Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

RAUMFAHRT: Claude Nicollier: «Wenn ich könnte, würde ich gleich wieder ins All gehen»

Er ist noch immer der einzige Schweizer, der es in All schaffte. Das liege nicht daran, dass es hierzulande keine potenziellen Kandidaten gebe, sagt Claude Nicollier.
Dominik Buholzer
Claude Nicollier glaubt, dass bemannte Flüge zum Mars bald Realität werden. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 16. November 2016))

Claude Nicollier glaubt, dass bemannte Flüge zum Mars bald Realität werden. (Bild: Nadia Schärli (Zürich, 16. November 2016))

Claude Nicollier, können Sie sich noch an den 7. August 1992 erinnern?

Ja klar. Das war der Tag, an dem meine erste Weltraummission zu Ende ging.

Und es war auch der Tag, an dem Ihnen der damalige Bundesrat Adolf Ogi zurief: «Freude herrscht, Monsieur Nicollier!»

Das ist ja mittlerweile zu einem geflügelten Wort geworden. Während dieser Mission hat aber tatsächlich Freude geherrscht.

Sie haben damals in acht Tagen 136 Mal die Erde umrundet. Was war das für ein Gefühl?

Das ist unbeschreiblich, das vergesse ich nie mehr. Der erste Tag in der Schwerelosigkeit übertraf alles (lacht). Ich war völlig ausser mir, brachte nichts zu Stande, so unglaublich schön war das. Ich musste mich erst an diese Situation gewöhnen. Am Ende war ich dann doch noch sehr produktiv und zufrieden mit meiner Leistung.

Träumen Sie manchmal noch vom All?

Aber klar doch. Die Weltraumforschung ist noch immer meine Leidenschaft. Obwohl ich als Astronaut längst pensioniert bin, lese ich noch immer alles darüber. Wenn ich könnte, würde ich gleich wieder gehen. Aber als produktiver beruflicher Astronaut, nicht als Tourist.

Wieso nicht?

Ich will etwas Sinnvolles tun. Ich bin eben Forscher. Als wir 1993 den Hauptspiegel beim Weltraumteleskop Hubble reparieren mussten, haben wir dies als Team während Wochen vorbereitet. Die ganze Gruppe wollte unbedingt, dass die Operation von Erfolg gekrönt sein wird. Ich hatte bei meinen Missionen meistens schwierige Ziele zu erfüllen. Da blieb nicht viel Zeit, um die Schönheit des Weltalls zu geniessen. Doch ich wachse gerne an Herausforderungen.

Sie sind bis heute der einzige Schweizer, der es in All geschafft hat. Bedauern Sie dies?

Auf jeden Fall. Dies hat nichts damit zu tun, dass ich so gut war beziehungsweise die Jungen von heute nicht so gut sind. Überhaupt nicht. Ich habe nicht viel mehr Talent als unzählige andere. Was ich getan habe, könnten 1000 andere Schweizerinnen und Schweizer auch tun. Sie müssten nur die Chance dazu bekommen.

Und weshalb bekommen sie diese nicht?

Weil die europäische Weltraumbehörde ESA nur sehr wenige Astronauten braucht. In der Regel werden etwa alle 15 Jahre ein paar wenige ausgewählt. Ich hatte 1978 ganz einfach auch Glück gehabt.

Aber würde es denn potenzielle Schweizer Kandidaten geben?

Ohne Zweifel. Es gibt sogar eine ganze Reihe davon. Ich drücke ihnen die Daumen, dass es einer von ihnen schaffen wird. Die nächste Chance wird sich wahrscheinlich etwa 2025 ergeben. An der schulischen Ausbildung oder dem Niveau unserer Universitäten liegt es nicht. Im Gegenteil. Wir zählen diesbezüglich zu den Besten.

Woran liegt es dann?

Wenn nur so wenige Kandidaten ausgewählt werden, haben Sie als Vertreter eines kleinen Landes einfach einen schweren Stand. Die Schweiz ist gerade einmal mit 3,5 Prozent an der europäischen Weltraumbehörde vertreten. Vielleicht dachte man auch, solange die den Nicollier haben, braucht es keinen weiteren Schweizer im All (lacht).

Wie steht es um die Begeisterung der Jungen für die Weltraumforschung: Hat die nicht in den vergangenen Jahren markant nachgelassen?

Ich stelle immer wieder mit Freude fest, dass das Interesse für Astronomie, die Weltraumforschung ganz generell, sehr gross ist. Das sehe ich auch bei mir an der ETH Lausanne, wo ich als Professor tätig bin. Ich habe jedes Jahr 120 Studenten in meinen Vorlesungen, was ein sehr hoher Wert ist. 6500 haben sich neulich gar für meinen Online-Studiengang eingeschrieben – erfreulich!

Eine in der Tat sehr erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Weltraumforschung auch schon bessere Zeiten hatte. Die USA haben ihre Bemühungen massiv heruntergefahren.

