RUSSLAND: Schlimmstes Unwetter seit 1904

Die Zahl der Todesopfer nach dem Unwetter in Moskau vom Montag ist auf 16 gestiegen. Viele Menschen klagen über fehlende Warnungen der Behörden vor der drohenden Naturkatastrophe.

Stefan Scholl, Moskau
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Die Fahrer dieser Autos in Moskau hatten noch Glück im Unglück: Ein Baum krachte auf die Autodächer. In der russischen Hauptstadt und ihrer näheren Umgebung sind durch das Unwetter über 2 (Bild: Sergey Vedyashkin/AP (Moskau, 29. Mai 2017))

Die Fahrer dieser Autos in Moskau hatten noch Glück im Unglück: Ein Baum krachte auf die Autodächer. In der russischen Hauptstadt und ihrer näheren Umgebung sind durch das Unwetter über 2 (Bild: Sergey Vedyashkin/AP (Moskau, 29. Mai 2017))

Stefan Scholl, Moskau

Aus dem 19. Stockwerk sah es zuerst wie ein grosser Spass aus: «Schau, Mama, was für ein Regen!», jubelte die 7-jährige Marina vom Balkon. «Aber dann riss der Wind das halbe Blechdach über den Trimmgeräten im Hof ab, es flog hoch in die Luft, dort wirbelten schon alle möglichen Holz-, Papp- und Metallstücke herum», erzählt ihre Mutter Vera Wolodina.

Am Montag wurde der Grossraum Moskau von einem Unwetter heimgesucht, das Augenzeugen und Medien als Apokalypse bezeichneten. Der Sturm forderte laut der Agentur Ria Nowosti 16 Todesopfer, 180 Menschen kamen zum Teil schwer verletzt ins Spital. Die Böen erreichten Windgeschwindigkeiten von bis zu 29 Meter pro Sekunde, also fast die Stärke eines Hurrikans, die bei 32 Meter pro Sekunde beginnt. Zahlreiche Moskauer stellten Videos ins Internet: sich losreissende Wellblechdächer und Antennenschüsseln, umknickende Bäume, in die Glaswände von Grossraumbüros krachendes Metall.

Menschen starben durch herumfliegende Bauteile und umkippende Wartehäuschen. In der Vorstadt Ramenskoje wurde ein 11-jähriges Mädchen von einem Baum erschlagen, eine umstürzende Pappel traf eine 20-jährige Rollschuhläuferin tödlich. Es war die schlimmste Naturkatastrophe in Moskau seit 1904. Damals ­waren über 100 Menschen ums ­Leben gekommen.

Die Stromversorgung für 44000 Menschen fiel zwischenzeitlich aus, allein in Moskau wurden etwa 2000 Autos und 250 Häuser beschädigt, auch das Dach des Amtsgebäudes Wladimir Putins im Kreml. Über 27000 Bäume stürzten um.

Hochhäuser steigerten die Windgeschwindigkeit

Wie der Meteorologe Jewgeni Tischkowez der Zeitung «Moskowski Komsomoljez» sagte, kam der Sturm durch den Zusammenprall einer nordatlantischen Warmfront mit kalten Luftmassen über Zentralrussland zu Stande. Sein Kollege Michail Lokoschtschenko erklärte, die in Moskau zu Tausenden konzentrierten Hochhäuser hätten durch ihre Aerodynamik die Windgeschwindigkeit noch um 10 Meter pro Sekunde gesteigert.

Kremlsprecher Dmitri Peskow und Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin sprachen den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus. Jede Familie soll mit umgerechnet knapp 17000 Franken entschädigt werden.

Nach Ansicht der Meteorologen war der Sturm, der gegen 15 Uhr Ortszeit ausbrach, noch am Morgen in seiner Stärke nicht vor­hersehbar gewesen. Ein Sprecher des Katastrophenschutzministeriums versicherte dem Nachrichtenportal «meduza.io», man habe über die Medien und per SMS-Nachrichten alle Bürger gewarnt. Allerdings stellte sich bei einer Facebook-Umfrage der russischsprachigen BBC heraus, dass nur ein Bruchteil ihrer Nutzer SMS-Warnungen erhalten hatte. Nun streiten Katastrophenschützer und Mobilfunkfirmen, wer dafür verantwortlich ist.

Die Radiojournalistin Anastasia Winogradowa aber schrieb auf Facebook, auch der offizielle Twitter des Katastrophenschutzministeriums habe den drohenden Sturm verschwiegen. «Gott gebe, dass diese tödliche Lehre irgendwie das Bewusstsein der Menschen ändert, die für unsere Sicherheit verantwortlich sind.»