Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

REPORTS: Kinseys sexuelle Erregungswellen

Alfred Kinsey untersuchte vor 70 Jahren als erster Wissenschafter das menschliche Sexleben. Er bewies, dass Onanie, Seitensprünge und Homosexualität nicht obszön, sondern normal sind – und zerbrach selbst daran.
Katja Fischer De Santi
Alfred Kinseys Sex-Reporte waren 1948 und 1953 Sensationen – nicht nur in den Zeitungen. (Bild: Getty)

Alfred Kinseys Sex-Reporte waren 1948 und 1953 Sensationen – nicht nur in den Zeitungen. (Bild: Getty)

Katja Fischer De Santi

Der Mann, der stets Fliege und Jackett trug und dessen Gründlichkeit legendär war, dieser Mann hat mehr für die sexuelle Befreiung getan als alle Hippies zusammen. Denn der Zoologe Alfred C. Kinsey erkannte nach seiner verpatzten Hochzeitsnacht, dass er zwar alles über das Paarungsverhalten der Gallwespen wusste, aber keine Ahnung davon hatte, was beim Homo sapiens unter der Gürtellinie los ist.

Also begann Alfred Kinsey, mit der ihm eigenen Gründlichkeit der menschlichen Sexualität auf den Grund zu gehen. Vor ihm liessen in den 1940er-Jahren 10 000 Amerikanerinnen und Amerikaner die Hosen runter. Das Resultat erschien 1948 und trug den trockenen Titel: «Sexual Behaviour in the Human Male». Ein monumentales Werk, dass die Welt zuerst schockierte und dann veränderte. Eine «soziale Atombombe» nannte das «Time Magazine» die Studie.

90 Prozent masturbieren, 30 Prozent gehen fremd

Die Kinsey Reports sind bis heute das aufwendigste Projekt in der Geschichte der Sexualwissenschaft überhaupt. Und lösen immer noch Debatten aus. Kinsey konnte statistisch belegen, wie viele Männer masturbieren (92 Prozent) und ausserehelichen Sex haben (bis zu 37 Prozent) oder wie viele es mit ihren Geschlechtsgenossen (37 Prozent der Männer haben homosexuelle Erfahrungen) oder mit Tieren (ein Prozent) treiben. Und dies zu einer Zeit, in der Homosexualität vielerorts unter Strafe stand und Selbstbefriedigung als Todsünde angesehen wurde.

Kinsey und seine Mitarbeiter rasten mit der Energie von Missionaren durch die USA. Sie befragten Kuhhirten, Postboten, Fliessbandarbeiter und Lehrer. Sie öffneten aber auch die Türen zu Homosexuellenclubs und Bordellen. Und sie waren gründlich. Mehr als 500 Punkte umfasste der Fragebogen. Selbstbefriedigung, Homosexualität, Orgasmen, Analsex, Oralsex. Kinsey kannte keine Tabuthemen. Aus seiner durchaus anfechtbaren biologistischen Weltanschauung heraus glaubte Kinsey, nichts, was im Tierreich vorkomme, dürfe beim «Human Animal» als unnatürlich gelten. Es ist Kinsey zu verdanken, dass sexuelles Verhalten an den Rändern der statistischen Normalität nicht mehr als «abnormal», sondern als «selten» bezeichnet wird. In Schwulenkreisen wurden Kinseys Studien mit Begeisterung geteilt. Sie waren die ersehnte, empirisch gestützte Legitimation der homosexuellen Liebe.

Kinsey befragte auch Kinder, Prostituierte, Ex-Häftlinge

Doch die kritischen Stimmen sind bis heute nicht verhallt. Von Anbeginn wurde Kinsey vorgeworfen, die Auswahl seiner Befragten sei nicht repräsentativ: zu viele ehemalige Gefangene (25 Prozent), zu viele männliche Prostituierte (5 Prozent). Zudem habe er nur seine eigene bisexuelle Neigung verifizieren wollen. Sein Biograf James H. Jones schilderte im Detail, was der Meister hinter geschlossenen Vorhängen trieb: Gruppensex, homosexuelle Abenteuer. Der Professor soll wenig ausgelassen haben. Für konservative Kräfte heute wie damals ein gefundenes Fressen, um seine Forschung zu diskreditieren. Als 2005 ein Film über Alfred Kinseys Leben in die Kinos kam, riefen religiöse Vereinigungen zum Boykott des Filmstudios auf. Gruppen wie «Focus on Family» protestieren auch 2018 lautstark gegen von der Regierung unterstützte Forschungsprojekte auf dem Gebiet der Sexualität. Kinsey litt zeitlebens unter der enormen Kritik. Als er 1953 den Band «Das sexuelle Verhalten der Frau» herausbrachte, brach die grosse Entrüstung los. Die amerikanische Öffentlichkeit reagierte mit Hass auf die Zahlen, die belegten, dass Frauen sexuelle Wesen sind: 62 Prozent der US-Frauen hätten schon masturbiert, bilanziert Kinsey, 90 Prozent Petting praktiziert, 50 Prozent vorehelichen Verkehr gehabt. Diese Aussagen bringen ihn erst um seine Forschungsgelder, dann ums Leben. Drei Jahre nach Veröffentlichung seines letzten Reports starb Kinsey an einer Herzattacke. Er war schliesslich vom Forscher zum Gejagten geworden.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.