ROLLEN: Wer befiehlt am Herd?

Die Männer entdecken das Kochen – und bringen dabei Qualitäten mit, welche den Frauen tendenziell fehlen.

Flurina Valsecchi
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Hauswirtschaft: wer kocht besser? (Bild: Keystone)

Hauswirtschaft: wer kocht besser? (Bild: Keystone)

Mein Vater hat nie auch nur einen Finger krumm gemacht in der Küche. Es war Mamas Domäne», so erinnert sich der bekannte Schweizer Fernsehkoch Andreas C. Studer an seine Jugendzeit. Und auch heute stehen die Frauen noch immer öfter am Herd. Aber: «Die Männer holen auf.» Man koche heute häufiger gemeinsam. So bringe die Frau beispielsweise frisches Gemüse nach Hause, und dann werde spontan zusammen gekocht, sagt Studer.

Schwingen Männer und Frauen gemeinsam den Kochlöffel, sind die Rollen oftmals klar verteilt. «Es ist wie in der Vorzeit: Der Mann ist Jäger und verarbeitet gerne und viel Fleisch. Frauen lassen sich Zeit beim Backen und kochen auch mal ein Rezept von früher nach», sagt Andreas C. Studer. Die Frauen seien kreativer, Männer würden eher methodisch vorgehen.

Wenn, dann richtig: So lautet das Motto der Männer in der Küche. «Viele Männer ‹dürfen› am Wochenende ran. Das wird von ihnen generalstabsmässig geplant – inklusive Einkauf auf dem Markt und Degustation beim Weinhändler», sagt Studer.

Wer also kocht besser? Studer lacht und meint: «Da möchte ich mir kein Urteil anmassen, es ist wirklich sehr individuell.»

Frauen achten auf Qualität

Es gibt sogar eine Studie, die das Kochen in Schweizer Haushalten untersucht hat, die repräsentative Umfrage wurde im Jahr 2010 vom Grossverteiler Coop und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) veröffentlicht. Diese bestätigt ebenfalls, dass deutlich mehr Frauen (75%) als Männer (53%) mindestens einmal täglich eine warme Mahlzeit kochen. Im Unterschied zu den Männern schauen die Frauen deutlich häufiger auf frische Zutaten, auf saisonale Produkte, auf eine ausgewogene Ernährung und ein figurbewusstes Kochen. Ausserdem kochen Frauen öfter vegetarisch, sie benutzen übrigens auch häufiger den Backofen.

Gemeinsames Kochen hat Tücken

Das gemeinsame Kochen, das heute vielerorts fast schon Kult ist, sieht man auch den modernen Küchen an. Sie sind keine abgeschotteten Kämmerlein mehr, sondern offene, grosszügig ausgestattete Inseln im Wohnbereich. Doch so schön das «neue Hobby» ist, es birgt auch so seine Tücken. Im Gegensatz zur jungen Generation haben ältere Paare ab und zu Mühe, zusammen in der Küche zu stehen, weil sie sich noch andere Rollenbilder gewohnt sind.

«Viele Frauen tun sich schwer, wenn sich der Mann – vielleicht sogar erst mit der Pensionierung – für die Küche zu interessieren beginnt», sagt Annemarie Wildeisen, die mit ihren Kochbüchern in der ganzen Schweiz bekannt ist. Manche Frauen würden bei ihr einen Kochkurs besuchen, um dem Mann zu zeigen, dass es mit ein bisschen Kochen nicht getan sei. Sie würden ihre Männer in den Kursen auch mal richtig herumkommandieren.

Oft hört man Frauen klagen, dass die Männer in der Küche ein riesiges Chaos veranstalten und dieses dann der Frau zum Aufräumen überlassen. Doch hier widerspricht Wildeisen. Das sei ein Klischee. «In unseren Kursen beobachte ich, dass Männer viel strukturierter arbeiten als Frauen.» Männer würden viel unbefangener an die Arbeit gehen und auch einfach mal drauflosschneiden, Frauen dagegen würden sich zu viele Gedanken machen.

Technik begeistert die Männer

Besonders viel Freude haben die Männer an den Küchengeräten. Wildeisen: «Männer haben da viel weniger Berührungsängste.» Ist man bei Freunden eingeladen, so beobachtet man Männer, die am Herd schon fast einen Hang zur Show entwickeln. Sie benützen eine Pasta-Maschine, schaffen einen Tellerwärmer an, hantieren mit überdimensionalen Messern und trumpfen am Schluss mit ihrem Crème-Brulée-Brenner in der Tafelrunde auf.

