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RADIO: «Ich bin extrem sensibel»

Seine Stimme ist bekannter als sein Kopf: Moderator Ralph Wicki philosophiert spät abends auf Radio SRF 1 über menschliche Gefühle und das Leben. Man dankts ihm mit haufenweise Fanpost.
«Ich mag Menschen, die nicht nur rational ticken.» Zu später Stunde verwickelt Ralph Wicki von seinem Sendepult aus Menschen in gefühlvolle Gespräche. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

«Ich mag Menschen, die nicht nur rational ticken.» Zu später Stunde verwickelt Ralph Wicki von seinem Sendepult aus Menschen in gefühlvolle Gespräche. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Wir treffen uns um 3 Uhr nachmittags, bevor Ihre Arbeit im Radiostudio losgeht. Ist für Sie noch Morgen?

Ralph Wicki: Ja, wenn auch nicht früher Morgen. Ich bin Ihnen dankbar, dass ich jetzt mit Ihnen meine Stimme etwas ölen darf, denn sonst rede ich meistens bis 16 Uhr kaum ein Wort.

Sie sind ja – gezwungenermassen – eher Nachtschwärmer. Lebt man da nicht ein bisschen an den anderen Menschen vorbei?

Wicki: Nein. Ich mache das ja nur drei Abende pro Woche. Also bleiben immer noch vier Tage, an denen ich frei über meine Zeit verfügen kann. Zudem habe ich, weil ich nachts arbeite, einige Tage mehr Ferien als andere. Zeit mit Menschen verbringen zu können, die ich gern habe, ist für mich der grösste Luxus. Ich bin seit über 20 Jahren mit der gleichen Partnerin zusammen, die ich sehr liebe. Die Distanz, die wir haben, hat uns nie geschadet, im Gegenteil. Ich spüre die Menschen auch, wenn ich sie nicht sehe. Mein bester Freund wohnt in Athen, wir sehen uns teilweise zehn Jahre lang nicht, aber als ich ihn kürzlich besuchte, war es wie immer.

Ist es nicht unheimlich, nachts ganz allein im Radiostudio zu sitzen?

Wicki: Überhaupt nicht. Es kommt immer mal wieder der Securitas-Mann mit seiner Taschenlampe vorbei, und ich bin ja verbunden mit den 250'000 Zuhörern im Land. Ich denke an sie und nicht an die Leere im Haus. Es ist wie ein geschützter Raum, wo die ganze Hektik des Tages von mir abfällt und sich eine nächtliche Ruhe ausbreitet. Es ist eine fast meditative Stimmung.

250'000 Zuhörer, das ist eine Menge! Das könnte einen auch nervös machen.

Wicki: Ich denke nicht an die Menge. Ich versuche mir einfach die Person vorzustellen, mit der ich gerade am Telefon rede, sei es jemand aus Neuchâtel, Schaffhausen oder aus dem Tessin. Ich stelle mir vor, wie die Person lebt, wo sie gerade sitzt und ob sie vielleicht schon im Pyjama ist. Ich hatte noch nie das Gefühl, allein zu sein.

In der Nacht wach zu sein, ist ganz anderes als am Tag. Was bedeutet Ihnen die Nacht?

Wicki: Tag und Nacht gleichen einander aus; sind wie Yin und Yang. Der Vorteil der Nacht ist, dass sie uns mehr Zeit lässt. Ich habe in der Nacht kein Korsett, dass etwa ein Interview in zweieinhalb Minuten fertig sein muss. Ich will die Leute nicht «zuschütten» mit Informationen, davon haben sie ja tagsüber schon genug. Ich will ihnen Zeit und Raum lassen für Gefühle. Wer hat denn schon tagsüber Zeit, eine Schachtel mit alten Liebesbriefen hervorzuholen oder ein Fotoalbum, um nachzuschauen, wie das war mit dem Berteli anno 1946? Die Leute sind auch viel mutiger in der Nacht. Sie ist wie eine Art Schutzmantel. Ich finde übrigens, die Nächte hätten auch separate Namen verdient, wie die Tage.

