RELIGION: «Zeit für einen grossen Schritt»

Anlässlich des Reformationsjahres analysiert der streitbare Pfarrer Josef Hochstrasser die heutige Situation der Kirche. Seine Bilanz ist mehr als ernüchternd. Wie könnte die Kirche ihr Potenzial (neu) entfalten?

Andreas Faessler
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Geht mit der Kirche hart ins Gericht: Josef Hochstrasser.

Geht mit der Kirche hart ins Gericht: Josef Hochstrasser.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Die Kirche kann sich das Leben nehmen. Eine provokative Aussage mit reichlich Zündstoff. Aber steht es wirklich so schlecht um unsere zwei grössten Landeskirchen? Wenn es nach Josef Hochstrasser geht, dann ja. Der eins­tige katholische Priester und ­jetzige reformierte Pfarrer und Kantonsschullehrer aus Luzern ist wohl bekannt für seine unverblümte Art, mit der Kirche scharf ins Gericht zu gehen.

Der 69-Jährige hat das Reformationsjahr zum Anlass genommen, seine eigenen Thesen zu Kirche und Glaube aufzustellen. Diese schlägt er allerdings nicht an irgendeine Kirchentür, sondern – weniger brachial – gibt sie in der Gestalt eines Buches heraus, dessen Titel obigem Satz am Beginn dieses Textes entspricht. Es sind übrigens auch nicht 95 Thesen, sondern deren 10. 10 Thesen, mit denen Hochstrasser mit der Kirche nach 500 Jahren Reformation auf gut Neudeutsch eine Art Standort­bestimmung durchführt. Und im Verlauf der Lektüre zeigt sich sehr schnell: Diese Standort­bestimmung fällt gar nicht gut aus – aus Hochstrassers Sicht.

Zurück zum jesuanischen Gedanken

Aber: Der Autor stellt gleich zu Beginn seines Vorwortes klar, dass er sich sowohl mit der katholischen als auch mit der reformierten Kirche nach wie vor verbunden fühle, habe er den beiden doch viel zu verdanken. Somit sind die zehn ausführlichen analytischen Abschnitte und seine zehn Thesen, die als Antwort ­folgen, nicht etwa ein Rundumschlag gegen die Kirche. «Vielmehr will ich Impulse geben für einen grossen Schritt nach vorne», sagt Hochstrasser. «Ich denke, 500 Jahre nach der Reformation ist es höchste Zeit dafür.»

Diese Impulse nach vorne führen gleichzeitig zurück. Zurück zum jesuanischen Gedanken. Zurück zu dem Punkt, wo auf Erden dieser bewundernswerte Mensch mit dem Namen Jesus dem Volk einen einfachen, demokratischen Glauben an eine gerechte Welt vorgelebt hat. Fast schon mit Schalk schreibt der Autor: «Jesus müsste wohl erst einmal Theologie studieren, um zu verstehen, was die Kirchen in seinem Namen lehren. Aber eher würde er wohl nach dem ersten Semester frustriert das Handtuch werfen.»

Dogmen verhindern das Entfalten des Glaubens

Wo haben denn nun die Kirchen ihre Problemzonen, die nicht zuletzt dazu führen, dass ihnen die Menschen in Scharen weglaufen? Es sind Punkte, welche Licht­jahre von diesem jesuanischen Gedanken weg scheinen. Hier führt Hochstrasser etwa neben einem Klassendenken auch die Ab- und Ausgrenzungspolitik an, welche die Kirchen laut ihm betreiben. Die sinngemässe Mentalität von «Wir sind gut und richtig, ihr seid schlecht und falsch» fasst es zusammen. In diesem Kontext stellt Hochstrasser auch fest, dass die Kirchen mit einer solchen Mentalität und erst recht mit ihren Dogmen, die schon lange in die Leichenstarre übergegangen sind, die Menschen daran hindern, in ihrem Glauben zu wachsen. «Kein einziges kirchliches Dogma ist in der Lage, die Kraft des Glaubens zu entfalten», ist der Autor überzeugt.

«Und warum vernachlässigt die Kirche unsere Jugend?», fragt Hochstrasser. Sie hätte eine grosse Überlebenschance, wenn sie an deren Lebensgestaltung interessiert wäre und daran teilnehmen würde, was Heranwachsende beschäftigt. Ganz allgemein habe die Kirche aufgehört, Menschen für sich gewinnen zu wollen, ist Hochstrasser überzeugt. Sie verliere an Einfluss, sei altersschwach, wenn auch vermögend. Ja, vermögend – ein weiteres zentrales Stichwort im Buch. «Die Kirchen verfügen über zu viel Reichtum», sagt der Autor. Die Last des Geldes hindere die Kirchen daran, aktiv prophetisch aufzutreten. Einmal davon befreit, würden sie wieder vor einer einzigartigen Aufgabe stehen. «Die zentralen Anliegen Jesu rücken wieder in den Mittelpunkt: Gemeinschaft aufzubauen, Jesu Praxis mit dem Alltag zu verknüpfen, Menschen ein erfülltes Leben zu ermöglichen und im Gottesdienst das Leben in all seinen Dimensionen zu feiern.»

Von Wohlwollen motiviert

Solcherlei ist es, was die heutige Kirche gemäss Josef Hochstrasser nicht nur kränkeln, sondern gar sich das eigene Grab schaufeln lässt, in dem sie mit ­Sicherheit landen werde, wenn sie nicht neue Wege gehe. Aus Hochstrasser spricht aber nicht Abneigung und Groll, wie das manch einer interpretieren mag, der die Biografie des einstigen katholischen Priesters kennt. Sondern seine Analyse des aktuellen Zustandes der Kirche ist – so sagt Hochstrasser selbst – von Wohlwollen motiviert. Er sorgt sich um die Institution Kirche und will eine Debatte ins Rollen bringen, um den christlichen Glauben wiederzubeleben und Menschen in die Kirche zu bringen. «Ich trage dies schon lange in mir. Mit meinen 10 Thesen, mit diesen Impulsen, lege ich eine Art ‹Therapiekonzept› vor, welches nicht die Symptome bekämpft, sondern die Problematik bei ihren Wurzeln angeht. Die Kirche birgt ein enormes Potenzial, sie könnte so viel mehr bieten.»

 

Hinweis

«Die Kirche kann sich das Leben nehmen», Zytglogge-Verlag, 71 Seiten, Fr. 19.–. Buchvernissage im Buchhaus Stocker, Hertensteinstrasse 44, Luzern, am Dienstag, 14. März, 19 Uhr. Der Anlass wird geleitet von SRF-Moderatorin Sonja Hasler. Reservation ist erbeten (stocker@buchhaus.ch)