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PSYCHOLOGIE: Warum wir uns Buchhelden ähnlich vorstellen

Buchleser haben oft ein fast identisches Bild der handelnden Figuren im Kopf. Auch dann, wenn das Aussehen der Figuren gar nicht näher beschrieben ist. Das kann zu Irritationen führen.

Millionen Leser waren verstört, als bei «Harry Potter und das verwunschene Kind», einem Theaterstück, Harry Potters Frau und ehemalige Mitschülerin Hermine Granger von einer Schauspielerin mit schwarzer Hautfarbe gespielt wurde. War Hermine nicht eindeutig eine Frau mit weisser Hautfarbe? Mitnichten, erklärte Harry-Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling. Nirgendwo im Buch sei erwähnt, dass die Musterschülerin der Zaubererschule Hogwarts weiss sei.

Warum die Entscheidung, eine der Hauptfiguren in dem Bestseller von einer schwarzen Frau spielen zu lassen, für riesige Diskussionen sorgte, kann Stefanie Miketta erklären. Die 30-jährige Psychologin hat mehrere Studien durchgeführt, die untersuchen, wie Leser literarischer Texte sich Figuren vorstellen. Verblüffendes Ergebnis: «Die Leser malen sich diese Figuren tatsächlich sehr ähnlich aus, und zwar auch, wenn sie im Buch gar nicht näher beschrieben sind.»

Das liegt vor allem an so­genannten Stereotypen, die alle Menschen bilden: Die Leser haben von einer englischen Mittelschichtsschülerin ein bestimmtes Bild im Kopf, also sieht in deren Augen auch die Figur im Buch so aus wie das Stereotyp der englischen Schülerin. Diese hat weisse Hautfarbe, auch wenn es natürlich auch Schülerinnen mit schwarzer Hautfarbe gibt.

«Stereotypenbildung ist ein Mechanismus des Gehirns, um Energie und Zeit zu sparen», erklärt Miketta, die an der Saar-Uni forscht. «Es greift auf automa­tische Prozesse zurück, um in neuen Situationen fehlende Details mit bekanntem Wissen aufzufüllen.» Automatische Abläufe hätten wohl den Sinn, in unbekannten Situationen schnell Entscheidungen treffen zu können. «Kategorisierten unsere Vorfahren auf diese Weise Menschen, konnten sie schneller entscheiden, ob Gefahr droht.»

Immer wieder dieselben Gesichter

In mehreren Einzelstudien hat Miketta über 1000 Freiwilligen sehr kurze literarische Texte, die zum Teil nur wenige Zeilen lang waren, vorgelegt. Anders als bei Harry Potter, hat die Psychologin darauf geachtet, dass es sich um möglichst unbekannte Texte handelte. So sollte vermieden werden, dass die Versuchspersonen bereits eine Vorstellung der Figuren im Text haben.

«Wir haben den Teilnehmern jeweils zwei Texte vorgelegt und sie nachher gefragt, wie sie sich die Figuren im Text vorstellen.» Auswählen konnte man «seine» Figur aus jeweils zwölf Gesichtern einer Datenbank für Forschungszwecke. Aus diesen zwölf Gesichtern wurden mit sehr hoher Häufigkeit dieselben ein bis zwei Gesichter ausgewählt. Die Leser hatten also mehrheitlich sehr ähnliche Vorstellungen der Figuren, ohne dass diese mit Merkmalen wie Hautfarbe, Augenfarbe oder Alter im Text beschrieben wurden.

Stefanie Miketta machte eine weitere verblüffende Feststellung: «Teils hatten die Figuren in der Vorstellung der Leser unterschiedliche Augen- oder Haarfarben. Aber viele haben sich ähnliche kleine Details vorgestellt, bei einer Figur zum Beispiel Flicken auf den Jackettärmeln.»

Solche Stereotypenbildungen seien zum Beispiel wichtig für das Verständnis längerer Texte. In einem Roman mit vielen Charakteren sei es effizient, wenn das Gehirn bestimmte Vorstellungen von Personen automatisch anlegt, um so beim flüssigen Lesen des Textes gleich ein Bild vor Augen zu haben und so die verschiedene Figuren besser voneinander unterscheiden zu können. Auch wenn dieses Bild vielleicht mal auf eine falsche Fährte führt.

Thorsten Moor

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