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ROMANCE-SCAMMING: Fiese Betrüger: Wenn das Herz gebrochen und das Bankkonto leer ist

Betrügern auf den Leim zu gehen, ist oft teuer und immer ärgerlich. Fällt man zudem auf vorgetäuschte Liebe herein, wird es richtig bitter. Scham und Selbstzweifel plagen die Opfer solcher Internetgaunerei, die aktuell rasant zunimmt.
Natalie Ehrenzweig
Die Sehnsucht nach Bindung eiskalt auszunutzen, ist schamlos und bösartig. Die Opfer sind traumatisiert und kämpfen um ihre Selbstachtung. (Bild: Getty)

Die Sehnsucht nach Bindung eiskalt auszunutzen, ist schamlos und bösartig. Die Opfer sind traumatisiert und kämpfen um ihre Selbstachtung. (Bild: Getty)

Natalie Ehrenzweig

Es beginnt mit einem Lächeln. Anitas* (54) Lächeln fällt Brad auf dem Berufsnetzwerk Xing auf, während er auf der Suche nach einem Kollegen ist – so schreibt er. Damals liegt Anitas Lebensgefährte schon länger im Sterben, sie lebt mit ihren zwei fast erwachsenen Söhnen zusammen und geht ihrem Beruf nach. Das Kompliment schmeichelt Anita und der unverbindliche Kontakt zum Witwer, der Vater einer Tochter ist und aus Atlanta in den USA stammt, nimmt rasch an Intensität zu. Sie tauschen Telefonnummern, die Whatsapp-Nachrichten gehen hin und her wie bei einem Pingpong-Spiel.

Brad ist überzeugt, dass Gott dafür gesorgt hat, dass er Anita schreibt: Sie sei die wichtigste Person in seinem Leben, sein Leben sei unvollständig ohne sie. Bereits nach kurzer Zeit schreibt Anita, dass es wundervoll ist, sich geliebt zu fühlen, und im Herzen berührt. Nur schreibend und telefonierend hat das junge Paar Kontakt, doch beide wollen sich unbedingt treffen. Nach einigen Wochen schlägt Anita vor, sich in Edinburgh zu treffen, wo Brad beruflich zu tun hat. Sie freuen sich beide ungemein, fiebern den gemeinsamen Tagen entgegen, malen sich aus, wie sie die Zeit verbringen möchten. Doch dann passiert es: Brad muss kurzfristig in die Türkei, gerade als Anita den Flug gebucht hat. Er muss ­ dort geschäftliche Probleme klären. Er braucht Geld.

Hals über Kopf verliebt – ohne die Person je gesehen zu haben

«Ich war durchaus misstrauisch. Ich habe zum Beispiel gecheckt, ob er das Hotel in Edinburgh wirklich gebucht hat. Hatte er», erzählt Anita. Immer wieder fragt sie nach, wenn ihr etwas nicht geheuer ist. Aber Brad hat stets eine Erklärung parat. Obwohl Anita und Brad über ein knappes Jahr eine Beziehung führen, sehen sie sich nie. Trotzdem ist Anita Hals über Kopf verliebt, ist besorgt um ihren Liebsten und seine Tochter. Und die Tochter wird ihr zum Verhängnis. Brad braucht für sie knapp 5000 Franken. Anita hält es nicht aus, ihrer neuen Liebe die Hilfe zu verweigern. «Ich hätte wohl noch viel mehr bezahlt, wenn ich schneller zu Geld gekommen wäre», räumt sie ein. Nach einigen Versuchen, sich zu treffen, und nach vielen privaten und geschäftlichen Katastrophen bei Brad, wird Anita immer misstrauischer. «Ein Bekannter war in Atlanta. Ich bat ihn, bei Brads Adresse vorbeizufahren. Da wohnte er aber nicht», so Anita.

Bettina* (44) erzählt eine ähnliche Geschichte. Alex aus Florida suchte auf Facebook nach einem Freund und stiess auf ihr Foto. Nach einigen Wochen, in denen die beiden intensiven Kontakt ­haben und Bettina sich total in den amerikanischen Gebrauchtwagenhändler verliebt, braucht Alex 240 Franken für seine Tochter. Alex’ komplexe Geschäfte in dubiosen Ländern führen dazu, dass er noch mehr Geld braucht. Bettina will ihrer neuen Liebe helfen. «Ich war schon länger Single. Es soll ja passieren, dass sich Menschen auf Facebook treffen und verlieben. Aber Liebe macht blind», schreibt sie. Sie nimmt Kredite auf und löst eine Versicherung auf. Total schickt sie Alex etwa 86 000 Franken.

