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ROHKOST: Behüte mich vor dem Mü(e)sli

Vor 150 Jahren wurde Max Bircher-Benner geboren. Ein Grund zum Feiern? Nur sehr, sehr bedingt, findet unser Autor.
Hans Graber
Müesli, nicht ganz original nach Bircher-Benner zubereitet, aber für den Kostverächter wohl auch nicht das Wahre. (Bild: Getty)

Müesli, nicht ganz original nach Bircher-Benner zubereitet, aber für den Kostverächter wohl auch nicht das Wahre. (Bild: Getty)

Hans Graber

hans.graber@luzernerzeitung.ch

Es ist nicht so, dass ich mich komplett verweigere. Gerade in den Ferien schrecke ich vor neuen Anläufen nicht prinzipiell zurück, gibt es doch bei diesen Frühstücksbuffets häufig eine Müesli-Abteilung. In meinem bevorzugten Ferienland Deutschland wird sie meist Müsli-Ecke genannt. Trotz sonst geschliffenem Mundwerk kommen unsere nördlichen Nachbarn mit diesem fallenden Diphthong «üe» ja nicht recht zurande, weshalb sie auch aus dem «Grüezi» ein «Grüzi» machen.

Allein das Wort Müsli löst bei mir einen gewissen Widerwillen aus. Aber gutes Zureden der Gattin, die vom sehr hohen gesundheitlichen Nutzen von Hafer­flocken (für alles), Leinsamen (für Darm) oder Kürbiskernen (für Prostata) schwärmt, lassen mich über den Schatten springen

Nach Croissant und Brötchen mit Butter und Konfitüre, nach etwas Wurst und Käse und vielleicht einem Löffel Rührei nehme ich vom Buffet zum Finale noch ein Müsli. Aber ich kann machen, was ich will: Ich habe es einfach nicht gern. Es würgt mich. Selbst wenn es mit den von mir geliebten Beeren (Heidel- und Him-)garniert ist. Und beim Rezept der Mutter aller Müslis, dem Birchermüesli nach Maximilian Bircher-Benner, lupft es mich schon beim blossen Gedanken daran.

Wo ist das Problem? Ich weiss es nicht recht, zumal mir einzelne Müesli-Zutaten in separater Form nicht mal schlecht schmecken. Als Kind wurde ich manchmal mit Haferflocken, Milch und etwas Zucker abgespeist. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich das nicht gerade begeistert, aber doch ohne Murren zu mir genommen. Schliesslich war mir in Aussicht gestellt worden, dadurch «gross und stark» zu werden. Gross bin ich geworden, praktisch 1,80 Meter. Stark? Es kommt drauf an, was man darunter versteht. Sicher ist, dass ich – zu meinem Kummer – nicht über Muskelkräfte verfüge, die es erlauben würden, Leute zu verhauen, die es verdient hätten. Es gäbe viele.

Raufhändeln gehe ich besser aus dem Weg. Wie dem Müesli. Den Schritt vom Haferflocken-Milch-Zucker-Brei zu ihm habe ich nie vollziehen können, selbst zu Zeiten, da meine Kreuzallergie auf rohe Äpfel noch nicht so ausgeprägt war wie heute.

Auch ohne Müesli kein Fall ins Morgenloch

Ich habe das Müesli nie vermisst. In Normalfall gibt es für mich neben Kaffee ein Stück Konfi- oder Honigbrot zum Zmorge. Das reicht sicher bis Mittag, wenn es sein muss bis gegen Abend.

Das lange hinhaltende Müesli soll morgendlichen Leistungsabfall und Heisshungerattacken vorbeugen. Ich nehme kein Müesli und falle gleichwohl nie in ein Loch. Wobei, vielleicht meine ich das nur. Die Eigenwahrnehmung ist nicht objektiv.

Trotz meiner Abneigung: Das Birchermüesli ist eine der we­nigen, wenn nicht die einzige Schweizer Speise, die es zu grösserer internationaler Verbreitung geschafft hat. Fondue, Rösti und vor allem Cervelat, welche meines Erachtens eher weltweites Ansehen verdient hätten, haben den Sprung über die Grenze hingegen nicht gross geschafft, oder wenn, dann in zweifelhafter Form. «Rösti-Taler nach Schweizer Art» und dergleichen mehr.