Wie würden Sie sie denn nennen?

Wicki: Ich studiere schon seit zwei Jahren daran herum. Aber ich habe bis heute nichts gefunden, das einigermassen schön klingt. Das bleibt also work in progress.

Lassen sich die Menschen nachts leichter Dinge entlocken?

Wicki: Ich will den Leuten nichts «entlocken». Ich bin immer froh, wenn sie sich von selbst mitteilen. Aber selbstverständlich ist es als Journalist mein Job, Fragen zu stellen. Ich glaube, so langsam, nach 280 Sendungen, beginnen mir die Leute zu vertrauen. Am Anfang waren sie noch weniger mutig. Hin und wieder habe ich das Gefühl, dass die Leute, bevor sie anrufen, schon zwei Gläschen Roten getrunken haben, um Mut zu fassen. Über Gefühle zu reden, ist etwas vom Schwierigsten. In der gestrigen Sendung ging es um den Sonntagabend-Blues. Es hat kein einziger Mensch angerufen. Bei sachlichen Themen ist es viel einfacher – oder wenn man über jemanden schimpfen kann. Aber das ist nicht meine Idee der Sendung.

Es rufen vor allem Frauen an. Wieso?

Wicki: Jetzt kommen Sie auch noch damit! (Lacht) Ja, es sind tatsächlich mehr Frauen, die anrufen, aber es dünkt mich, es werden langsam etwas mehr Männer.

Sind Sie ein Frauenversteher?

Wicki: Nein! Wenn eine Frau das Gefühl hat, ich verstehe sie besser als ihr Mann zu Hause, dann kann ich doch nichts dafür! Ich wäre genauso ein Männerversteher. Ich bin einfach ein Menschenfreund. Ich mag übrigens Menschen, die nicht nur rational ticken. Obwohl, beim Arzt, beim Juristen und beim IT-Techniker erwarte auch ich hauptsächlich, dass sie ihr Zeug richtig machen.

Es heisst, Sie bekämen jeweils Fanpost, die mit Herzchen verziert ist.

Wicki: Ja, gerade nach meinen Ferien wars wieder eine ganze Kiste voll. Aber das ist mir etwas peinlich ...

Und immer wieder hagelt es Komplimente für Ihre sexy Stimme.

Wicki: (Lacht) Ein Coach sagte mir mal: «Vergiss deine akribischen Vorbereitungen, rede einfach spontan drauflos, egal was, die wollen deine Stimme hören.» Und gerade kürzlich schrieb mir ein Arzt: «Herr Wicki, ich beneide Sie wegen den Frauen, die Sie immer anrufen. Sie könnten über chinesische Walderdbeeren reden, und sie bekämen Anrufe. Aber so ist es ja nicht, wie ich in der gestrigen Sendung feststellte ...

Was ist es denn mit Ihrer Stimme?

Wicki: Ich glaube, die Leute spüren einfach die Ruhe, die ich habe, wenn ich die Hektik des Tages weit hinter mir lasse. Wenn man tief in den Bauch atmet, kommt auch die Stimme herunter. Wenn meine Stimme irgendwie zur guten Stimmung beiträgt, freut es mich natürlich.

Würden Sie die gleiche Sendung auch am Fernsehen machen?

Wicki: Oh nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass man am Fernsehen so einen Faltenhund sehen möchte. Die Berge und Täler in meinem Gesicht sind zwar Zeichen eines gelebten Lebens, aber es geht mir ja nicht darum, mein Leben auszustellen.

Bräuchten manche Ihrer Anrufer nicht viel eher einen Psychiater?

Wicki: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich einen Anrufer vor sich selbst schützen muss, dann nehme ich die Person gar nicht erst auf den Sender. Manchmal brechen Leute trotzdem auf Sendung in Tränen aus. Mein Bestreben ist es dann, die Dinge in ein helleres Licht zu rücken, indem ich die Leute zum Beispiel frage, was sie sich denn in dieser scheinbar ausweglosen Situation für sich wünschen würden.

