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REFORMATION: Es begann mit der Wurst

Wie kann eine unschuldige Wurst eine kirchliche Reformation auslösen? Genau heute vor 496 Jahren setzte eine kleine Herrenrunde mitten in Zürich ein unspektakuläres, aber höchst wirksames Zeichen.
Andreas Faessler
Mit dem Genuss von Wurst zum falschen Zeitpunkt kam 1522 die Reformation in der Schweiz ins Rollen. (Bild: Getty)

Mit dem Genuss von Wurst zum falschen Zeitpunkt kam 1522 die Reformation in der Schweiz ins Rollen. (Bild: Getty)

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Am 9. März 1522 – mitten in der Fastenzeit – wurde ein kleines Altstadthaus an der Grabengasse in Zürich Ort eines aus damaliger Sicht gottlosen Frevels: Mehrere Männer hatten sich in der Druckerei des Verlegers Christoph Froschauer versammelt, um Wurst zu essen. Neben dem ladenden Hausherr waren stadtbekannte Handwerker zugegen wie der Schneider Hans Oggenfuss, der Schuster Niklaus Hottinger, der Weber Laurenz Hochrütiner und der Bäcker Heinrich Äberli sowie auch zwei Priester – Leo Jud und Huldrych Zwingli.

Die Umbrüche in Deutschland beeinflussten das bislang katholische Zürich immer stärker, die religiöse Unruhe wuchs und spaltete strenggläubige Katholiken und Reformgesinnte. Hinter verschlossenen Türen nahmen es freilich viele Bürger schon länger nicht mehr so genau mit dem Fasten. Aber der demonstrative Verzehr von Wurst in so illustrer Runde mitten in der von der Obrigkeit streng überwachten Fastenzeit war etwas bislang nicht Dagewesenes – Froschauer hatte seine Einladung zum Wurstverzehr bewusst als Provokation geplant. Wohlwissend, dass sich der Frevel schnell in der Stadt herumsprechen und die Behörde sowie die Kirche arg vor den Kopf stossen würde. Und so kam es dann auch.

Die Regierung stellt sich auf Zwinglis Seite

Der Zürcher Rat verurteilte diesen Fastenbruch zwar und ordnete eine Untersuchung des Verstosses sowie ein theologisches Gutachten an, rechtliche Folgen für die Beteiligten hatte das sogenannte «Froschauer-Wurst­essen» jedoch nicht. Wenig später äusserte sich Zwingli in einer seiner stets mit grosser Aufmerksamkeit rezipierten Predigten über seine Auffassung bezüglich Fasten. Kurz vor Ostern 1522 druckte Froschauer Zwinglis Worte und veröffentlichte sie. Dies heizte die Auseinandersetzungen zwischen liberalen und konservativen Zürchern noch mehr an; es kam zuweilen zu wüsten Tumulten und Schlägereien, vor allem in den Gaststätten.

Richtungsweisend und massgeblich dafür, dass die Reformation in der Schweiz schliesslich ganz ins Rollen kam, war der Entscheid des Zürcher Rates, sich in Sachen Fastenzeit fortan einzig an der Bibel zu orientieren – und zwar erklärtermassen so, wie Zwingli sie hinsichtlich dieser Fragestellung auslegte; nämlich dahingehend, dass in der Bibel nicht vorgeschrieben sei, was in der Fastenzeit gegessen werden dürfe und was nicht. Zwinglis brennende Botschaft war, dass jeder Christ die Freiheit zugesprochen haben müsse, nach eigenem Willen zu fasten oder auch nicht.

Zürich bricht mit der katholischen Tradition

Im April 1522 kamen mehrere Vertreter des Bischofssitzes Konstanz nach Zürich, um die Bestrafung der Gesetzesbrecher anzuordnen. Der Zürcher Rat jedoch stellte sich auf die Seite Zwinglis und hielt an seiner neuen «Fastenordnung» fest. Dennoch wies die Regierung Christoph Froschauer an, sich für seine gezielte Provokation mit dem Wurstessen zu entschuldigen. Die Würfel aber waren zu dem Zeitpunkt schon gefallen, was die Fastengebote in Zürich betraf: Bereits im Folgejahr wurden diese vollständig aufgehoben. Das war jetzt faktisch als ­offizieller Bruch mit den Traditionen der katholischen Kirche zu werten.

Mit einem Augenzwinkern lässt sich mit wenigen Worten zusammenfassen: Was in Deutschland am 31. Oktober 1517 mit 95 Thesen begann, begann in der Schweiz genau heute vor 496 Jahren mit Würsten.

Die Wurst einst und heute

Steht das Zürcher Wurstessen im historischen Kontext für religiöse Trennung und Abspaltung, so hat es heute die gegenteilige Bedeutung: diejenige für Annäherung und das Miteinander, für die Ökumene. Dies zeigte sich vor kurzem einmal mehr auf erbauende Weise, als die Zürcher Kirchen zu einem ökumenischen Gottesdienst ins Grossmünster luden – mit anschliessendem Wurstessen im Kulturhaus Helferei. Als Repräsentanten der Katholiken waren unter anderen Generalvikar Josef Annen und Abt Urban Federer von Einsiedeln mit dabei, Letzterer verteilte die Würste an die Besucherinnen und Besucher.

Für Abt Urban ist die Botschaft eindeutig: Es gehe nicht um die Wurst, sondern um das, was dahinterstehe – das gemeinsame Anliegen für das Evangelium von Jesus Christus.

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