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PSYCHOANALYSE: Im Land der Imagination – Sammlung von C.G. Jung erstmals zu sehen

Erstmals sind in St. Gallen Werke aus der Sammlung des berühmten Schweizer Psychiaters C.G. Jung zu sehen. Ausserdem ist in Küsnacht neu sein Wohn- und Arbeitshaus für die Öffentlichkeit zugänglich.
Christina Genova
In zahlreichen Werken aus der Sammlung C. G. Jungs geht es um den Körper und sexuelle Identität. (Bild: PD)

In zahlreichen Werken aus der Sammlung C. G. Jungs geht es um den Körper und sexuelle Identität. (Bild: PD)

Christina Genova

Patientin A. malt am 23. März 1928 ein gezacktes Schwert, das eine rote und eine blaue Farbfläche trennt. Das Bild des Schwertes bedeute sehr gespaltene Gegensätze, erfährt man aus A.’s Notizen auf der Rückseite des Blatts: «Wenn ich aber wieder ins Haus komme, bist Du nicht da. Die Vorhänge wehen im Wind. Es ist leer und ruhelos. Verwirrt und elend, ich glaube, Du bist vielleicht wieder in den unteren Tempel gegangen.»

Der grosse Abwesende ist A.’s Analytiker Carl Gustav Jung (1875–1961). Er empfängt seine Patientin nicht wie gewohnt in der kleinen Studierstube im ersten Stock des stattlichen Hauses an der Seestrasse in Küsnacht. Der «untere Tempel» ist wohl sein Turm in Bollingen, wohin er sich zurückgezogen hat, um Ferien zu machen oder seinen Studien nachzugehen. Er braucht Zeit für sich, um nachzudenken und zu schreiben. «Die Patienten fressen mich auf», klagt er in einem Brief von 1926. Im Falle von Frau A., einer etwa 50-jährigen Patientin, übernimmt C.G. Jungs Mitarbeiterin und Geliebte Toni Wolff die Analyse.

Widerspenstige Pinsel und Farben

Die Zeichnung von Patientin A. ist Teil einer Bilderserie, die im St. Galler Museum im Lagerhaus zu sehen ist. Sie ist insofern aussergewöhnlich, als dass die Bilder und Zeichnungen, welche C.G. Jungs Patientinnen und Patienten im Nachgang an ihre Analysesitzungen anfertigten, nur sehr selten mit Erläuterungen versehen sind. A. hat im Verlauf von zwei Jahren über 90 Bilder gemalt.

Das Malen und Zeichnen gehörte für den berühmten Schweizer Psychiater zum therapeutischen Prozess. Die Patientinnen, die er in seiner 1909 eröffneten Privatpraxis in seinem Haus in Küsnacht empfängt, sollen ihre inneren Bilder aufs Papier bringen. Jung begründet dies folgendermassen: «Psychologisch macht es einen gewaltigen Unterschied aus, ob einer einige Male pro Woche ein interessantes Gespräch mit seinem Arzt führt, dessen Ergebnis irgendwo in der Luft hängt, oder ob er stundenlang mit widerspenstigen Pinseln und Farben sich müht . . .»

Im Museum im Lagerhaus werden nun erstmals 164 Werke aus der Sammlung C.G. Jungs ausgestellt, die insgesamt rund 4500 Bilder umfasst. Dies anlässlich des 70-Jahr-Jubiläums des C.G.-Jung-Instituts. Ausserdem bietet sich ab dem 3. April neu die Möglichkeit, den Ort von Jungs Wirken in Küsnacht im Rahmen einer Führung zu besichtigen, inklusive einer kleinen Wechselausstellung. C.G. Jungs Enkel, Andreas Jung, wohnt bis heute in den oberen Stockwerken des herrschaftlichen Anwesens. Dessen Kernmöblierung ist erhalten, sodass eine Reise in die Zeit, als Jung dort ein und aus ging, möglich wird. Über 50 Jahre befand sich dort der Lebensmittelpunkt des Psychiaters: «Sein Geist ist noch da», sagt Cornelia Meyer, die Kuratorin des Hauses. Finanziert wurde das 1909 fertiggestellte Gebäude durch C.G. Jungs Ehefrau, Emma Rauschenbach, die aus einer sehr vermögenden Schaffhauser Industriellenfamilie stammte. «Sie war die Seele des Hauses», sagt Cornelia Meyer. Über eine Allee aus kegelförmigen Buchsbäumen gelangt man zum einem markanten Turm, wo sich das Eingangsportal der Villa befindet. Dort, am Zürichsee, konnte C.G. Jung Leben und Arbeiten auf ideale Weise verbinden. Im Erdgeschoss befinden sich die Küche, der gemütliche Salon und das grosse, lichtdurchflutete Speisezimmer für die siebenköpfige Familie. Jung sei ein guter Koch und Feinschmecker gewesen, ausserdem ein passionierter Pfeifenraucher: «Er war nicht nur Kopf-, sondern auch Bauch- und Genussmensch.» Mit dieser menschlichen Seite hätten gewisse Jungianer Mühe. Sie sähen den grossen Psychiater gerne als fast übermenschliches Wesen. Durch die Öffnung des Hauses wolle man Jungs Werk einbetten in die private Gefühlswelt.

Im ersten Stock befindet sich die geistige Welt: die grosse Bibliothek, wo noch immer der Tabakgeruch von Jungs Pfeife in der Luft liegt, und das dunkle Studierzimmer mit den bleigefassten Butzenscheiben. Dort steht auch das Schreibpult, worauf C.G. Jungs berühmtes Rotes Buch entstanden ist. Darin zeichnete er seine Träume und Visionen in Bild und Text auf, eine Auseinandersetzung mit dem Kollektiven Unbewussten.

Mitte finden dank Mandalas

Bilder aus dem Roten Buch zeigte C.G. Jung auch seinen Patienten. Schaut man die im Museum im Lagerhaus ausgestellten Werke an, sind sie offensichtlich davon beeinflusst. Dies trifft insbesondere auf die sogenannten Archetypen zu, ein zentrales Konzept der von Jung begründeten Analytischen Psychologie. Damit gemeint sind Urmotive wie Ei, Schlange, Wasser, Sonne. Wichtig sind auch Mandalas, dazu hat Kuratorin Monika Jagfeld ein ganzes Kabinett eingerichtet. Jung, von tibetischen Mandalas beeinflusst, war der Überzeugung, dass das Malen dieser Meditationsbilder den Menschen zentriere: «Sie drücken daher die Idee des sicheren Refugiums, der inneren Versöhnung und der Ganzheit aus».

Patientin A., nun in der Obhut von Toni Wolff, malt weiterhin zahlreiche Bilder und schreibt dazu kurze Texte. Ein Bild sticht heraus; es zeigt eine runde Schale voller Orangen und Äpfel. A. wendet sich damit direkt an ihren abwesenden Therapeuten. Der Text ist versöhnlich: «Ich stelle mir eine Gabe von Obst in einer indischen Schale vor. Es führt mich zu der Vorstellung, zu Dir aufs Land zu Deinem Turm zu kommen, es bringt mir grosses Glück.»

Hinweis

• Ausstellung Museum im Lagerhaus, St. Gallen bis 8.7.; Katalog.

• Das Museum Haus C.G. Jung, Küsnacht, eröffnet am 3. April. Es ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Anmeldung: www.cgjunghaus.ch/de/museum/tickets/

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