Das sogenannte Romance-Scamming gehört zum Deliktbetrug. Bei Fedpol können solche Internetbetrügereien gemeldet werden. «2015 hat Fedpol 81 Meldungen zu Romance-Scam erhalten, 2016 waren es 140. Die Meldungen sind aber nur die Spitze des Eisbergs, wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Da es um Lust und Scham geht, werden nur wenige Fälle gemeldet», sagt Lulzana Musliu, Mediensprecherin Fedpol. Die Betrüger sind oft keine Einzeltäter: «Nicht selten handelt es sich bei den ­Tätern um organisierte Banden. Diese stammen beispielsweise aus Ghana, Elfenbeinküste, Nigeria, aber auch aus den Philippinen, Russland, Frankreich oder England», weiss Urs Wigger, Mediensprecher Luzerner Polizei. Bei der jeweiligen Kantonspolizei sollte so ein Betrug angezeigt werden. Gefasst werden die Täter selten: «Da E-Mails, Telefonnummern und Profile gefälscht beziehungsweise anonymisiert sind, die Zahlungen meist über Geldtransfer-Services erfolgen und der Geldfluss nicht nachverfolgt werden kann, ist es praktisch unmöglich, die Täter zu eruieren. Zudem operieren diese aus Internetcafés und von falschen Social Media Profiles meist ausländischer Rechtshoheit.»

Als Bettina bei der Polizei sitzt, mit allen ausgedruckten Mails, sorgt sie sich immer noch um Alex. «Ich fragte den Polizisten, ob es nicht möglich wäre, dass Alex einer Betrügerbande in die Fänge geraten sei. Der Polizist schaute mich an: «‹Sie glauben wirklich daran, dass es diesen Mann gibt?› Ich sagte ja und weinte noch mehr», erinnert sie sich. «Eine solche Enttäuschung bedeutet eine massive seelische Verletzung und kann völlig den Boden unter den Füssen wegreissen. Schock und Scham sind enorm. Starke Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Einschätzungen sind die Folge. Das Selbstvertrauen erleidet einen schweren Schlag», beschreibt Margarethe Letzel, Psychologin, die Gefühle der Opfer. So geht es auch Anita: «Ich bin in ein tiefes Loch gefallen, war sehr wütend auf mich selber. Ich musste mir von der Arbeit eine Auszeit nehmen, war total apathisch, habe nur geschlafen und mir 18 Kilo angefressen.»

Die Überweisung? In Russland versandet

Während Bettina sich ihren Eltern offenbart, ihre Kredite und Schulden abzahlen muss und in Therapie ist, recherchiert Anita mittlerweile: «Ich habe die Spur der Überweisung verfolgt, sie ist in Russland versandet.» Inzwischen gibt sich Anita als potenzielles Opfer aus und lockt Täter mit der Polizei in die Falle: «Es wurden dank meiner Hilfe zum ­Beispiel 27 Leute in Lagos verhaftet.» Ausserdem engagiert sie sich als Moderatorin für die Schweizer Betroffenen im Forum www.romancescambaiter.de . Durch diese Arbeit weiss sie von Opfern, die ihren Job verloren haben, Geld unterschlugen und bis zu 150 000 Franken an virtuelle Liebhaber überwiesen.

Blind vor Liebe, das ist den Opfern gemeinsam – Frauen wie Männern. Tausende Franken werden an eine Person überwiesen, die man noch nie gesehen hat. Wie kann es so weit kommen? «Ausgangspunkt ist das Grundbedürfnis, für jemanden bedeutsam zu sein, die Sehnsucht nach Liebe und Beziehung. Je grösser die Sehnsucht, desto stärker der Wunsch, einfach zu vertrauen», erläutert die Psychologin. Der Bildschirm, in den man Nachrichten tippt, sei wie ein leeres Blatt: Man könne sich das Gegenüber zusätzlich zu dessen charmanten Äusserungen nach den eigenen Bedürfnissen ausmalen. «Zudem schafft das Tippen am heimischen Computer privaten Raum. Räumliche Intimität begünstigt gedankliche Intimität. Man liefert dem Betrüger rasch Material», so Letzel. Das Geld ist meist futsch. Selbstachtung und Selbstvertrauen auch. Um zu heilen, müsse man die erlittenen seelischen Verletzungen ernst nehmen. Jemanden einzuweihen, könne entlasten. Auch, professionelle Hilfe zu organisieren. Eine Anzeige sei eine Strategie, sich zu wehren. Die Psychologin: «Sich eine Beziehung zu wünschen und das zu zeigen, das ist stark. Fehler zu machen, ist normal. Entscheidend ist, sich nicht brechen zu lassen.» Das sieht Anita ähnlich: «Man sieht sich immer zweimal im Leben» – und wenn nicht Brad persönlich, dann all die stellvertretend, die Anita mit Hilfe der nigerianischen Ermittlungsbehörden EFCC ins Gefängnis bringt.

*Namen von der Redaktion geändert

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