Wenige Frauen sind Sterneköche

Und genau da trennt sich noch heute der Weg zwischen Frau und Mann – zwischen Alltagsköchin und Spitzenkoch. Während heute noch immer mehrheitlich die Frauen für das tägliche Essen sorgen, dominieren in der professionellen Gastronomie die Männer. Der Titel der entsprechenden Lehre heisst «Koch».
Zum ersten Mal überhaupt steht bei Gault Millau Schweiz eine Frau allein an der Spitze der Restaurantbewertung. Tanja Grandits vom Restaurant Stucki in Basel ist zum «Koch des Jahres 2014» gewählt worden. Und wen wunderts: Ihre Spezialität sind nicht etwa grosse Fleischgerichte, sondern sie tüftelt mit Aromen – Zimt, Anis sowie Pollen oder Blüten vom Fenchel. Bei Grandits übrigens sind die klassischen Geschlechterrollen quasi umgekehrt, sie arbeitet in der Küche, ihr Mann ist Chef de Service.

Einfacher kochen dank Fast Food?

Fragt man die höchstdekorierte Schweizer Köchin (18 Punkte bei Gault Millau, zwei Michelin-Sterne), was sie von der Koch-Euphorie in Schweizer Haushalten halte, gibts von Tanja Grandits nicht nur Lob. Im Gegenteil: «Wir legen ein hochgradig schizophrenes Verhalten an den Tag», sagte sie in einem Interview mit der Zeitung «Schweiz am Sonntag». «Man hat immer das Gefühl, die Leute interessierten sich unglaublich fürs Essen, am Wochenende werde das Kochen zelebriert und gangweise gekocht. In den Küchen stehen die ausgefallensten Maschinen. Aber unter der Woche kocht man gar nicht oder ernährt sich von Convenience-Food.» Dabei sei es nicht mal teurer, eine Lasagne selber zu machen, statt «so etwas Furchtbares in die Mikrowelle zu schieben». «Convenience-Food und Fertigprodukte sind für meinen Geschmack leider oft ungeniessbar.»
Doch Annemarie Wildeisen hält entgegen, dass es ja auch einen Mittelweg gebe. «Kochen ist – dank Halb-Fertigprodukten – einfacher geworden», sagt sie. Es gebe sehr guten fixfertigen Blätterteig zu kaufen, den man bedenkenlos einsetzen könne. Oder Kichererbsen aus der Büchse benützt Wildeisen ebenfalls. Das sei viel praktischer, weil man die harten Kichererbsen nicht extra über Nacht einweichen müsse.
Aber auch dieser letzte Aspekt darf nicht vergessen werden: Wer auf Partnersuche ist, sollte sein Kochtalent herausstreichen. Wenig überraschend ist, dass Männer zuerst das Kochen nennen, wenn man sie fragt, welche Hobbys eine Frau attraktiv machen. Doch umgekehrt können auch die Männer punkten: Studien zeigen, dass sich Frauen genauso für Männer mit dem Hobby Kochen interessieren, erst danach folgen die Aktivitäten Fitness, Heimwerken und Musik. Und so meinen Psychologen: Wer gern und gut koche, zeige damit Lebensqualität, Gesundheitsbewusstsein und Häuslichkeit. Frauen schätzten es, wenn Männer selbstbewusst am Herd stehen. Soll mal einer sagen, Liebe gehe nicht durch den Magen.Wer befiehlt am Herd?

Kochkultur: Die Eltern sollen ein Vorbild sein

Lernen Frauen, die nicht kochen können? Gibt es nicht! So war das noch bis vor wenigen Jahren. Früher schickten die Mütter ihre Töchter in die berühmt-berüchtigte «Rüebli»-RS».

Unterschiedliche Lehrpläne bereiteten die Jugendlichen auf ihre sozialen Rollen als Mann oder Frau vor. Die Höhere Töchterschule, wie sie in vielen Kantonen angeboten wurde, stand bezeichnenderweise im Ruf, die Mädchen adäquat für ihren «eigentlichen» Beruf als sorgende Mutter, tüchtige Hausfrau und unterhaltsame Gattin vorzubereiten. So hatten die Gymnasiastinnen etwa einen Landdienst zu absolvieren. In den 1930er-Jahren wurde auf der Gymnasialstufe schweizweit das hauswirtschaftliche Obligatorium für Schülerinnen – die sogenannte «Rüebli-RS» – eingeführt. Bis Ende der 1980er-Jahre wurde es aufrechterhalten.

