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PSYCHOLOGIE: Wie man dem Glück näher kommt

Zufrieden sein im neuen Jahr – das ist lernbar. Voraussetzung ist, dass man an sich arbeitet und seine Denkhaltungen überprüft. Das sagt Sigmar Willi, Dozent für Persönlichkeitsbildung mit Spezialgebiet Positive Psychologie.
Odilia Hiller, Regula Weik
Erfahren im Leben: Sigmar Willi hat sich als Witwer allein um vier Kinder gekümmert. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 1. Dezember 2016))

Erfahren im Leben: Sigmar Willi hat sich als Witwer allein um vier Kinder gekümmert. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 1. Dezember 2016))

Interview: Odilia Hiller, Regula Weik

Sigmar Willi, Sie haben Ihren Glücksbringer mitgebracht. Es ist ein Stofftiger. Eine interessante Wahl.

Der Tiger stärkt mich und tut mir gut. Ich verbinde mit ihm schöne Erinnerungen und kann daraus etwas für die Gegenwart ziehen. Er war einst der Bewacher meines Sohnes. Eines Tages, mit etwa elf Jahren, wollte er ihn plötzlich nicht mehr. Irgendwie fand der Tiger bei mir später einen festen Platz. Er hilft mir, mich dar­an zu erinnern, dass ich trotz meiner philosophischen Seite «stark wie ein Tiger» sein kann. Ich setze mit dem Tiger quasi einen Anker. Übrigens sind viele Menschen, die sich mit Glücksforschung beschäftigen, ziemliche Melancholiker.

Heisst das, dass man erst unglücklich sein muss, bis man sich die Frage stellt, was Glück ist?

Man könnte es fast meinen. Zumindest bei den Wissenschaftlern deutet vieles darauf hin. Otto Normalverbraucher stellt sich die Frage vielleicht am ehesten in schwierigen Zeiten, wenn er unzufrieden ist. Dafür muss er aber noch kein ausgeprägter Melancholiker sein. Es kann auch einfach etwas passiert sein, was ihm Mühe macht.

War das bei Ihnen auch so?

Ja, wobei ich mich schon zuvor mit diesen Themen beschäftigt hatte. Durch das einschneidende Erlebnis des Todes meiner Frau hatte ich mit der Mehrfach­belastung als alleinerziehender Vater von vier minderjährigen Kindern und meinem Beruf sehr zu kämpfen. Es waren anstrengende Jahre, in denen ich immer zu wenig Zeit hatte und vieles zu kurz kam. Da habe ich so einiges für meine Life-Balance ausprobiert, von Naturheilpraktiken über emotionale Intelligenz bis hin zu neurolinguistischem Programmieren (NLP). Irgendwann beschloss ich, aus meinen Kenntnissen ein Unterrichtsfach namens Self-Empowerment zu machen. Das war zwei Jahre nach dem Tod meiner Frau. Nun unterrichte ich das seit gut zehn Jahren.

Sie haben also das, was Sie persönlich beschäftigte, zu einem Teil Ihres Berufs gemacht. Glauben Sie, Sie wären ohne die Erfahrung des Todes Ihrer Frau an einem anderen Punkt?

Ja. Ich war immer eher ein Workaholic, wurde sehr jung Professor an der Fachhochschule und wünschte mir immer eine eigene Firma. Die Selbstständigkeit habe ich zweimal ausprobiert, musste aber merken, dass das in meiner familiären Situation nicht ging. Erst ein Zusammenbruch machte mir das endgültig klar.

Sie mussten erst zusammenbrechen, bevor Sie anfingen, achtsamer mit sich umzugehen?

Ja, ich habe es auf die harte Tour gelernt. Ich dachte lange, wenn ich fit und motiviert genug bin, geht immer noch mehr. Dem war nicht so. Erst, als ich den Ehrgeiz etwas losliess und anderen Dingen mehr Raum gab, kam ich noch tiefer in die Thematik hinein – und entdeckte so auch die Positive Psychologie.

Ist das die Sackgasse der ewigen Selbstoptimierung? Dass man immer meint, es geht noch mehr?

