PROMIS: Wer mit den Medien hoch fährt, fährt auch mit ihnen runter

Immer öfter stellen Prominente und Politiker Bedingungen, wenn über sie ein Artikel in einer Zeitung erscheint. Und löschen sogar selber vor Ort Fotos.

Michael Graber
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Es gibt da diese Geschichte mit dem Lift. Die geht in etwa so: Wenn bekannte Menschen die Medienleute einsteigen lassen, um nach oben zu fahren, dann müssen sie sich nicht wundern, wenn diese auch dabei sind, wenn der Lift wieder nach unten fährt. Und meistens fährt der Lift sehr viel schneller ins Erdgeschoss, als er nach oben gelangt ist.

Kein Wunder also, lassen viele Prominente Medienschaffende nur noch einzelne Etagen mitfahren. Dann müssen sie wieder aussteigen. Auch werden die Einsteigenden immer besser geprüft. Allzu feindliche Personen sollen lieber gleich draussen bleiben, unbequeme Fragen gar nicht erst gestellt werden und sowieso: Einsteigen nur nach Rückfrage erlaubt.

Bunte Blüten

Das treibt mitunter bunte Blüten: Interviews werden beim – üblichen – Gegenlesen komplett verstümmelt. Gar ganze Fragenkomplexe werden ersatzlos gestrichen – obwohl das Gespräch meist auf Band ist. Kürzlich hat ein Schweizer Promi im Gespräch mit unserer Zeitung ausführlich Auskunft über seine Liebschaft gegeben – nichts wirklich Weltbewegendes, aber doch erhellend zum Verständnis dieser Persönlichkeit. Nachdem die Medienabteilung des Promis das Interview zurückgeschickt hat, stand fast nichts mehr entsprechendes drin. Es wurde ganz einfach gestrichen oder so weit entschärft, dass die entsprechenden Passagen eigentlich nur noch aus Banalitäten bestanden.

Auch das ist grundsätzlich sein Recht. Lustig wird die Episode dann, wenn man den Hintergrund kennt. Das Interview kam erst auf Ansinnen des Promis selber zu Stande: Er hatte ein neues Produkt, das er bewerben wollte. Und es war beileibe auch kein Neuling, sondern ein Medienprofi, der (normalerweise) genau weiss, was er öffentlich machen will und was eben nicht.

«Kompromisse gehören dazu»

Das Interview ist nach einigem Hin und Her dann doch erschienen. Unsere Redaktion hätte natürlich auf dem Standpunkt beharren können, dass das Interview wie ursprünglich geführt erscheint – zumal das Gespräch aufgezeichnet war. Die Konsequenzen wären anderer Natur gewesen: Künftige Interviews mit Promis, die von derselben Medienstelle betreut werden, wären kaum mehr möglich – der Kanal wäre dann plötzlich versiegt.

«Kompromisse gehören dazu», sagt Rainer Stadler, Medienredaktor bei der NZZ, «ich verstehe, wenn gewisse Leute Privates im Nachhinein nicht mehr lesen wollen.» Im besagten Fall sei es aber «idiotisch», dass der Promi das im Gespräch gesagt habe. «Gerade wenn nachher eine Medienstelle das Interview für eine Person gegenliest, wird viel gestrichen», sagt Stadler. Diese hätten anders als der Auskunftgeber nicht nur sich selbst, «sondern auch das grosse Ganze oder den Konzern im Hinterkopf».

Vier Fotos

Die Beziehung zwischen Medien und Prominenten hat sich in den letzten Jahren verändert: Meist erhält man ein Interview nur, wenn der Promi auch etwas verkaufen will. Sei es eine Sendung, eine CD oder sonst ein Produkt. Dass dabei die Spielregeln immer öfter von den Promis ausgehen, ist neu. Neben dem üblichen Gegenlesen wird immer öfter verlangt, dass auch die Fotos vorher angesehen werden können. Ein Musiker bestand darauf, dass die Fotografin alle Bilder, auf denen er sich unvorteilhaft vorkommt (was überhaupt nicht die Absicht der Fotografin war), noch vor Ort gelöscht werden. Die Fotografin kam nach einer halben Stunde Fotoshooting gerade einmal mit vier Bildern in die Redaktion zurück. Was den Musiker nicht daran hinderte, noch ein PDF der fertigen Seite anzufordern, um seine Absolution zu erteilen – wäre dies nicht geschehen, so hätte er das gesamte Interview zurückgezogen.

