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SACHBUCH: Der Selfiestick als Monstranz des Narzissmus

Sie heissen Joe Ackermann, Sepp Blatter oder Lance Armstrong. Ihr Aufstieg ist ebenso wenig Zufall wie ihr tiefer Fall. Das legt Roger Schawinski in einem Buch dar.
Rolf App
Sein Kopf dreht Sätze automatisch um – auch ohne Spiegel: Fabio Antinori in seiner Wohnung in Buchrain. (Bild Pius Amrein)

Sein Kopf dreht Sätze automatisch um – auch ohne Spiegel: Fabio Antinori in seiner Wohnung in Buchrain. (Bild Pius Amrein)

Schawinski kennt sie fast alle. Er hat sie im Studio befragt, hat mit ihnen Geschäfte getätigt oder ist ihnen sonst begegnet. Gerade hat er sich einen Platz gesichert im Grand Hotel Kronenhof in Pontresina, um Lance Armstrong reden zu hören, den «erfolgreichsten Radrennfahrer aller Zeiten». Als Armstrongs Tischnachbarin kurz verschwindet, ergreift Schawinski die Chance und setzt sich neben den Mann, der eine tödliche Krankheit überwunden, einzigartigen Ruhm geerntet und tief gefallen ist. Und der heute in der Welt herumtingelt, um jene hundert Millionen Dollar aufzutreiben, die sein langjähriger Sponsor zurückverlangt, nachdem Armstrongs Doping aufgedeckt worden ist.

Eine Krankheit der Gesellschaft

Diesen Mann nun fragt Schawinski, welches sein grösster Fehler gewesen sei. Lance Armstrong antwortet nicht, dass er gelogen und betrogen habe. Er sagt: «Dass ich in den Rennsport zurückgekommen bin. Hätte ich dies nicht getan, wäre ich noch immer der bedeutendste Radrennfahrer der Geschichte.»

Etwas Ähnliches sagt Sepp Blatter, als er vom Fifa-Olymp stürzt. «Narzissmus» heisst die Krankheit, die Schawinski da diagnostiziert und der er im Buch anhand diverser Fallstudien von Josef Ackermann bis Jörg Kachelmann und Pablo Escobar bis Daniel Vasella nachgeht. Er beschreibt lauter Ehrgeizige, die auch im Erfolg grenzenlos ruhmsüchtig bleiben.

Es ist, stellt Schawinski keineswegs als Erster fest, ein «Zeitalter des Narzissmus», in dem wir leben. Denn die Menschen, die so extrem egozentrisch sind wie die von ihm Porträtierten, finden in einer Welt von Geltungssüchtigen ein wohl bestelltes Feld. Schawinski zitiert Studien, denen zufolge Studenten in den USA heute markant tiefere Empathiewerte aufweisen als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Und er stellt fest, der Hang zum Narzissmus sei ausgeprägt bei den zwischen 1980 und 2000 Geborenen. «Sie sind als Digital Natives durch die grundlegende Veränderung ihrer Kommunikationsformen anfällig.»

Narzissmus als Plombe

Man fragt sich, warum das so ist. Warum in seinen Worten der Selfiestick «die Monstranz des heutigen, schamlos präsentierten Narzissmus ist». Und erwartet sich vom Psychiater Mario Gmür Auskunft, mit dem Schawinski spricht, nachdem er seine Narzissten-Promis abgearbeitet hat. Doch geht es da zuallererst um ein verändertes psychiatrisches Klassifikationssystem und weniger um den Tiefenblick in die Gesellschaft.

Gmür sagt gewiss interessante Dinge. Etwa, indem er den Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler zitiert, dem zufolge das narzisstische Symptom «gewissermassen eine Plombe ist, die dazu dient, eine narzisstische Lücke – also ein Selbstdefizit – aufzufüllen». Menschen mit narzisstischem Charakter «neigen vor allem dazu, andere Menschen als ihr erweitertes Selbst zu betrachten, sie zu beherrschen und sie zu manipulieren, sie gewissermassen als ihren eigenen Besitz zu beanspruchen».

Sepp Blatter im Chäs-Lädeli

Was sich da im konkreten Fall abspielt, zeigt Schawinski anschaulich. So beschreibt er, wie Sepp Blatter sogar das Chäs-Lädeli im Zürichberg-Quartier zu seiner Bühne macht oder wie er sich in seinem riesigen Büro benimmt, ein ausgebuffter Menschenkenner, der den Besucher mit Charme, Charisma und Weisswein für sich einnimmt.

Wie solche Leute funktionieren, ist interessant. Noch wichtiger wäre gewesen, Schawinski hätte an ihrem Beispiel die Gesellschaft einer näheren Betrachtung unterzogen. Denn behaupten kann sich der Narzisst nur, solange es Menschen gibt, die ihm folgen und die ihn bewundern. Was man zum Beispiel in Schawinskis Beschreibung der Begegnung mit Lance Armstrong deutlich spürt.

Rolf App

Roger Schawinski: Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern. Kein & Aber, 218 Seiten, ca. Fr. 26.–.

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