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PSYCHOLOGIE: Suizid aus heiterem Himmel?

In der Schweiz ereignen sich durchschnittlich knapp drei Suizide pro Tag. Davon sind auch Menschen in besten Positionen betroffen. Wie erkennt man Suizidabsichten, wie lässt sich vorbeugen?
Interview Pirmin Bossart
In ein tiefes Loch gefallen. Doch Bilder können täuschen: Menschen, die sich zu einem Suizid entschieden haben, merkt man ihr Vorhaben oft gar nicht mehr an. (Bild: Getty)

In ein tiefes Loch gefallen. Doch Bilder können täuschen: Menschen, die sich zu einem Suizid entschieden haben, merkt man ihr Vorhaben oft gar nicht mehr an. (Bild: Getty)

Interview Pirmin Bossart

Herr Kurmann, mit Martin Senn, CEO des Versicherungskonzerns Zurich, hat sich vor zehn Tagen ein weiterer Top-Manager umgebracht. Er war im Dezember 2015 abgesetzt worden. Warum kann das für eine Person so verletzend sein, dass sie aus dem Leben scheidet?

Julius Kurmann: Je nach Selbstbild, das eine Person hat, wird sie eine solche Absetzung als erheblichen Gesichtsverlust erleben. Die ganze Persönlichkeit ist abrupt in Frage gestellt. Vielleicht ist noch ein Gefühl der Ungerechtigkeit damit verbunden. Es kann eine Wut entstehen, die sich gegen innen richtet. Wenn der Betroffene keinen Ausgleich findet und nur diese Einengung erlebt, kann das zu einer Affekthandlung führen.

Wenn Top-Manager oder Führungskräfte Selbstmord begehen, hat das oft mit Machtverlust zu tun. Sind Menschen, die sich über Macht definieren, besonders gefährdet?

Kurmann: Führungspositionen können oft sehr einsam sein. Viele Wirtschaftsbosse oder auch Regierungsleute definieren sich einzig über das Beziehungsfeld im Unternehmen respektive in der Verwaltung. Wenn jemand seine Position verliert und ausserhalb kein tragfähiges Beziehungsnetz aufgebaut hat, kann er in eine grosse Leere stürzen. Man fühlt sich bedeutungslos, ist nicht mehr gefragt.

Aber warum bringt sich dann jemand gleich um? Warum sich einfach auslöschen und vergessen?

Kurmann: In seiner Studie «Narzisstische Krisen. Zur Psychodynamik des Selbstmords» begreift der Psychiater Heinz Henseler den Selbstmord als Krise des Selbstwertgefühls. Danach ist der Suizid wie eine Art Selbstrettung. Also: lieber sich in den Selbstmord «retten» als über eine längere Zeit das gefährdete Selbstwertgefühl ertragen und erfahren müssen, in der Gesellschaft scheinbar nichts mehr wert zu sein.

Das gilt selbst dann, wenn man materiell vermutlich bis ans Lebensende ausgesorgt hat und sich weiterhin einen Standard leisten kann, der weit über dem Durchschnitt liegt?

Kurmann: Das hängt davon ab, was für den Betroffenen ein gelingendes und sinnvolles Leben bedeutet. Wer in der Öffentlichkeit etwas bewirken will und gerne eine wichtige Position innehat, wird sich auch bei einem materiell gesicherten und gar luxuriösen Leben nicht von diesem letzten Schritt abhalten lassen. Selbst die Familie und nächste Angehörige, die einen lieben, können bei solchen Menschen das Gefühl nicht aufwiegen, in der Öffentlichkeit nichts mehr zu bedeuten.

Lassen sich bestimmte Typen von Menschen charakterisieren, die besonders suizidgefährdet sind?

Kurmann: Es gibt klare Risikofaktoren: Männer bringen sich häufiger um als Frauen. Auch mit zunehmendem Alter steigt die Selbstmordgefährdung. Wenn jemand zusätzlich eine körperliche Krankheit hat, ist das nochmals belastend. Schliesslich sind auch Sucht oder eine Neigung zu Depressionen Risikofaktoren.

Oft heisst es, dass man den Menschen, die sich umbrachten, vorher nichts anmerkte. Dass sie weder besonders niedergeschlagen oder depressiv wirkten. Gibt es den Suizid aus heiterem Himmel?

Kurmann: Ich würde das nicht sagen. In der Regel lassen sich mehrere Phasen unterscheiden, bevor sich jemand umbringt. Zunächst ist ein Suizid einfach eine Option, man wägt noch ab. Dann folgt die Phase der Ambivalenz, wo man hin- und hergerissen wird, es zu tun oder nicht zu tun. Der Betroffene mag dann unausgeglichen und unruhig wirken. Das verändert sich, sobald er den Entscheid für sich gefällt hat. Nach diesem Entscheid wirken die Menschen nach aussen oft ruhig und gefasst.

Eine verhängnisvolle Täuschung.

Kurmann: Ja. Das kann auch zu Fehleinschätzungen führen. Es heisst dann: Wir hatten das Gefühl, er sei ruhiger geworden und es gehe ihm wieder besser. Davor sind auch Fachpersonen nicht gefeit. Das ist eine gefährliche Situation. Gerade in dieser Phase ist es wichtig, mit dem Betroffenen in Beziehung zu bleiben und mit ihm über die Krise und den Suizid zu reden.

Ist es nicht heikel, jemanden auf Selbstmordabsichten anzusprechen?

Kurmann: Nein, das ist ein Klischee. Auch ich selber habe es noch nie erlebt, dass das Reden über Suizid eine Gefährdung ausgelöst hätte. Für die Betroffenen bedeutet das im Gegenteil meist eine erhebliche Entlastung. Endlich nimmt sie jemand ernst, hört zu, geht auf sie ein.

