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ROM: Der Pate, der Italien den Krieg erklärte

Der «Boss der Bosse» der sizilianischen Cosa Nostra ist tot: Toto Riina, genannt «die Bestie», ist im Hochsicherheitsgefängnis von Parma im Alter von 87 Jahren verstorben. Er wurde für mindestens 100 Morde verantwortlich gemacht.
Dominik Straub, Rom
In Capaci (Sizilien) liess Riina am 23. Mai 1992 den Mafiajäger Giovanni Falcone und dessen Frau durch eine Bombe ermorden. (Bild: Ansa/EPA)

In Capaci (Sizilien) liess Riina am 23. Mai 1992 den Mafiajäger Giovanni Falcone und dessen Frau durch eine Bombe ermorden. (Bild: Ansa/EPA)

Dominik Straub, Rom

Am Donnerstag durften Riinas Ehefrau Ninetta und drei der vier Kinder den inhaftierten Super-Paten noch einmal besuchen, um von ihm Abschied zu nehmen. ­ Es war sein 87. Geburtstag; der schwerkranke Salvatore «Toto» Riina befand sich nach zwei Operationen im künstlichen Koma. Normalerweise dürfen Mafiosi in Isolationshaft keine Besuche empfangen; angesichts des hoffnungslosen Zustandes von Riina machte Justizminister Andrea Orlando jedoch eine Ausnahme.

Wenige Stunden nach dem Besuch der Angehörigen ist der brutalste und jahrzehntelang gefürchtetste Mafiaboss Italiens in der Nacht auf Freitag verstorben. Toto Riina war 1930 als Sohn einer Bauernfamilie in Corleone geboren worden, einer Kleinstadt im Hinterland von Palermo. Er wurde schon als Jugendlicher kriminell, seinen ersten Mord verübte er mit 18 Jahren, als er einen Gleichaltrigen im Streit tötete.

Ungewöhnliche Brutalität gezeigt

Nach einer relativ kurzen Gefängnisstrafe stieg er Ende der Fünfzigerjahre innerhalb der Mafia-Familien der «Corleonesi» (benannt nach der Heimatstadt) schon in den Fünfzigerjahren rasch in die höchsten Führungspositionen auf – nicht zuletzt dank seiner selbst für Mafiaverhältnisse ungewöhnlichen Brutalität. Toto «u curtu» («der Kurze»), wie Riina wegen seiner Körpergrösse von nur 1,58 Metern in Corleone genannt wurde, schoss rücksichtslos alle nieder, die sich ihm in den Weg stellten.

In Palermo musste sich Riina die Macht freilich zunächst mit den städtischen Cosa-Nostra-Grössen Stefano Bontade und Gaetano Badalamenti teilen. Um zum alleinigen König der Cosa Nostra aufzusteigen, entfachte Riina Anfang der Achtzigerjahre einen Mafiakrieg, bei dem er seine Konkurrenten gnadenlos ausmerzte. Insgesamt kamen bei diesem Gemetzel 600 Menschen ums Leben, davon allein im Jahr 1982 mehr als 200. Spätestens jetzt war Riina im Volksmund nicht mehr «u curtu», sondern «la belva», die Bestie.

Riina war nach diesem Krieg der unbestrittene Boss der Bosse der sizilianischen Cosa Nostra – aber in der Zwischenzeit hatte der italienische Staat zum Gegenangriff geblasen. 1986 begann in einem eigens gebauten Bunker neben dem alten Gefängnis von Palermo der sogenannte «Maxiprozess» gegen die Mafia. In diesem grössten Strafprozess der Geschichte Italiens sassen 475 Mafiosi auf der Anklagebank; es wurden 19 lebenslängliche Strafen und insgesamt 2665 Jahre Haft verhängt.

Möglich wurde der Prozess durch die Aussage des hochrangigen Mafiaaussteigers Tommaso Buscetta, der als erster Top-­Mafioso die Mauer der «omertà» (mafiöse Verschwiegenheit) durchbrochen und den Ermittlern Einblick in die Strukturen der Cosa Nostra geboten hatte. Riina, der inzwischen meistgesuchte Verbrecher Italiens, revanchierte sich auf seine Weise: Er liess elf Angehörige Buscettas umbringen, darunter Frauen und Kinder.

Vor allem aber erklärte Riina aus Rache dem italienischen Staat den Krieg. 1992 wurden in kurzen Abständen die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit ferngezündeten Bomben getötet; sie hatten zu den wichtigsten Anklägern im «Maxiprozess» gezählt. Später folgten auch Bombenanschläge auf dem italienischen Festland: In Rom, Mailand und Florenz wurden 1993 zehn Menschen getötet. Mit dieser «Strategie der Blutbäder» wollte Riina den Staat an den Verhandlungstisch bomben – und zu einem Waffenstillstand bewegen. Die Strategie scheiterte, weil Riina am 15. Januar 1993 nach jahrelanger Flucht endlich verhaftet werden konnte. Er wurde zu 13 Mal lebenslänglich verurteilt.

Riina hat nicht nur jahrelang geschwiegen, sondern seine Taten auch nie bereut: «Sie werden mich niemals brechen, selbst wenn sie mir 3000 Jahre geben.»

Am 15. Januar 1993 wurde Riina in Palermo von Carabinieri verhaftet. (Bild: Ansa/EPA)

Am 15. Januar 1993 wurde Riina in Palermo von Carabinieri verhaftet. (Bild: Ansa/EPA)

Salvatore Riina in einer undatierten Aufnahme. (Bild: EPA/ANSA)

Salvatore Riina in einer undatierten Aufnahme. (Bild: EPA/ANSA)

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