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PROTEST: Entwaffnung des weissen Mannes

Kinder und Jugendliche kämpfen in den USA für schärfere Waffengesetze. Die Proteste könnten nicht nur zu weniger Waffen führen, sondern auch die herrschende weisse ältere Gesellschaft entmachten.
Philipp Bürkler
«An jeden Politiker, der Spenden von der NRA annimmt. Schämen Sie sich.» Emma Gonzalez, das Gesicht der Proteste gegen Waffengewalt. (Bild: Alex Brandon/AP (Washington, 24. März))

«An jeden Politiker, der Spenden von der NRA annimmt. Schämen Sie sich.» Emma Gonzalez, das Gesicht der Proteste gegen Waffengewalt. (Bild: Alex Brandon/AP (Washington, 24. März))

Philipp Bürkler

Die Zahlen sind verrückt: Seit Jahresbeginn sind in den USA 3338 Menschen durch Waffen­gewalt ums Leben gekommen. Wenn Sie diesen Text lesen, dürfte sich die Zahl bereits erhöht haben. 769 der Todesopfer waren Kinder im Alter von 0 bis 17. Die Zahlen stammen von der Internetseite massshootingtracker.org. Dort werden alle Massenschiessereien aufgeführt, also Schiessereien mit vier und mehr Todesopfern. Seit Jahresbeginn gab es in den USA 51 solcher ­Bluttaten mit insgesamt ­ 260 Todesopfern. 17 der «Mass­shootings» ereigneten sich an Schulen.

So auch am 14. Februar. Die 18-jährige Kubanerin Emma Gonzalez sitzt im Klassenzimmer der Marjory Stoneman Douglas High School in Florida und lernt für Prüfungen. Auf einmal fallen Schüsse. Der 19-jährige Nikolas Cruz erschiesst auf seiner ehemaligen Highschool innert weniger Minuten 14 Schüler und drei Erwachsene. Gonzalez überlebt das Massaker, und es sollte ihr Leben verändern. Bereits drei Tage nach dem Anschlag wird Gonzalez bei Demonstrationen zum Gesicht der neuen Bewegung #NeverAgain, die sich für schärfere ­Waffengesetze starkmacht. Unter Tränen hält sie eine berührende Rede, die sie sich auf die Rückseite ihrer Notizen aus dem Politikunterricht geschrieben hatte. «Politiker, die in ihren vergoldeten Häusern und Stühlen sitzen, die von der Waffenlobby NRA bezahlt werden, sagen uns: Nichts hätte so etwas verhindern können. Wir sagen: Bullshit.»

Junge Frau übertrumpft die Waffen-Lobby

Die junge Frau mit den kurz geschorenen Haaren zählt sich zur «Generation Columbine», jener Schülergeneration also, die seit der Schiesserei an der Colum­bine High School im April 1999, bei der zwölf Schüler erschossen wurden, mit Metalldetektoren und Verhaltensanweisungen bei Amokläufen in ihren Schulen aufwachsen musste. Emma Gonzalez, die auf Twitter mittlerweile mehr Follower hat als die National Rifle Association NRA, gegen die sie kämpft, wurde weltweit zum Medienstar.

Aus der Schülerin, die 1999 im Columbine-Jahr zur Welt kam, wurde innert Stunden eine Aktivistin, nachdem sie erfahren hatte, dass auch ein Bekannter von ihr unter den Todesopfern ist. Schulfächer, Abschlussarbeit und Hobbys wurden plötzlich unwichtig, nachdem sich die junge Frau entschlossen hatte, gegen Waffengewalt zu kämpfen.

Gegen die weisse Macht der Trump-Generation

Am vergangenen Wochenende haben sich wiederum Hunderttausende auf den Strassen versammelt, unter anderem vor dem Weissen Haus in Washington. Gonzalez bewegte die Massen mit sechs Minuten und 20 Sekunden langem Schweigen. Exakt jene Zeit, die der Täter brauchte, um ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zu töten. Der Protest vor dem Weissen Haus richtete sich nicht nur gegen die NRA, sondern auch gegen Präsident Trump, der allerdings ausserhalb der Hauptstadt beim Golfen weilte. Bereits kurz nach dem Massaker liess sich Trump zur Aussage hinreissen, um die Sicherheit zu erhöhen, könne er sich vorstellen, Lehrpersonen an Schulen zu ­bewaffnen. Gonzalez hält diesen Vorschlag für «Bullshit». «An meiner Schule gibt es jedes Jahr zwei Wochen, an denen es kein Papier gibt. Und jetzt soll es ­ 400 Millionen US-Dollar geben, um Lehrer an der Waffe zu trainieren? Wirklich? Echt jetzt?»