In einem Dokfilm über Ihre Sendung sagte eine Frau: «Ich konnte schon lange mit niemandem so gut reden wie mit Ralph» ...

Wicki: Das hat mich sehr berührt. Denn ich tat ja bloss meine Arbeit und kannte die Frau nicht einmal. Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn es Menschen gibt, die niemanden haben, mit dem sie zehn Minuten lang was Persönliches reden können.

Beim «Nachtclub» haben Sie Ihre Traumstelle gefunden. Dabei sieht Ihr Lebenslauf nicht aus wie eine Bilderbuchkarriere. Da waren auch viele Abbrüche und Neuanfänge.

Wicki: Dass ich das heute machen kann, hat sicher damit zu tun, dass ich die Summe von all den Geschichten bin, die ich erlebt habe. Manchmal habe ich das Gefühl, drei oder vier Leben in einem geführt zu haben. Dieses «jedes Mal noch etwas besser scheitern», wie es in Samuel Becketts Gedicht heisst, ist mir wirklich ein Anliegen. Ich habe es mir auf den Unterarm tätowieren lassen.

Was ist das für eine Schrift?

Wicki: Das ist Thai. Alle meine Tattoos habe ich in Asien stechen lassen.

Sind denn die Tätowierungen auch work in progress, oder wird es keine weiteren mehr geben?

Wicki: Das darf ich jetzt nicht sagen, sonst kommen meine Eltern noch auf die Idee, es mir zu verbieten, wenn sie das lesen. Komischerweise habe ich aufs Alter wieder mehr das Bedürfnis, noch etwas tätowieren zu lassen. Es werden aber sicher keine Anker, keine Brüste und keine Bierflaschen sein.

Sie wollten früher mal Bundesrat werden, mal Boxer, mal Pilot. Was wurde aus diesen Träumen?

Wicki: Anstatt Boxer zu werden, machte ich ein paar Jahre lang Karate, das Gefühl der Spannung und Entspannung habe ich immer noch in mir drin. Boxer wäre mir sowieso zu wenig spirituell gewesen. Zum Bundesrat hat es nicht gereicht, aber immerhin habe ich mit meinen revolutionären, grünen Ideen mal für den Nationalrat kandidiert. Heute bin ich viel weniger missionarisch. Ich habe herausgefunden, wie ich mich verändern muss, damit ich in dieser Welt bestehen kann. Ich muss nicht mehr die anderen verändern.

Und wo steckt heute noch der Pilot in Ihnen?

Wicki: Ich träume viel vom Fliegen, und ich bin ein leidenschaftlicher Rückenschwimmer, das ist auch wie fliegen. Und meine Nase ist deshalb so krumm, weil ich sie ständig am Fenster plattdrücke, wenn ich mit dem Flugzeug reise.

Sie reisen meistens allein, weil Ihre Lebenspartnerin Flugangst hat.

Wicki: Manchmal überwindet sie ihre Angst und kommt trotzdem mit. Einfach nicht auf einen Langstreckenflug, weil das ihr Ökobilanzgewissen nicht zulässt.

Sie hingegen waren zigmal in Asien.

Wicki: Ich gebe zu, das Reisen ist und bleibt mein Luxus. Ich fahre mittlerweile aus ökologischen Überlegungen nicht mehr Auto und Motorrad. Irgendwann miete ich vielleicht mal einen Töff, um in den USA die Route 66 abzufahren. Das ist und bleibt ein Traum.

Würden Sie sich als ewig Suchenden bezeichnen?

Wicki: Mit 20 war ich sicher noch ein Suchender. Heute bin ich eher Findender; es treibt mich auch einfach mal irgendwo hin, und ich schaue, wie sich das anfühlt und was passiert. Ich kann gut einfach mal eine Stunde oder zwei gar nichts tun.

Wie sieht das aus? Schneidersitz und «oooohm»?

Wicki: Nein, jessesgott! Ich kann zwar komischerweise ohne zu üben den Yogasitz machen oder die Beine hinter den Kopf legen. Aber ich lege mich einfach auf den Boden, höre Musik und stelle die Gedanken ab.