Das täuscht. Die amerikanische Weltraumbehörde Nasa verfügt noch immer über das gleiche Budget wie zu meinen Zeiten, also rund 19 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Aber die Prioritäten haben sich in der Zwischenzeit verschoben. Im Vordergrund steht die Forschung und nicht mehr der Transport, insbesondere in der tiefen Erdumlaufbahn. Die Nasa hat den ganzen Bereich des Weltraumtransports an private Unternehmen ausgelagert, um sich für den nächsten Schritt im Bereich Exploration vorzubereiten.

Die Erkundung des Mars?

Richtig. Das Ziel der Nasa sind Forschungsflüge, aber auch bemannte Flüge zum Mars.

Ist ein bemannter Flug zum Mars überhaupt realistisch?

Ich bin fest davon überzeugt. Ich denke, es wird gar nicht mehr so lange gehen, bis wissenschaftliche bemannte Flüge zum Mars Tatsache sein werden.

Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk träumt von einer Kolonisierung des Mars. Greift er da nicht ein wenig zu hoch?

Ich bin sehr skeptisch, was das Leben auf dem Mars anbelangt. Auf dem Mars sind wir Menschen einer grossen kosmischen Strahlung ausgesetzt, die unserer Gesundheit massiv zusetzt. Dieses Problem haben wir auf der Erde nicht, da wir um die Erde eine Schutzschicht haben.

Andere wie der britische Unternehmer Richard Branson streben touristische Flüge ins Weltall an. Treiben wir es nicht langsam zu bunt?

Wieso? (lacht) Ich finde dies gar nicht so schlecht. Wenn es Leute gibt, die 200 000 US-Dollar ausgeben wollen, um ein paar Minuten lang das Gefühl der Schwerelosigkeit erleben zu können, dann sehe ich darin nichts Negatives. Ich selber würde mir dies nie antun. Am schönsten ist es im Weltall, wenn Sie mehrere Tage um die Erde kreisen können. Ich hoffe, in 10 bis 15 Jahren wird es ein entsprechendes Angebot geben, das sich nicht nur Superreiche leisten können.

Die Schweiz steht bei all dem aussen vor.

Dafür haben zahlreiche Schweizer Unternehmen in der Weltraumforschung erfolgreich eine Nische besetzt.

Wirklich?

Gerade in Ihrer Gegend, der Zentralschweiz, gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, die in der Weltraumforschung einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Das CSEM, dem ich als Verwaltungsratspräsident vorstehe und das in Alpnach eine Filiale hat, ist nur ein Beispiel.

Was zeichnet denn diese Schweizer Firmen aus?

Sie verstehen es, genaue und zuverlässige Geräte zu produzieren, die mit wenig Strom auskommen, was gerade in der Raumfahrt eine entscheidende Voraussetzung ist. Die Schweiz kann hier voll ihr Know-how aus der Uhrenindustrie ausspielen.

Kommende Woche, am 25. November, wird im Verkehrshaus der Schweiz die neu gestaltete Raumfahrthalle eröffnet. Wie wichtig sind solche Dauerausstellungen?

Sie sind sehr wichtig, um Verständnis zu wecken. Es war mir eine Freude, dass ich zusammen mit anderen Mitgliedern des CSEM das Verkehrshaus bei der Neugestaltung der Aus­stellung beraten konnte. Das ­Ergebnis lässt sich sehen, auch wenn wir in der Planung noch gerne weitergegangen wären. Aber irgendwann ist halt alles auch eine Frage der Finanzierbarkeit. Vielleicht waren wir auch ganz einfach ein wenig übermotiviert (lacht). Übrigens: Die europäische Weltraumbehörde ESA nutzt die Neueröffnung der Ausstellung, um ihr Ministertreffen am 1. und 2. Dezember im Verkehrshaus abzuhalten.

Zum Schluss noch eine ketzerische Frage: Würden Sie einem Jungen heute noch empfehlen, dass er den Beruf des Astronauten anstrebt?

(lacht) Auf jeden Fall. Wenn er viel Leidenschaft mitbringt, ein Technik-, Wissenschafts- oder Medizinstudium absolviert und nebenbei noch eine Risikosportart ausübt, erfüllt er schon sehr viele Voraussetzungen.

Risikosportarten?

Das härtet ab, das erlaubt uns, in Stresssituationen ruhig zu ­bleiben.

Aber die Chance, dass er jemals zu jenen wenigen gehört, die ausgewählt werden, sind verschwindend klein.

Das sind sie. Aber das Risiko ist es mehr wert, als es unversucht zu lassen. Mir war das Glück hold. Wieso sollte dies nicht auch bei einem anderen Schweizer der Fall sein?

Hinweis

Das Verkehrshaus hat die Halle Luftfahrt in den vergangenen Monaten unter anderem mit der Mithilfe Claude Nicolliers neu konzipiert. Eröffnet wird sie am kommenden 25. November.

Interview: Dominik Buholzer

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.