Die Proteste zeigen, Jugendliche in den USA sind alles andere als unpolitisch. Die oft als ­Selfie-Generation verschriene Jugend ist in den USA politischer denn je. Alte Schemen wie links und rechts, konservativ und liberal interessieren die jungen Menschen nicht mehr. In den USA wächst derzeit eine neue digital kompetente politische Generation heran, die in wenigen Jahren wahlberechtigt ist und dem ­Establishment gefährlich werden könnte. Die Aktivistinnen und Aktivisten prägen eine neue Generation von Menschen, deren Lebensvorstellungen auf geschlechtliche Vielfalt, Feminismus, Toleranz und dem Umgang mit sozialen Medien beruhen. Ihr Kampf richtet sich gegen die Macht älterer weisser Herren, die wirtschaftliche und politische Positionen während der vergangenen Jahrzehnte an sich gerissen haben.

Machtbewusstsein hängt in den USA oft auch mit dem Besitz einer Waffe zusammen. Laut einer aktuellen Harvard-Studie sind es vor allem ältere weisse Männer aus konservativen ländlichen Regionen, die in den USA im Besitz einer Waffe sind. Mit ihren Forderungen stellen die Jungen diese Machtposition der älteren weissen Gesellschaft in Frage.

Die Forderungen der jungen Demonstranten sind alles andere als radikal oder illusorisch. Die Protestbewegung #NeverAgain fordert nicht ein völliges Verbot von Waffen, was politisch kaum Chancen hätte, sondern ein landesweit geltendes Verbot von Sturmgewehren und Magazinen mit Patronen. Sturmgewehre sind die bevorzugten Tötungsmaschinen von Tätern bei Massenschiessereien. Zusätzlich, so fordern sie, soll die Hintergrundüberprüfung von Waffenkäufern verschärft und erneuert werden.

Neue Protestkultur bewirkt bereits erste Veränderungen

Kommentatoren im Fernsehen vergleichen die Proteste bereits mit der Anti-Vietnamkrieg-­Bewegung der 1960er-Jahre. Obwohl die Protestbewegung der Jugendlichen noch jung ist, kann sie bereits erste Erfolge verbuchen. Die Stimmung im Land, in dem es schätzungsweise 300 Millionen private Waffen gibt, scheint sich zu wenden. Immerhin sind nach derzeitigen Umfragen fast zwei Drittel der befragten US-Bürger für eine Verschärfung der Waffengesetze. Im Bundesstaat Florida, in dem sich die Bluttat am 14. Februar ereignete, hat der Senat kürzlich ein Gesetz verabschiedet, mit dem das Alter zum Recht auf Erwerb einer Waffe von 18 auf 21 Jahre erhöht wird.

Auch wirtschaftlich haben die Schüler um Emma Gonzalez mehr erreicht als andere Anti-Waffen-Protestbewegungen vor ihnen. Die Outdoorkette Dick’s Sporting Goods etwa nahm Sturmgewehre aus dem Sortiment und verkauft Waffen und Munition nur noch an Personen über 21 Jahre. Supermarktriese Walmart und andere Händler sind dem Beispiel gefolgt. Flug­gesellschaften wie Delta und United stoppten ihre Geschäftsbeziehungen mit der NRA. Obwohl die Unternehmen nicht nur aus Menschlichkeit und Sympathie für die jungen Demonstranten handeln, sondern aus Imagegründen, sind die Veränderungen ihnen zu verdanken.

Neben dem Erfolg müssen die jugendlichen Demonstranten wie Emma Gonzalez auch mit Kritik und teilweise massiven verbalen Attacken umgehen. Ein republikanischer Politiker, der um einen Sitz im State House im Bundesstaat Maine kandidierte, musste seine Kandidatur zurückziehen, nachdem er Gonzalez als «Skinhead-Lesbe» diffamierte. Vertreter der «alten» Generation aus politischen Ämtern zu entfernen, ist letztlich auch ein Erfolg der jungen Aktivisten.

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