Das Müesli hat sich durch­gesetzt, oft in sehr zweifelhaften Abwandlungen, aber seit bei uns der Ernährungswahn ausgebrochen ist und das angeblich «Gesunde» weit mehr gewichtet wird als das Gute, hat das original ­Birchermüesli oder Varianten, die ihm nahe­kommen, wieder stark an Bedeutung gewonnen.

Bircher-Benner nannte das Müesli nur «Spys»

Wie alle Ernährungsapostel, hatte auch der studierte Arzt Max Bircher-Benner einen ausgeprägten Hang zum Missionieren. Mit esoterischem Anstrich. «Falsche» Ernährung war für Bircher die Wurzel fast allen Übels. In der von ihm entwickelten Diät mit Schwergewicht Rohkost und Vollwert waren nicht allein die Nährstoffe in den Lebensmitteln von Bedeutung, sondern primär die darin gespeicherte «Sonnenenergie». Wie das funktionieren soll und was es mit uns macht, wenn die «Energieströme» durch den Körper fliessen, konnte nie wissenschaftlich untermauert werden. Aber es tönt gut.

«Lebensschule» gegen die «Degeneration»

Bircher-Benners «Lichtnahrung», deren wichtigster Pfeiler das von ihm «Spys» genannte Müesli war, fand schnell Anhänger. Berühmtheiten wie Rainer Maria Rilke, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer und Thomas Mann liessen sich in seinem Privatsanatorium «Lebendige Kraft» auf dem Zürichberg therapieren und aufpäppeln.

Sie begaben sich freiwillig unter die Fuchtel des – logo – Vollbart und Sandalen tragenden Klinikleiters. Es herrschten strenge Sitten. Unter anderem wurden die Kurgäste im Garten regel­mässig mit kaltem Wasser abgespritzt. Thomas Mann schrieb von einem «hygienischen Zuchthaus». Es ging Bircher eben nicht um die Ernährung alleine. Er sah sein Sanatorium vielmehr als allgemeine «Lebensschule» und als «wirksames Instrument gegen die Degeneration».

Die vielen Gräuel des Zweiten Weltkriegs hat der Anfang 1939 im Alter von gut 71 Jahren an einem Herzinfarkt verstorbene Bircher-Benner nicht mehr miterlebt. Aber zuvor war er in so manchen Punkten nicht weit weg von nationalsozialistischem Gedankengut. Der Reichsärzteführer hatte ihm sogar eine Professur am Rudolf-Hess-Krankenhaus in Dresden angeboten. Bircher-Benner war keineswegs abgeneigt, blieb aber in Zürich.

Meine Geringschätzung des Müeslis hat aber mit all dem glaub nichts zu tun. Sie war schon da, ehe ich überhaupt etwas wusste von Bircher. Auch ohne Kenntnis von «Lichtnahrung» assoziierte ich das Birchermüesli seit jeher mehr mit Sonnenuntergang, ja Finsternis. Zudem bin ich mit Birchermüesli vor der Nase kaum zu «positivem Denken» imstande, das Bircher von den Kurenden jederzeit forderte. Bei Tisch durfte man nicht seinen Gesundheitszustand «durchkauen» (man hatte ja schon genug an dieser «Spys» zu gnagen).

Man muss auch das Positive sehen

Was Max Bircher-Benner gepredigt hat, ist nicht durchs Band weg abwegig, im Gegenteil. Dass er den Menschen ganzheitlich verstand, war damals den meisten Ärzten noch fremd. Übrigens allzu oft auch heute noch. Dass er nach der Heirat mit der aus dem Elsass stammenden und sehr wohlhabenden Apothekertochter Elisabeth Benner den Doppelnamen Bircher-Benner trug und innert zehn Jahren sieben Kinder zeugte, macht den Müesli-Mann auch noch in anderen Punkten bemerkenswert. Und einen Sympathiepunkt gibt es, weil er dieselbe Alte Kantonsschule Aarau durchlaufen hat wie zum Beispiel Albert Einstein. Und ich.

Mit anderen Worten: Ich gebe dem Mü(e)sli weiterhin eine Chance und werde auch in den nächsten Ferien keinen strikten Bogen machen um die Würge-Ecke am Buffet. Bis zu den nächsten Ferien dauert es zwar noch. Aber gut Ding (?) will bekanntlich immer Weile haben.

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