RELIGION: «Wer nicht missioniert, hat demissioniert»

Rund 80 Prozent der aufgrund ihrer Religion Verfolgten sind Christen. Kardinal Kurt Koch verrät, was wir dagegen tun können.

Interview Charly Keiser
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Kardinal Kurt Koch (64). Hier im Bild mit der Kirche St. Oswald in Zug im Hintergrund. (Bild Philipp Schmidli)

Kardinal Kurt Koch (64). Hier im Bild mit der Kirche St. Oswald in Zug im Hintergrund. (Bild Philipp Schmidli)

Am Freitag besuchte der Kurienkardinal Kurt Koch (64), Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Zug. Der Luzerner feierte zusammen mit dem reformierten Pfarrer Christoph Baumann einen ökumenischen Gottesdienst in der St.-Oswald-Kirche. Im Anschluss hielt der ehemalige Bischof des Bistums Basel ein Referat zum Thema «Verfolgte Christen».

Kardinal Kurt Koch, schlägt Ihr Herz an der eben gestarteten Fussball-WM für Argentinien, das Heimatland von Papst Franziskus, oder für die Schweiz?

Kurt Koch*: Papst Franziskus hat auch schon eine diesbezügliche Botschaft verfasst und musste natürlich neutral bleiben. Er konnte nicht für Argentinien Stellung nehmen. Und ich halte es auch so.

Klopft Ihr Herz bei Spielen der Argentinier und Schweizer nicht doch ein wenig mehr als bei anderen Games?

Koch: Ich bin nicht jemand, der auf ­diese Fussball-Weltmeisterschaft gewartet hat.

Glauben Sie, dass Fussball verbindet oder sogar verschiedene Kulturen und Völker zusammenbringen kann?

Koch: Wenn Spiele, an denen verschiedene Nationen und Kulturen beteiligt sind, fair und nicht nur aus rein ökonomischen Gründen ausgetragen werden, können sie sehr positiv sein. Die Spiele sind nicht aus sich selbst positiv. Entscheidend ist, in welchem Geist sie ausgetragen werden.

Zu Ihrem Vortrag: Wie dramatisch ist die Christenverfolgung?

Koch: Es ist eine dramatische Situation, und besonders dramatisch ist auch, wie wenig diese Tatsache zur Kenntnis genommen wird.

Würden Sie denn eine stärkere Reaktion wünschen und erwarten, wenn wie in Nigeria die Boko Haram rund 300 Mädchen entführt und diese verheiraten will?

Koch: Es ist wirklich erstaunlich, dass die grausamen Sachverhalte der Verfolgungen sowie die primitivste Verletzung der Menschenrechte mit der Missachtung der Religionsfreiheit die westlichen Medien wenig interessiert.

Im Sudan hat eine 27-jährige Frau, die vom Islam zum Christentum konvertierte und deshalb zum Tod verurteilt wurde, im Gefängnis ein Baby geboren. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hat dem sudanesischen Botschafter sein Unverständnis über dieses Verdikt mitgeteilt und an die religiöse Toleranz appelliert? Genügt das?

Koch: Die Schweiz müsste in diesem Fall nicht nur unseren Glauben verteidigen, sondern vielmehr auf die Einhaltung der Menschenrechte pochen. Denn die Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht. Jeder Mensch hat das Recht, den Glauben zu wählen, den er will. Das heisst, er hat auch das Recht, den Glauben zu wechseln. Ist also ein Glaubenswechsel mit dem Tod bedroht, müssen die Verantwortlichen ihre Stimme erheben.

Was können wir in Europa für verfolgte Christen in Kriegsgebieten wie Syrien, Ägypten und dem Irak tun?

Koch: Wenn ich die Leute frage, bekomme ich immer wieder die gleiche Antwort: beten. Den verfolgten Christen ist es unendlich wichtig, dass sie nicht vergessen werden und man an sie denkt.

Genügt beten, oder können wir nicht mehr tun?

Koch: Doch, wir können die Vergehen öffentlich anklagen und so ins Bewusstsein bringen. Denn die Diktatoren haben es umso einfacher, wenn die Christen weltweit schweigen.

Erzbischof Georg Gänswein, der im Dienste der beiden Päpste Benedikt und Franziskus steht, hat gesagt, in der Öffentlichkeit werde das christliche Grundgut zu wenig verteidigt. Teilen Sie diese Ansicht demnach?

