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PROJEKT: Kalligrafische Abschrift der Bibel ist eine riesige und meditative Arbeit

Im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2019 entsteht im Kloster Kappel eine kalligrafische Abschrift der Zürcher Bibel von 2007. Das Vorhaben verlangt von den Beteiligten Fingerspitzengefühl.
Monika Wegmann
Giuliano Künzli ist einer der Schreiber im Kloster Kappel.

Giuliano Künzli ist einer der Schreiber im Kloster Kappel.

Monika Wegmann

redaktion@zugerzeitung.ch

Es ist ruhig in dem kleinen Nebenraum des Klosters Kappel, wo zwei ältere Männer konzen­triert tätig sind. Mit dem Federhalter schreiben sie langsam mit rottöniger Tinte Buchstabe für Buchstabe von der Bibelvorlage auf ein handgeschöpftes Papierblatt ab. Jedoch nicht in ihrem persönlichen Stil, sondern mit humanistischen Kursiven und in vorgegebener Grösse – wie auf den alten Handschriften.

Ohne Brille beugt sich Bernhard Jäggi (85) aus Wohlen über sein Blatt, das zweite, das der frühere Schriftsetzer an dem Tag abgeschrieben hat. «Es handelt vom Krieg gegen die Philister, und wie man sieht, war es damals nicht besser als heute. Sie haben Frauen und Männer abgeschlachtet.» Er dürfe sich aber von den Geschichten nicht ablenken lassen, sondern müsse aufpassen, alles richtig abzuschreiben. «Ich finde das Projekt faszinierend, darum bin ich seit dem Start 2012 dabei», sagt der Katholik, der alle zwei Wochen für einen Tag nach Kappel kommt: «Hier herrscht eine spezielle Atmosphäre.»

Alte Tradition der Klöster wiederbeleben

Neben ihm steht Giuliano Künzli (74) aus Winterthur an der schrägen Schreibplatte. Der katholische ehemalige Krankenpfleger hat sich vor Jahren durch das Buch «Geheimnis der Kalligrafie» vom Thema anstecken lassen und einen Kurs gebucht. «Eine Nachbarin machte mich auf das Projekt hier aufmerksam. Auch ich komme zweimal im Monat ­einen Tag hierher, denn ich schreibe gerne – konzentriert und meditativ.» Erfreut registriert Projektleiterin Elisabeth Wyss-Jenny den Fortschritt der Arbeiten, welche rund 40 Freiwillige seit 2012 leisten. Festgestellt hat sie zudem, das überraschenderweise selten gekleckst werde. «Das ist kein Problem, weil auf Einzelbögen geschrieben wird.»

Die Pfarrerin und Mitarbeiterin des Klosters ist die Initiantin des kalligrafischen Bibelschreibprojektes und sagt zur Idee: «Es ist im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2019 eine Hommage an die revidierte Zürcher Bibel von 2007.» Mit der handschriftlichen Ausgabe werde zwar das Rad zurückgedreht. «Gleichzeitig besinnen wir uns auf die Langsamkeit der Produktion – und nehmen Buchstabe für Buchstabe des Textes zur Kenntnis.» Die Wiederbelebung der klösterlichen Tradition des Bibelschreibens und des damit verbundenen spirituellen Vertiefens in die biblischen Texte erweise sich als riesige, meditative Aufgabe. Von jedem Teilnehmer hat Elisabeth Wyss-Jenny einen «Steckbrief» angelegt. Die schreibenden Frauen und Männer seien 30 bis 89 Jahre alt, sowie reformiert und katholisch. «Sie kommen unterschiedlich zum Schreiben, einige regelmässig alle ein bis zwei Wochen, andere wochenweise oder eher im Winter.» Grundsätzlich könne sich jeder beteiligen, sofern er als Basis einen Kalligrafie-Kurs im Kloster oder andernorts besucht und danach einige Wochen geübt habe. «Einer unserer älteren Schreiber war diesen Sommer im Kurs und ist jetzt bereits aktiv.»

Die Teilnehmer übertragen den jeweiligen Bibeltext kunstvoll auf die einzelnen Bogen. Jeder Bund umfasst 16 Seiten. «Davon bleibt jeweils eine Seite leer, die von einem der Schreiber kalligrafisch frei gestaltet werden darf, zum Bibeltext oder zu aktuellen Themen aus der Gegenwart.»

Neues Testament ist schon fertig

An der Wand sind gerahmte Musterseiten zu sehen, auch eine der frei gestalteten, auf welcher der Schreiber ein Gedicht über seine Angst, ob ihm die Kalligrafie gelingt, verfasst und mit abstrakten Formen verziert hat. Gegenüber liegt in der verglasten Vitrine bereits das dicke, in Leder gebundener Unikat des fertigen Neuen Testaments mit 445 Seiten. «Wir wussten zu Beginn nicht, ob das Projekt klappt. Deshalb haben wir zuerst mit dem Neuen Testament begonnen, denn damit hätten wir auch allein leben können», erklärt die Pfarrerin. Inzwischen schreiten die Arbeiten sehr positiv voran, sodass auch das Alte Testament angepackt wird. Elisabeth Jenny-Wyss (64) rechnet allerdings hier mit drei Bänden. «Ein gutes Drittel ist fertig», sagt sie und klappt sorgfältig eine Schachtel auf, wo die fertigen Bünde gesammelt werden. Humorvoll sagt sie: «Die Schreibenden muss ich nicht hüten. Ich kontrolliere nur, dass nichts durcheinandergerät, und behalte die ganze Organisation im Auge.»

Würde sie diese meditative Arbeit nicht auch reizen? «Bis jetzt hatte ich noch keine Zeit, obwohl ich in der Schule früher sogar Kalligrafie hatte. Vielleicht, wenn ich pensioniert bin», sagt Elisabeth Wyss-Jenny. Ob das Neue Testament bis 2019 fertig wird, ist derzeit noch offen. Und wenn die Abschrift endlich vorliegt? Die Pfarrerin: «Von dem Werk gibt es nur ein Exemplar, es wird digitalisiert, aber nicht kopiert. Die Handschrift soll die Festtagsbibel des Klosters Kappel werden.»

Hinweis

Kalligrafisches Bibelschreibprojekt des Klosters Kappel. Information: Elisabeth Wyss-Jenny, Telefon 044 774 88 48.

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