Eigentlich komisch. Äusserlich sehen Sie vielmehr wie ein «harter Kerl» aus: lange Haare, Tattoos, Motorrad ... So dieses M...

Wicki: Sie meinen Machoide?

Ich wollte eigentlich «Männliche» sagen, aber na gut ...

Wicki: Ich bin extrem sensibel, das weiss jeder, der diese Sendung kennt. Ich wäre manchmal froh, ich hätte einen Neoprenanzug gegen die «bösen Tröpfchen» dieser Welt, die da manchmal auf mich einprasseln. Wenn jemand im Bus zu laut ins Telefon brüllt, tut mir das weh in den Ohren, wenn mich jemand anrempelt, schmerzt das auch. Es gibt Momente, in denen ich mich frage: Muss ich mich betrinken, damit ich diese Welt ertrage, oder muss sich die Welt betrinken, damit sie mich erträgt?

Das Äussere ist also Kompensation?

Wicki: Ach wo! Mit den Haaren ist es einfach so: Das war seit jeher Widerstand gegen die Eltern. Ich musste früher immer zu einem Coiffeur, der für einen Fünfliber die Haare schnitt, und zwar so, dass man möglichst lange nicht mehr gehen musste. Das war furchtbar, denn ich bin ja mit den Beatles gross geworden. Ich hatte nur ein einziges Mal im Leben kurze Haare. Mein Porträt hätte gut auf eine Giftflasche von Novartis gepasst. Ich musste mich immer, an der Uni ebenso wie am Zoll, etwas mehr anstrengen als die mit kurzen Haaren, aber das hat mir nie geschadet.

Und wie erklären Sie das niedliche Plüsch-Lämmchen, das Sie immer als Maskottchen mit sich herumtragen?

Wicki: Lämmli ist schon x-mal mit mir um die Welt gereist. Es ist ein Wunder, dass seine Nähte nach den 16 Jahren, die es mittlerweile auf dem Buckel hat, noch halten. Wenn ich ins Büro komme, nehme ich es raus und setze es auf sein Stühlchen. Es erinnert mich immer daran, das Lachen und die Naivität nicht zu vergessen. Es hat mich auch gezwungen, Achtsamkeit zu lernen, denn ich muss ja immer schauen, dass ich es nirgends liegen lasse.

Sie leben hier eine fürsorgliche Seite aus. Wieso hatten Sie nie Kinder?

Wicki: Ich war immer sehr freiheitsliebend. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, eine Familie zu haben, so wie ich mir Familie vorstellte. Ich fühlte mich zu wenig reif, hatte nie den Wunsch nach Kindern. Vielleicht klingt das jetzt egoistisch. Aber ich versuche eigentlich, allen Menschen mit einer gewissen Fürsorglichkeit und Respekt zu begegnen. Und ich bin hoffentlich heute ein besserer Götti, als ich es früher war.


Er hört seinen Hörern zu

Zur Person wia. Seit bald zwei Jahren diskutiert Ralph Wicki als Moderator der spätabendlichen Radiosendung «Nachtclub» auf SRF 1 (Mo bis Mi, 22 bis 1 Uhr) einfühlsam mit Zuhörern am Telefon über Gott und die Welt. Der 54-Jährige wuchs in Luzern auf und studierte einige Semester Medizin, Medienwissenschaften, Politologie und Germanistik, bis ihn während eines Praktikums bei Radio ExtraBern der Radiovirus packte und er zum Redaktionsleiter aufstieg.

Später kam er als Geschäftsführer zu Radio 32 in Solothurn, dann als GL-Mitglied zu Radio 105 in Muttenz und später als Redaktionsleiter für U-Musik zu DRS in Zürich. Als absoluter Musikliebhaber besitzt er eine Sammlung von 15 000 Schallplatten und doppelt so vielen CDs, und er zog jahrelang als DJ durch die Lande.

Ralph Wicki ist seit 22 Jahren mit seiner Lebenspartnerin zusammen und wohnt je zur Hälfte der Woche bei ihr in Bern und in Zürich.

Interview Annette Wirthlin

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