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PSYCHOLOGIE: Wenn es an Geborgenheit fehlt

Vorgeburtlicher und frühkindlicher Stress wirken sich negativ auf die Entwicklung aus. Aber man kann das noch korrigieren. Die Psychotherapeutin Michaela Huber erklärt die Zusammenhänge.
Pirmin Bossart
«Weg mit Smartphone, Tablet und all diesen technischen Sachen, die heute allzu häufig zwischen Eltern und Kindern stehen», sagt Psychotherapeutin Michaela Huber. (Bild: Getty)

«Weg mit Smartphone, Tablet und all diesen technischen Sachen, die heute allzu häufig zwischen Eltern und Kindern stehen», sagt Psychotherapeutin Michaela Huber. (Bild: Getty)

Interview: Pirmin Bossart

Michaela Huber, welche belastenden Stressfaktoren können bereits auf einen Fötus im Mutterleib ein­wirken?

Neben dem genetischen Material, das von der Mutter und vom Vater zusammenkommt, wird viel bestimmt vom Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft: ob sie Alkohol trinkt, raucht, Drogen oder Medikamente nimmt. Besonders empfindsam sind die ersten drei Schwangerschaftsmonate, in denen die Frauen oft noch gar nicht wissen, dass sie schwanger sind. Machen sie dann Party, können sie unter Umständen ein Kind bekommen, das emotional instabil und sehr verwundbar für Stress ist.

Wie wirkt sich die Befindlichkeit der Mutter während der Schwangerschaft sonst aus?

Hat eine Mutter während der Schwangerschaft viel Angst oder ist durch Stress mit der Familie oder dem Partner belastet, kann das ebenfalls negativ auf den Fötus einwirken. Bei Angst zieht sich die Bauchdecke zusammen. Man muss wissen, dass die Motorik des Fötus anregend auf die Entwicklung des Gehirns wirkt. Wenn sich nun der Fötus aufgrund der belasteten Situation der Mutter nicht bewegen kann, weil er sich dauernd zusammenziehen muss, beeinflusst das den Aufbau des Gehirns und das Stresssystem des Fötus.

Haben solche Belastungen heute zugenommen?

Stress allgemein hat zugenommen. Wenn Menschen nicht in stabilen Partnerschaften aufgehoben sind oder kein unterstützendes Umfeld haben, ist das notgedrungen eine Belastung. Im Lebensverlauf des kleinen Kindes bis zum Ende des dritten Lebensjahres ist es extrem notwendig, ihm einen Schutzraum zu geben und feinfühlig mit ihm zu sein. Das wird den weiteren Aufbau des Gehirns fördern. Umgekehrt, wenn das Kind keinen Schutz bekommt, wenn die Eltern zu sehr mit sich beschäftigt sind und das Baby bereits mit dem Smartphone oder dem Fernseher um die Aufmerksamkeit konkurrieren muss, ist das ziemlich viel Stress. Da haben wir noch nicht mal gesprochen von Verwahrlosung, Vernachlässigung oder Gewalt.

Plädieren Sie denn für ein traditionelles Familien­gefüge, wenn es um das Wohl der Kinder geht?

Der Zerfall der Familiensysteme in den westlichen Gesellschaften ist uns Psychotraumatologen eine grosse Sorge. Die Sicherheit, in der Kinder die ersten Lebensjahre aufwachsen können, nimmt ab. Wir sehen auch mit Sorge, dass viele Kinder sehr früh diversen anderen Menschen zur Versorgung ausgesetzt werden, etwa durch unzureichend personell ausgestattete Institutionen der Kinderbetreuung. Dabei haben Kinder in erster Linie stabile Bindungspersonen nötig.

Lässt sich nicht sagen, dass ein Kind auch profitiert, wenn es möglichst früh schon in verschiedene Betreuungs­formen eingebunden wird, Stichwort soziale Kompetenz?

Bis zum 12. oder 13. Lebensjahr ist das Bindungssystem primär. Besteht eine Bindungsunsicherheit, hat das Kind den Stress, sich zuerst und vor allem der Bindung versichern zu müssen. Es muss immer jemanden finden, der zur Lieblingsperson wird, sich um einen kümmert, einen mag. Wenn das Kind dauernd damit beschäftigt ist, wird es schwierig, sich auf anderes konzentrieren zu können. Soziale Kompetenz kommt weit hinter der Notwendigkeit, erst mal eine sichere Bindung und Geborgenheit zu spüren.

Wie reagiert das noch sehr junge Gehirn auf diese Stressfaktoren?

Falls das Kind wiederholten, massiven Stress erlebt, baut sich das Gehirn tatsächlich anders auf als bei anderen Kindern. Solche stressgeplagten Kinder müssen ständig mit Alarm reagieren. Und dann können sie irgendwann nicht mehr und kollabieren oder erschlaffen. Dadurch bleiben bestimmte Regionen des Gehirns, die etwa für bewusstes und geplantes Handeln oder für Mitgefühl zuständig sind, erst einmal unterversorgt. Der Stress verhindert also, dass ein Kind mitfühlender wird. Stattdessen muss es immer darauf achten, welcher Schreck als Nächstes kommt, ohne damit schon angemessen umgehen zu können.