«Das Aufkommen von Trash-Blättern hat die Leute vorsichtiger gemacht», sagt Rainer Stadler. «Grundsätzlich besteht ein Recht auf das eigene Bild, und ich verstehe auch, dass man lieber von seiner besten Seite fotografiert wird.» Ganz grundsätzlich müssten sich Redaktionen so aufstellen, dass sie gegen eine derartige Einflussnahme gewappnet sind – «je unmittelbarer etwas gebraucht wird, desto grösser sind die Kompromisse, die man eingehen muss», sagt Stadler.

Themenvorschläge per Mail

Auch Stadler selber hat in den letzten Jahren beobachtet, dass man kaum an einen Gesprächspartner herankommt, ohne vorher über eine Medienabteilung zu müssen. Selbst er, der über das Medienbusiness schreibt, muss sich mit diesen herumschlagen. Allerdings stört er sich oft über das «Geklöne» der Journalisten über die PR-Leute. «Es kommt doch gar nicht drauf an, ob es mittlerweile 10 000 PR-Leute und nur noch 3000 Journalisten gibt», sagt Stadler, «entscheidend ist, wie gut die 3000 Journalisten arbeiten.» Seien diese gut ausgebildet, hätten gute Arbeitsbedingungen und seien in der Materie bewandert, sei man praktisch immun gegen ungewollte Beeinflussung.

Denn längst nicht nur Promis wollen die Medien gezielt für ihre Publicity nutzen. Auch Politiker und sogenannte Spin-Doctors gehen ganz gezielt auf die Presse zu. Mails mit möglichen Themen – natürlich inklusive der entsprechenden Ansprechpersonen und auch gleich einiger «interessanter» Fragen – trudeln jeden Tag auf den Redaktionen ein. Meist wird dann nach einer freundlichen Absage weitergebohrt und über andere Kanäle probiert, eine Story zu platzieren. Die Geschichte sei «exklusiv» und «primeurig» heisst es dann, wenn auch gar nicht viel dahintersteckt.

Keine Gegenstimmen

Ein Politiker, der oft in der Zeitung kommt, beschreibt es so: «Es ist ein Geben und Nehmen.» Er biete den Zeitungen ja auch Infos, dabei sei es legitim, dass auch gewisse «Bedingungen» gestellt werden können. Konkret heisst das etwa: keine Gegenstimme. «Aber nur in einem ersten Artikel», so der Politiker. Er verlange dabei aber keinesfalls, dass «man unkritisch mit meinem Vorstoss oder meiner Position umgeht, es geht einfach darum, die Position darlegen zu können, ohne gleich von allen anderen Seiten zerfleddert zu werden».

Schlagzeilen gemacht hat 2011 etwa die SP Schweiz, die einigen Medien «exklusiv» ein neues Strategiepapier anbot. Aber nur, wenn gleichzeitig ein grosses Interview mit einem SP-Politiker erscheine. Eine Zeitung lehnte dies öffentlich ab mit der Begründung, man wolle sich mit dem Papier «journalistisch auseinandersetzen». Die Story um das Papier erschien dann aber doch noch: «exklusiv» in einer Sonntagszeitung. Sie wirkte aber angesichts der vorher veröffentlichten Absage der zuerst angefragten Zeitung etwas billig.

Der Lift, mit dem die SP nach oben fahren wollte, blieb sozusagen stecken. Wie man wirklich mit dem Lift nach oben fährt, zeigte dafür ein Schweizer Musiker. Nach einem Konzert wurde die Redaktion einer Boulevard-Zeitung von einem «Leserreporter» informiert, er habe den Musiker zusammen mit einem weiblichen Weltstar in einem Hotellift entdeckt. Die Geschichte kam grad passend und wurde gedruckt.

Der «Leserreporter» war der Manager des Musikers.