REISEN: Gute Planung kann das Leben retten

Überfälle, Vergewaltigungen, Morde – auch an Touristen. Immer mehr Schweizer reisen heute ohne Reisegruppe durch die Welt. Die Zahl derer, die im Ausland Probleme bekommen, nimmt zu.

Christoph Reichmuth
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Der Fall der in Indien vergewaltigten Schweizerin bringt den Subkontinent international in die Schlagzeilen. Die 39-jährige Bernerin war mit ihrem Freund auf einer Velotour. Vorletzte Woche fielen am Abend mehrere Männer über die Frau her und fesselten ihren Begleiter.

Zu sexueller Gewalt gegen Frauen kommt es in Indien täglich. Zuletzt war eine indische Studentin nach einer Gruppenvergewaltigung gestorben. Doch auch in anderen Ländern der Welt kommt es immer wieder zu Gewalt gegenüber Touristen.

Bei aller Tragik des Falles von Indien gerät nun aber auch das Verhalten des Schweizer Touristenpaares in die Kritik. Die beiden waren mit dem Fahrrad in einer als riskant bekannten Gegend unterwegs und wollten im Zelt übernachten. Asienexperte Christian Wagner von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin bemerkte in einem Interview mit unserer Zeitung am Donnerstag: «Wildes Campieren in Indien ist nicht üblich, da muss man mit Problemen rechnen. Das war schon merkwürdig, wenn nicht naiv.»

Werbung für Pakistan-Reisen

Ob das Paar unzureichend über die Risiken im Bild war, ist nicht bekannt. Klar ist: Im Zeitalter des Internets stellen sich immer mehr Menschen ihre Reisen persönlich zusammen – und entscheiden sich dabei für das Abenteuer und gegen die Sicherheit einer Pauschalreise. Das haben auch Hochrisiko-Destinationen wie Pakistan oder Jemen erkannt, die zuletzt an der grössten Tourismusmesse der Welt, der ITB in Berlin, Anfang März Reisen in ihre Länder anboten.

Zunahme von gravierenden Fällen

Den Trend weg von Pauschal- hin zu Abenteuerreisen bestätigen diverse Tourismusfachleute, darunter René Zeyer, Leiter der Fachschule für Tourismus in Luzern. «Wir erkennen gerade bei Schweizern eine klare Tendenz hin zu Individualreisen.» Die meisten entscheiden sich nach wie vor für unbedenkliche Destinationen wie Griechenland oder in Spanien. Doch vor allem jüngere Reiselustige stellen sich vermehrt auch einen Trip in ein Land zusammen, das – zumindest in einigen Gegenden – als gefährlich eingestuft wird. Mit Statistiken belegen lässt sich die steigende Abenteuerlust nicht, betont Zeyer. Aber auch er hat registriert, «dass viele Leute den Drang verspüren, neue und exotischere Länder zu entdecken». Ähnliche Beobachtungen macht man auch beim Reiseveranstalter Globetrotter sowie beim Schweizerischen Reisebüro-Verband mit Sitz in Zürich. Geschäftsführer Walter Kunz bestätigt die steigende Zahl von Individualreisen, betont aber: «Reisen in extrem riskante Gebiete wie Jemen oder Pakistan haben nur sehr marginal zugenommen.»

Die Folgen der Individualreisen bekommt auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Bern zu spüren. «Die Zahl der Schweizerinnen und Schweizer nimmt zu, die konsularische Unterstützung benötigen, weil sie auf ihrer Reise in Schwierigkeiten geraten sind», sagt Sprecher Georg Farago. Namen von Destinationen, in denen Schweizer Reisende vor allem Probleme bekommen, kann Farago keine nennen.

Überstürzte Buchungen

Die Probleme reichen laut EDA vom Verlust des Passes über Diebstahl und Raubüberfall bis zu Entführungen und Inhaftierungen von Schweizer Bürgern, die mit dem lokalen Gesetz in Konflikt gerieten. Einfachere konsularische Schutzfälle würden in der Regel von den Auslandvertretungen selbstständig erledigt, während komplexere die Zusammenarbeit mit der EDA-Zentrale in Bern erforderten. Für diese Fälle ist die Sektion Konsularischer Schutz (SKS) zuständig. Und dort haben die zu behandelnden Fälle stark zugenommen. 2007 wurden laut EDA in der SKS noch 463 Dossiers eröffnet, 2012 waren es bereits 985. Laut Farago hatte sich die Sektion in den letzten zwei Jahren mit 60 gravierenden Fällen zu befassen. Das EDA ist überzeugt, dass die steigende Zahl von Problemen für Schweizer Touristen im Ausland teilweise mit mangelhafter Reisevorbereitung zusammen hängt. «Es ist sehr einfach geworden, ohne grossen Aufwand und hohe Kosten an entfernte und exotische Destinationen zu gelangen», sagt Farago. Reisende entschieden sich oft überstürzt – da die Preise steigen könnten – oder in letzter Minute für eine Destination. «Da kommt die Vorbereitung manchmal zu kurz.» Risiken seien aber nur zu vermeiden, wenn man diese auch kenne. «Wir empfehlen den Leuten deshalb, dass sie vor der Buchung die Reisehinweise lesen und sich beim Arzt über Krankheiten und Schutzmassnahmen informieren und sich erst dann für ein Reiseziel entscheiden.»

Weltkarte der Sicherheit

Zumindest Orientierungshilfe, in welche Länder man besser nicht oder nur mit grosser Vorsicht reisen soll, bietet die neueste Risikokarte des Unternehmensberaters für Risikomanagement Control Risks in London (siehe Grafik). Das Unternehmen untersucht die Sicherheit für Geschäftsreisen und klassifiziert einmal jährlich die Länder in fünf Risikostufen.

Das Sicherheitsrisiko ermitteln die Londoner aus der Zahl der Diebstähle und Kleinkriminalitätsdelikte, Überfälle, Entführungen und bewaffneten Übergriffen sowie der Gefahr von Terroranschlägen. Zu den gefährlichsten Ländern gehören demnach Somalia, Afghanistan, Irak, Syrien, Mali oder der Kongo, gestiegen ist die Gefahr in Nigeria, Mexiko, aber auch in der Ukraine und in Griechenland. Die Schweiz taucht in dieser Liste übrigens zusammen mit den Karibikinseln Bermudas und Anguilla sowie Finnland, Monaco und Liechtenstein ebenfalls auf. Unter der Rubrik «die sichersten Reiseländer der Welt.»

Hinweis

Alle Reisewarnungen, Tipps für die Vorbereitung und Informationen zu Visabestimmungen finden Sie unter: www.eda.admin.ch