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ROMAN: Im Norden nichts Neues

Marco Balzano erzählt die Geschichte des kleinen Ninetto, der, wie so viele, Sizilien verlassen hat, um im Norden Italiens Arbeit und Glück zu suchen.

Ninetto lebt mit Vater und Mutter in einem kleinen Kaff in Sizilien. Man nennt den dünnen Knirps pelleoassa, Hautundknochen, weil er von Brot und Sardellen lebt, weil die Armut so gnadenlos brennt wie die Sonne im Sommer. Ninetto ist neun, als er Ende 1959 San Cono verlässt. Giuvà, um die vierzig, schlägt vor, mit ihm nach Mailand zu fahren. Da habe er Verwandte und Freunde, da sei es nicht so wie «hier in diesem beschissenen Dorf, wo du hackst und hackst, bis du krepierst, ohne je zwei Lire sparen zu können».

Ninettos Mutter hat einen Schlaganfall erlitten, sein Vater freut sich – im Norden werde es eine Zukunft für seinen Sohn geben. Nichts kann Ninetto helfen ausser ein paar Primarschuljahre bei seinem geliebten Lehrer Vincenzo, der ihm ein Tagebuch mit auf die Reise gibt.

Doch ein Paradies ist Mailand nicht: grau, neblig, öd, voller rennender Menschen, die nicht grüssen. Die Sozialwohnung im Bienenstock, wo sie unterkommen, ist von einer «schrecklichen Trostlosigkeit», und die misstrauischen Mailänder nennen ihn napulì, obwohl Ninetto nie in Neapel gewesen ist. Gleich am nächsten Tag stellt er sich auf die Strasse und sucht nach Arbeit.

Die zuletzt Angekommenen werden diskriminiert

Marco Balzano erzählt die Geschichte in der ersten Person als Rückblende; erst ganz am Schluss kommt Klarheit in die schwierigste Zeit von Ninettos Leben, die ihn ins Gefängnis gebracht hat. Eine Geschichte, wie sie tausendfach vorgekommen ist in Italien.

Balzano, selbst Sohn von Süditalienern, die im Norden ein Auskommen gesucht haben, hat solche alten Männer interviewt, hat sie von ihrer schwierigen, aber auch abenteuerlichen Kindheit erzählen lassen, von der eintönigen Fabrikarbeit in Mailand, Turin, Genua. Er sei in «eine manchmal mythisierte, manchmal schmerzliche Erinnerung» eingedrungen, schreibt Balzano: erst Begeisterung und oft naive Erwartungen, dann verlegenes, nicht selten trauriges Schweigen.

Marco Balzanos Thema ist aber nicht nur die Binnenemigration, die Kinderarbeit und das Elend. Er fragt in seinem Buch: Was bedeutet Herkunft, Heimat? Und Ninetto bleibt ein Verlierer. Er sieht, wie neue Menschen aus Nordafrika oder dem Balkan kommen und ebenso an den Rand gedrängt werden. Ist dies das Schicksal des zuletzt Angekommenen?

Maja Pflug hat den 2014 erschienen Roman einfühlsam und mit viel Gefühl für die sprachlichen Zwischentöne übertragen.

Dieter Langhart

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