Es gibt auch jene Menschen, die konkret davon sprechen oder damit drohen, dass sie sich umbringen wollen. Wie soll man sich da verhalten?

Kurmann: Bei diesen Fällen spricht man von einer chronischen Suizidalität. Es sind sehr oft Leute mit einer Persönlichkeitsstörung oder einer anderen schweren psychischen Erkrankung. Sie leben oft über Jahre dauernd an der Grenze zum Leben. Hier stellt sich die Frage: Was für eine Funktion haben die Selbstmordabsichten im Leben dieser Menschen? Oft wollen die Betroffenen damit signalisieren, dass sie Zuwendung brauchen oder eine Beziehung aufrechterhalten wollen. Bei der chronischen Suizidalität richtet sich der Fokus auf die Diagnostik der psychiatrischen Erkrankung: Hier geht es darum, sie psychiatrisch-psychotherapeutisch zu behandeln.

Wie soll man bei akuten Selbstmordgefährdungen reagieren?

Kurmann: In diesen Fällen ist eine Krisenintervention erforderlich. Bei Affekthandlungen sind der Impuls, sich etwas anzutun, und die effektive Handlung sehr eng beisammen. In der Krisenintervention arbeiten die Fachpersonen daran, dass der Betroffene eine innere Distanz herstellen kann und so einen Raum erhält, in dem er reflektieren und sich mögliche alternative Optionen vor Augen führen kann. Vielfach hilft in der akuten Phase schon ein Gespräch mit der Dargebotenen Hand oder dem Hausarzt. Der Betroffene erlebt, dass sich jemand Zeit für ihn nimmt und ihm zuhört.

Die bekannte Redensart «Niemand sieht ganz in das Innerste eines Menschen»: Ergeht das auch einem Psychiater oder einem Psychotherapeuten so, also Leuten, die regelmässig mit einem Klienten in Arbeit sind?

Kurmann: Das ist letztlich auch beim Psychiater so: Es sind zwei Menschen, die sich begegnen. Die Fachperson kann versuchen, die Denkmuster und das Verhalten zu beeinflussen und alternative Wege aufzuzeigen. Aber warum dann am Ende der Betroffene trotzdem den Suizid wählt, lässt sich nie ganz auflösen. Ein Rest bleibt immer ein Geheimnis.

Können Sie selber es manchmal nachvollziehen, weshalb jemand Suizid begeht, oder schliesst das Rest-Geheimnis immer auch etwas gänzlich Unerklärliches mit ein?

Kurmann: Das ist je nach Fall wieder anders. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen kann es schon jene geben, bei denen das Risiko stark erhöht ist und ich nachvollziehen kann, dass sie diesen Weg gewählt haben. Wo aber keine solche Erkrankungen vorliegen und sich beispielsweise ein Jugendlicher plötzlich das Leben nimmt, bleibt auch für mich etwas zurück, das letztlich nicht erklärbar ist.

Wie sieht die heutige Suizidprävention aus? Was sind die wichtigsten Vorkehrungen?

Kurmann: Die Aufklärung bleibt wichtig: Es gibt die Suizidität, und es wird noch immer wenig darüber geredet. Also macht man es zum Thema. Das hilft. Als eine wirksame Prävention hat sich der Entzug der Suizidmittel erwiesen, indem man jene Hot Spots, wo sich wiederholt Leute umgebracht haben, schützt. Ich denke da an bestimmte Brücken, etwa diejenige in Rothenburg oder die Münsterplattform in Bern.

Wie steht es mit dem Waffenbesitz?

Kurmann: Ein eingeschränkter Waffenbesitz ist mit Bestimmtheit suizidverhütend. Alleine schon mit der Massnahme, dass man das Sturmgewehr freiwillig zurückgeben kann, ist die Anzahl der Selbstmorde durch eine Waffe zurückgegangen. Auch bei den SBB sind Bestrebungen im Gang, dass man bestimmte Streckenabschnitte unzugänglicher macht.

Aber es gibt doch unzählige Möglichkeiten, sich umzubringen. Wie soll man alle Plätze schützen können?

Kurmann: Das geht natürlich nicht, trotzdem haben die Schutzmassnahmen eine Wirkung. Interessanterweise weichen suizidale Menschen nicht auf andere Orte aus, wenn sie ihre Handlung nicht gleich ausführen können. Das haben mehrere Untersuchungen klar aufgezeigt.

Also sind solche Schutzmassnahmen tatsächlich wirksam.

Kurmann: Es ist ein Erfolg, wenn Menschen in einer akuten Selbstmordphase ihre Absicht nicht gleich ausführen können. 80 Prozent der Menschen, die einen Suizid unternehmen, kündigen diesen vorher an und geben damit ihrer Umwelt eine Chance, ihnen zu helfen. Lediglich 20 bis 30 Prozent unternehmen in den nächsten zehn Jahren erneut einen Suizidversuch. Die Prävention ist also wichtig.

Könnte oder müsste man in präventiver Hinsicht noch mehr tun?

Kurmann: Dank den Präventionsprogrammen haben wir heute weniger Suizide als früher. Relativ hoch ist die Zahl der Suizide weiterhin bei Jugendlichen. In den Schulen und Bildungszentren muss diese Thematik unbedingt noch spezifischer aufgenommen und verstärkt werden. Wünschenswert wären mitunter auch weniger bürokratische Hürden: Es war ein jahrelanges Ringen, bis wir die Brücke in Rothenburg schützen konnten.

Hinweis

* Dr. med. Julius Kurmann ist Chefarzt Stationäre Dienste und Mitglied der Geschäftsleitung der Luzerner Psychiatrie.

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