Das ist vor allem das Problem derjenigen, die sehr ehrgeizig sind, einem Idealbild von sich nacheifern und ihre Effizienz immer mehr steigern möchten. Ratgeberliteratur soll dann gegen die negativen Auswirkungen helfen, doch fehlt häufig die Gesamtsicht. Es ist viel Gutes darunter, aber eben oft nur aus Sicht einer Person, die mit der jeweiligen Methode gute Erfahrungen gemacht hat. Nichts gegen Selbsthilfebücher – besser, als nichts zu unternehmen.

Die Positive Psychologie, auch bekannt als Glücksforschung, ist ein relativ junger Forschungszweig. Warum ging es so lange, bis man nicht nur psychische Störungen untersuchte, sondern auch einmal fragte, was eigentlich jene richtig machen, denen es gut geht?

Der Mensch ist generell sehr mangelorientiert. Die Amerikaner hatten Ende des 20. Jahrhunderts genug, immer über Krankheiten zu forschen. Sie fingen an, Happiness zu untersuchen. In der Positiven Psychologie übersetzen wir das mit Lebenszufriedenheit oder Wohlbefinden. Glück ist im Deutschen ein sehr weiter und eher unpräziser Begriff.

Ist Lebenszufriedenheit überhaupt messbar? Oder reden wir sowieso immer nur von unserem aktuellen Gemütszustand?

Zufriedenheit ist in der Tat schwer messbar. Es gibt ein paar Tests, die als zuverlässig gelten. Es ist aber sicher so, dass allein durch die Tatsache, sich mit etwas Positivem wie Glück zu befassen, die Lebenszufriedenheit leicht ansteigt. Anders gesagt: Nur schon dass jemand einen fragt, ob man glücklich ist, wirkt sich positiv auf die Grundstimmung aus.

Bedeutet Glück nicht für jeden etwas anderes?

Die Forschung zeigt, dass im Grunde für alle von uns die gleichen Faktoren zur Lebenszufriedenheit beitragen.

Dürfen wir raten? Beziehungen und Berufszufriedenheit sind relevant.

Damit haben Sie einiges genannt. Es gibt ein Happiness-Modell, über das ein relativ grosser Konsens besteht: 50 Prozent der Lebenszufriedenheit sind genetisch bedingt. Es gibt Sonnenkinder wie Hansi Hinterseer, denen alles leichtzufallen scheint. Dann gibt es Melancholiker, wie Winston Churchill einer war, die einiges unternehmen müssen, um sich in eine gute Stimmung zu bringen. Churchill war sich dessen bewusst und wendete gewisse Techniken an, damit es ihm besser ging. Seine Mitarbeiter wussten das und liessen ihn dann jeweils allein.

Das heisst, auch Melancholiker können glücklich sein, wenn sie die richtigen Kniffe anwenden?

Richtig. Solche Dinge sind lernbar, auch für die Mehrheit der Menschen, die nicht von Natur aus permanent gut drauf sind.

Ist es nicht so, dass viele Melancholiker sich ihrer Kondition eher ausgeliefert fühlen?

Deshalb ist es so wichtig, dass das Wissen über die Positive Psychologie gestreut wird. Es gibt zwar gewisse Lebensumstände, die man nicht ändern kann. Sozialer Status, Wohlstand, Gesundheit oder Herkunft sind nur beschränkt beeinflussbar. Trotzdem denken die meisten, ihr Glück hänge davon ab. Das ist ein Trugschluss. Viel wichtiger sind beispielsweise soziale Kontakte. Noch viel mehr als eine gute Zweierbeziehung trägt ein gut funktionierendes soziales Netz zur Lebenszufriedenheit bei.

Also ist Einsamkeit gefährlich?

Ja, sehr. Wobei es auch hier auf die Persönlichkeit ankommt. Wer eine gute Denkhaltung hat und sinnvollen Aktivitäten nachgeht, kann auch Einsamkeit kompensieren. Der grösste Trugschluss ist, dass Geld glücklich macht. Gerade in der Schweiz. Zusätzliches Einkommen bringt langfristig keine höhere Zufriedenheit. Das ist erwiesen.

