SBB: Gotthard-Strecke: Zugpersonal und Kunden platzt der Kragen

Wegen Verspätungen und technischer Probleme im Gotthard-Bahnverkehr lassen die Kunden ihren Frust immer mehr an Zugbegleitern aus. Diese wenden sich jetzt an die SBB-Direktion.

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Ein Lokführer passiert auf der Gotthardstrecke bei Wassen einen Schnellzug der SBB. (Bild: Keystone)

Ein Lokführer passiert auf der Gotthardstrecke bei Wassen einen Schnellzug der SBB. (Bild: Keystone)

Gerhard Lob, Bellinzona

Dicke Post für Jeannine Pilloud: Das Zugpersonal der Eisenbahnergewerkschaft SEV, Sektion Tessin, bemängelt in einem geharnischten Brief an die Chefin von SBB-Personenverkehr unhaltbare Zustände im Fernverkehr auf der Gotthard-Bahnstrecke. «Wir wollen nicht länger Blitzableiter für die Klagen der Kunden sein», heisst es in einer Mitteilung von gestern Donnerstag.

Erstaunlicherweise ist es gerade das neue Rollmaterial, das die Wogen hoch gehen lässt. Die modernen Triebzüge des Typs ETR 610, Nachfolger des Pannenzugs Cisalpino, sehen zwar schnittig aus, entsprechen aber nicht den Erwartungen. «Die Kunden klagen über den Ausfall der Klimaanlage, üblen Gestank in den Wagen, Probleme mit den WCs und technische Probleme im Speisewagen«, hält Gewerkschaftssekretär Angelo Stroppini fest. Dazu kommen noch häufige Verspätungen im Gotthardverkehr zwischen Luzern/Zürich und dem Tessin sowie in Gegenrichtung.

Längere Reisezeiten

Tatsächlich sind Zugsausfälle, Verspätungen und damit gebrochene Anschlüsse sowohl in Arth-Goldau als auch in Bellinzona seit einiger Zeit an der Tagesordnung. Die Reisezeit verlängert sich dann schnell um eine halbe oder sogar ganze Stunde. Die Kunden lassen ihren Frust am SBB-Zugpersonal ab, das für die technischen Probleme keine Verantwortung trägt.

Dazu kommt laut SEV, dass auch das mobile Informationssystem für Kundenkontakte (Miku) nicht gut funktioniert. Die Auskünfte des Personals sind somit nicht immer verlässlich, manchmal innerhalb von Minuten sogar widersprüchlich. «Für das Personal ist dies peinlich», hält der SEV fest.

Pro Bahn Schweiz (PBS) als Vertretung der Kunden bemängelt bereits seit einiger Zeit, dass die Qualität des gegenwärtigen Angebots durch den Gotthard unakzeptabel sei. «Dies betrifft im Übrigen nicht nur den internationalen Verkehr, es sind also nicht immer die ‹bösen Italiener›, welche an den Missständen schuld sind», meint PBS-Präsident Kurt Schreiber.

Die SBB räumen ihrerseits Schwierigkeiten mit der Pünktlichkeit bei den Eurocity-Zügen auf der Gotthard-Achse ein, verweisen aber vor allem auf bereits verspätet eintreffende Züge aus Italien. Aufgrund von Baustellen bestünden verschiedene Langsamfahrstellen auf der Gotthard-Achse. «Deshalb können die importieren Verspätungen nicht aufgeholt werden», hält SBB-Sprecher Reto Schärli fest. Probleme mit der Neigetechnik des ETR 610 sind ebenfalls aufgetaucht. «Wir arbeiten mit Hochdruck an Lösungen zusammen mit der Herstellerin Alstom», so Schärli.

Basistunnel stabilisiert Fahrplan

Der Gotthard-Bahnverkehr zwischen Mailand/Chiasso steckt seit Jahren in der Krise. Zu hoffen bleibt, dass mit der Inbetriebnahme des neuen Gotthard-Basistunnels im Dezember 2016 sich zumindest der Fahrplan stabilisiert. Beim Rollmaterial braucht es Geduld. Die 29 von den SBB für den Gotthard-Verkehr beim Ostschweizer Hersteller Stadler bestellten Triebzüge ETR 250 «Giruno» werden erst ab Dezember 2019 im Einsatz sein.