind viel mehr als ein Präsident oder eine Gruppe, die regiert. Sie sind eine Demokratie, deren Institutionen nach wie vor tragen, weil gute Leute beider Parteien ihren Job machen. Und obwohl der amtierende Präsident eine doch sehr polarisierende Person ist, weiss Lydia Bieri schon von Berufs wegen: «Das Pendel schlägt immer wieder zurück.»

Apropos zurück: Eine Rückkehr in die Schweiz ist im Moment überhaupt kein Thema, trotz Lebensstelle aber nicht völlig ausgeschlossen. An Swissness, auch kulinarischer, mangelt es in Ann Arbor aber nicht: Geschnetzeltes mit Rösti oder ein Tête-de-moine-Rundkäse – «wenn man weiss wo, findet man hier alles».

Sie selber habe es nicht so mit dem Kochen, lieber als am Herd sei sie – wie gehabt – in der Natur draussen, beim Joggen. Marathon? «Auch schon gemacht», sagt Lydia Bieri, wenig überraschend. Nach 42195 Metern ist hier Schluss. Aber sie hat ja ihre Mathematik. Da geht es immer noch weiter.

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