Anders gesagt: Der Weg führt nach innen.

Das ist so. Ein materieller Grundstock ist zwar wichtig, aber auch ein Lottogewinn reicht maximal für zwei Jahre Glücksgefühl. Die «Glückshalbwertszeit» eines neuen Autos beträgt etwa drei Monate. Dann muss etwas nachgeschoben werden. Viel wichtiger ist die Einstellung. Der amerikanische Psychologe Martin Seligman geht davon aus, dass man seine Persönlichkeit schulen kann, indem man seine Haltung anpasst.

Und wie soll das gehen?

Indem man darauf achtet, dass man sich so oft wie möglich in Situationen begibt, in denen man positive Emotionen empfindet. Ausserdem ist es wichtig, für seine Vergangenheit, seine Gegenwart und seine Zukunft gute Gefühle zu entwickeln, Dankbarkeit für die Vergangenheit zu empfinden, die Gegenwart zu geniessen und mit Hoffnung und Optimismus in die Zukunft zu blicken. Diese Denkhaltungen kann man pflegen: Dankbar sein für alles, was war.

Für alles?!

Ja, leider (lacht). Das braucht Anstrengung und einiges an Vergebung. Aber es lohnt sich – und ist lernbar. Was die Gegenwart betrifft, ist es wichtig, sich Gutes zu tun. Da helfen Achtsamkeitstraining und die Fähigkeit, im Moment zu leben. Das zu lernen, ist nicht ohne. Am ehesten klappt es, wenn einen weder Vergangenheit noch Zukunft belasten.

Kann man Achtsamkeit auch ohne Yoga und Meditation erlernen?

Das geht auch im Alltag. Bewusste Momente, in denen man versucht, auf sich zu hören, kann man überall einbauen. Natur hilft. Sich auf seine fünf Sinne konzentrieren. Die Aufmerksamkeit darauf richten, was man gerade tut. Geräte abschalten und aufhören, alles zu werten. Nach ein bis zwei Monaten stellen sich Routine und neue Wahrnehmung ein. Das braucht Übung und Disziplin. Persönlichkeitsentwicklung ist Training!

Haben nicht viele Menschen Angst vor der Leere, die sich einstellen könnte, wenn sie das versuchen?

Ja, klar. Es ist die Angst vor Kontroll- und Identitätsverlust. Wer es aber wagt, erlebt eine neue Art Glücksgefühl.

Sind die Studierenden, die Sie unterrichten, überhaupt empfänglich für diese Dimension des Lernens?

Ja, sehr. Zurzeit ist eine sehr soziale Generation junger Menschen am Start, die für vieles offen ist und sich viele Fragen stellt. Sie interessieren sich nicht so sehr für Politik, aber sie wollen es für sich selber gut machen und weiterkommen. Dabei sind sie sehr anständig und – wie ich finde – manchmal fast zu angepasst. Ich blicke sehr zuversichtlich in die Zukunft mit diesen jungen Leuten.

Zurück zum Glück: Gibt es weitere Wege, um das Wohlsein zu steigern?

Engagement macht glücklich. Sich für etwas einsetzen, das einem wichtig ist. Etwas so gerne machen, dass man die Zeit vergisst. Positive Beziehungen können alles besser machen. Faktoren des Wohlbefindens sind auch Leistung und Erfolg, wobei diese in unserer Gesellschaft tendenziell überbewertet werden.

Was möchten Sie unseren Leserinnen und Lesern für das neue Jahr als Glückstipp mit auf den Weg geben?

Akzeptieren Sie die Polaritäten des Lebens, und erschrecken Sie nicht, wenn Sie einmal traurig sind: Das ist immer die Startbahn zu neuem Glück – sofern die Phase nicht zu lange dauert. Sie können es leicht beeinflussen, wenn Sie bereit sind, an sich zu arbeiten.

Hinweis

Prof. Sigmar Willi (51) ist Leiter Alumni der Fachhochschule St. Gallen. Zuvor war er kantonaler Wirtschaftsförderer und Dozent an der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule St. Gallen.

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