PSYCHOPHARMAKA: Beruhigungsmittel kann aggressiv machen

Der Attentäter von Las Vegas nahm den Angstlöser Diazepam ein. Dieses Beruhigungsmittel kann auch aggressiv machen. Ein Experte sieht in der Einnahme ein Mittel zum Zweck, nicht die Ursache der Tat.

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Seit der 64-jährige Stephen Paddock am 1. Oktober in Las Vegas 58 Menschen erschoss und über 400 weitere verletzte, fragt sich die Welt, warum er das tat. 23 Waffen hatte der Mann, der bislang höchstens mit exzessivem Pokerspiel aufgefallen war, in den Tagen vor der Tat in sein Zimmer im 32. Stock des Hotels Mandalay Bay geschafft, um schliesslich während eines Musikfestivals von weit oben das Feuer auf rund 30000 Besucher zu eröffnen.

Schon frühere Attentäter nahmen Diazepam

Einige Tage später wurde bekannt, dass Paddock bereits im Sommer den Angstlöser Diazepam verschrieben bekam. In der FAZ wurde ein US-Mediziner mit der Aussage zitiert: «Wenn jemand tiefliegende Aggressionsprobleme hat und durch das Medikament beruhigt werden soll, kann er unter Umständen aggressiv reagieren.» Bereits frühere Attentäter hätten im Vorfeld Diazepam eingenommen, beispielsweise John Hinckley, der 1981 auf Ronald Reagan schoss.

Ein Angstlöser als Auslöser grauenhafter Anschläge? Wohl kaum. Michael Van Houte, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Zug, sagt: «Die meisten Attentäter planen ihre Tat. Die Einnahme eines Beruhigungsmittels ist dann eher Mittel zum Zweck als die Ursache der Tat.» Diazepam entspanne in der Regel. Eher selten gebe es jedoch sogenannte paradoxe Reaktionen, häufiger bei älteren Menschen, die dann mit Unruhe und Aggressivität reagierten.

«Eine Abrechnung mit den Mitmenschen»

Van Houte hält einen direkten kausalen Zusammenhang von Diazepam mit dem Attentat in Las Vegas für «eher unwahrscheinlich». Der Experte erklärt vielmehr: «Die kurzfristige Einnahme vor der Tat dient zur Beruhigung und auch dazu, vor der Tat nicht durch Nervosität aufzufallen. In ähnlicher Weise tranken die Kamikaze vor ihren Selbstmordkommandos Sake.» Es sei anzunehmen, dass der Attentäter schon länger psychische Probleme hatte. «Diese Tat entspricht einer sogenannten Abrechnung mit den Mitmenschen. Die Ursache für diese Tat war ein tiefer Hass.»

Laut Van Houte nehmen in der Schweiz rund eine Million Menschen Psychopharmaka ein. Die häufigsten Gründe: Angststörungen und Depressionen. Zunehmender gesellschaftlicher Druck, Job- und Beziehungsunsicherheiten seien ursächlich für zunehmende Angststörungen.

Susanne Holz

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