Mädchen kochen Kalbskopf

Ob der damalige Kochunterricht aus allen Töchtern tatsächlich begeisterte Köchinnen gemacht hat, sei dahingestellt. Hört man sich um, haben die meisten Frauen eine Anekdote bereit. Eine Luzernerin erinnert sich: «Gleich in der ersten Lektion mussten wir einen Kalbskopf zubereiten. Uns Mädchen ekelte es vor diesem Ding. Und damit war es mit der Begeisterung für den Kochunterricht schon wieder vorbei.»

Erste Kocherfahrung in der WG

Die wenigsten jungen Frauen besuchen heute noch solche Haushaltskurse. Und der Hauswirtschaftsunterricht für Buben und Mädchen gerät an der öffentlichen Schule immer mehr unter Druck. Wo also lernt die Jugend von heute kochen?

Annemarie Wildeisen, bekannte Schweizer Kochbuchautorin, sagt: «Wenn sie das Hotel Mama verlassen und in eine WG ziehen, dann lernen die Jungen kochen. Dann merken sie schnell, dass es richtig teuer werden kann, wenn man immer auswärts isst.»

Entscheidend ist für Wildeisen nicht der Kochunterricht in der Schule, sondern welche Kultur daheim vorgelebt wird. Es sei ganz einfach: «Wenn die Mutter – oder auch der Vater – gern gekocht haben, werden das die Kinder später auch tun.» Hier hätten Eltern eine wichtige Vorbildfunktion.

Eine repräsentative Umfrage von Coop und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) aus dem Jahr 2010 gibt Wildeisen Recht. Fast: 70 Prozent aller Befragten gaben an, von der Mutter oder dem Vater das Kochen gelernt zu haben. 51 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich) haben es sich selber beigebracht. 44 Prozent können es aus Kochbüchern. Gerade mal 35 Prozent haben das Kochen in dem Hauswirtschaftsunterricht oder in der Kochschule gelernt. 19 Prozent haben es vom Partner oder von der Partnerin gelernt, und 14 Prozent belegten einen Kochkurs.

Schulfach Kochen fördern

Um die Kochkünste der jungen Generation sorgt sich eine Allianz aus Bäuerinnen, Gewerbeverband und Lehrern. Bereits im vergangenen Jahr warnten sie, der Lehrplan 21 dränge die handwerklichen Fächer noch mehr an den Rand. Wir würden uns zu einer Wissensgesellschaft entwickeln, doch die Arbeit mit den Händen – zum Beispiel Werken oder Kochen – komme immer häufiger zu kurz. So der Grundtenor. Die Kinder wüssten zwar über den Anbau, Nährwert oder Konsumnutzen einer Tomate Bescheid, aber eine Pizza oder eine Sauce Bolognese könnten sie nicht selber zubereiten. Alltagskompetenzen wie der Umgang mit Rüebli, Rüstmesser und Pfannen seien immer mehr Kindern fremd.

Am häufigsten kochen wir Pasta

Was kommt bei Frau und Herr Schweizer am häufigsten auf den Teller? Teigwaren! Diese Antwort geben 51 Prozent der befragten Personen in einer Studie von Grossverteiler Coop und der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung an. Rund ein Drittel der Befragten kocht am häufigsten Fleisch. Gemüse (16%), Kartoffeln (14%) und Reis (10%) wurden deutlich seltener als das am häufigsten gekochte Gericht erwähnt.

Kein Wunder, ist bei den Schweizern vor allem die italienische Küche (85%) und die traditionelle einheimische Küche (80%) am beliebtesten, gefolgt von asiatischen Gerichten (26%).

Betty Bossi ist beliebt

Als Quelle für Rezepte ist Betty Bossi der Renner. Über die Hälfte der Befragten (57 Prozent) schauen in diesen berühmten Kochbüchern nach. Jede dritte Person gibt als Rezeptquelle das Internet an, insgesamt sind es deutlich mehr Westschweizer als Deutschschweizer. Lediglich 7 Prozent kochen nie nach Rezept, wobei dies deutlich mehr Männer als Frauen angeben.