Was sind dann die weiteren Auswirkungen?

Das Kind kann schlechter Erfahrungen auswerten, weil es immer mit akuter Reaktion beschäftigt ist. So entstehen emotional sehr sensible Kinder, die schnell auf 180 sind, aber auch sehr schnell aufgeben, sich schlecht konzentrieren können, teilweise extrem vergesslich sind und schwankende Leistungen haben. Stattdessen reagieren sie mit Angst, Wut, ­Verzweiflung und zwischendurch mit innerem Leerwerden. Sie nehmen nichts mehr wahr, starren irgendwohin und sind geistig abwesend. Das alles sind Reaktionen, die Kinder zeigen, wenn sie sehr viel frühen Stress hatten.

Wie drücken sich solche Erfahrungen später im ­Verhalten des Kindes oder Jugendlichen aus?

Hyperaktivität und zwanghaftes Zerstreutsein sind die Folgen, was häufig zu Diagnosen wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) oder Borderline-Störung führt. Aufgrund der instabilen Emotionalität können solche Kinder schwer soziale Bindungen lernen und Beziehungen aufbauen. Das führt dazu, dass sie sich als Aussenseiter fühlen und sehr häufig sanktioniert werden. Das wiederum setzt oft einen Teufelskreis in Gang, der das Kind weiter stigmatisiert. Statt dem Kind Sicherheit zu vermitteln, sperrt man es weg, weil die Erwachsenen sich überfordert fühlen. Das lässt für manche dieser Kinder die Situation eskalieren, sodass sie dauernd in Therapien geschickt werden.

Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Knaben?

Bei den Knaben ist stärker die Hyperaktivität das Thema, das «acting out». Sie streiten und schlagen sich, werden aggressiv, und dann wieder sind sie schweigsam und zurückgezogen bis zum nächsten Ausbruch. Bei Mädchen ist es eher so, dass sie viel tagträumen und innerliche Welten schaffen, sich selbst entwerten und auch Selbstschädigungen machen wie Essstörungen oder sich selbst verletzen, etwa durch Schneiden oder Verbrennen. Doch die Grundprobleme sind ähnlich.

Wie sollen sich die Angehörigen verhalten, wie kann man sie unterstützen?

Wichtig ist, dass die Angehörigen keine Gewalt anwenden. Dass sie nicht brüllen, toben, schreien und auf derselben Ebene wie das Kind reagieren. Das machen leider sehr viele. Eltern müssen lernen, so oft wie möglich der Fels in der Brandung zu sein. Ruhig und klar. Und wenn sie das nicht sein können, sollte man ihnen helfen, zu lernen, wie sie sich stabilisieren können. Das heisst auch: weg mit dem Smartphone, dem Tablet und all diesen technischen Sachen, die zwischen Eltern und Kindern stehen.

Was stattdessen?

Sich mit dem Kind ruhig, liebevoll und altersgemäss beschäftigen. Sich Zeit für das Kind nehmen, ihm Ruhe vermitteln. Dem Kind Sicherheit, Geborgenheit und – um das gute alte Wort zu bemühen – Liebe geben. Das ist das Allerwichtigste, das man Eltern beibringen kann. Das Kind wird sich dann aus der Sicherheit heraus selbst entwickeln.

Lassen sich Stress-Traumata lösen oder mildern?

Das Gute ist, dass das Gehirn über sogenannte Neuroplastizität verfügt, also beweglich und lernfähig ist. Neue Erfahrungen schaffen neue Autobahnen im Gehirn. Nicht alles kann kompensiert werden, was früh an Schäden entstand, das muss man ehrlicherweise auch sagen. Aber es lässt sich sehr viel kompensieren, indem das Kind nochmals von sicherer Beziehung aus lernt. Die sichere Bindungsperson kann später auch eine professionelle Person sein. Hauptsache, das Kind bekommt die Gelegenheit für sichere Bindung. Erst dann fängt es an, sich zu entfalten, zu wachsen. Oft machen dann Kinder einen richtigen Schub und wachsen auch physisch, weil sie buchstäblich gesunden. Dann kann ein Kind noch sehr weit kommen, selbst wenn es grosse Schwierigkeiten hatte.

Lässt sich auch mit 40 oder 50 Jahren noch was verbessern?

Ja. Wir können heute sehen, dass das Gehirn bei einer guten Beziehungserfahrung ganze Quadratzentimeter neuer Hirnsubstanz aufbaut. Wenn ein Mensch irgendwann im Leben gute, sichere Bindungserfahrungen macht, kann er weiterwachsen und emotional stabiler werden – auch noch mit 50, 60 oder 70 Jahren.

Hinweis

Michaela Huber hält morgen Mittwoch auf Einladung des Instituts für Heilpädagogik und Psychotherapie (IHP Luzern) einen öffentlichen Fachvortrag (kostenpflichtig) über «Frühes Trauma – späte Folgen». 18.30 Uhr, Paulusheim, Moosmattstrasse 4, Luzern. Nachmeldungen sind möglich unter www.ihp-luzern.ch

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