Koch: Ja, ich glaube, es wäre wichtig, die reale Situation der Christenverfolgung vermehrt in der Öffentlichkeit darzustellen und auf die Menschenrechte zu pochen.

Wie kommt es, dass das Thema Islamophobie viel stärker auf dem Radar steht als die Christenverfolgung?

Koch: Das hängt damit zusammen, dass wir in unserer Gesellschaft für Toleranz eintreten und viele glauben, wir könnten in anderen Ländern nichts bewirken. Doch das glaube ich nicht. Wir müssen Rechtsverletzungen vermehrt bewusst machen und andere Länder daran erinnern, dass wir auch von ihnen Toleranz gegenüber unserer Religion erwarten. Wir müssen uns an unsere Gesetze halten und andere Länder an die Menschenrechte erinnern.

Sie sind im Vatikan Minister der Ökumene. Wie gross ist Ihrer Meinung nach eigentlich heute die Kluft zwischen Katholiken und Protestanten in der Schweiz?

Koch: Weltweit gesehen ist die Ökumene natürlich sehr viel grösser. Es geht da um rund sechzehn verschiedene Dialoge. Die mit den Protestanten ist darum nur eine unter vielen anderen.

Also nur ein Nebengleis?

Koch: Nein. In der Schweiz, wo Katholiken und Reformierte nahe zusammenleben, läuft es meist sehr gut. Aber es bestehen zwischen Katholiken und Protestanten immer noch wichtige Differenzen in der Glaubensauffassung.

Können wir die je überbrücken?

Koch: Es ist der Auftrag von Jesus, der uns im hohepriesterlichen Gebet bittet, dass die Jünger eins sein sollen. Wir haben gar keine Alternative, als die Einheit zu suchen.

Also ist eine Art Fusion in Sicht?

Koch: Nein, keine Fusion. Im Gebet heisst es: «Damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.» Die Einheit der Christen ist eine wesentliche Voraussetzung für die Glaubwürdigkeit der Botschaft, die wir zu überbringen haben.

Muss man Toleranz leben, damit man Toleranz bekommt?

Koch: Genau. Vor allem einander besser verstehen und damit auch sich selber besser kennen und verstehen lernen. Dazu gibt es ein altes Sprichwort: Wer nur England kennt, kennt England nicht. Es ist eine Bereicherung für den eigenen Glauben, wenn man auch andere Kirchen kennt.

Es gab eine Zeit, als die Katholiken recht unzimperlich missionierten. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis auch andere Religionen so weit sind?

Koch: Eine Kirche, die nicht missioniert, hat längst demissioniert. Die Frage ist nur, mit welcher Methode. Die Mission muss immer freiheitlich sein. Wir Christen mussten aus unserer Geschichte lernen, und wir haben auch gelernt. Und das dürfen wir auch den anderen Religionen weitergeben. Die katholische Kirche hat öffentlich bekannt, dass die Schwester der Religion nie die Gewalt, sondern der Friede ist. Alle Religionen müssen einsehen, dass Gewalt niemals ein Weg zur Verbreitung ihrer Botschaft ist. Man muss alle Religionen auffordern, dass sie sich in den Dienst des Friedens stellen.

Werden das denn alle Religionen dereinst verstehen?

Koch: Im Grossen und Ganzen sicher. Aber es gibt in allen Religionen Extremisten. Aber wir dürfen die Religion nicht von den Extremisten her definieren. Es zählen die positiven Kräfte, und es gilt, diese zu stärken und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Was können wir Einzelne für die Ökumene tun?

Koch: Für die Einheit der Christen beten. Die Einheit ist letztlich ein Geschenk Gottes, und wir müssen offen und bereit sein. Wir müssen dafür beten und mit Mitgliedern anderer Kirchen schwesterlich und brüderlich umgehen. Die Basis der Ökumene ist, dass wir alle getauft sind und die Taufe gegenseitig anerkennen.

Muss sich die katholische Kirche für die Ökumene reformieren?

Koch: Die Kirche hat immer Reformen nötig. Doch die Hauptreform besteht darin, dass sich die Kirche von ihrem Glauben her erneuert. Denn dieser verdunstet im Alltag oftmals. Jede Kirche muss sich immer wieder neu besinnen. Und ich bin überzeugt, je mehr wir uns wieder mehr aufs Evangelium und auf Jesus Christus besinnen, umso mehr werden wir wieder zueinanderfinden.

Hinweis

* Kurt Koch (64) ist Kurienkardinal der römisch-katholischen Kirche und ehemaliger Bischof von Basel.