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SCHAUSPIELER: «Wir haben zu wenig Platz»

Mike Müller macht neben «Der Bestatter» und «Giacobbo/Müller» auch wieder Theater. «A 1 – Ein Stück Schweizer Strasse» heisst sein neues Stück. Bei den Recherchen landete er in einer Arrestzelle.
Interview Julia Stephan
«Ich kann problemlos viele Dinge gleichzeitig machen.» (Bild Dominik Wunderli)

«Ich kann problemlos viele Dinge gleichzeitig machen.» (Bild Dominik Wunderli)

Interview Julia Stephan

Mike Müller, ist Autofahren etwas Emotionales für Sie?

Mike Müller: Autofahren ist immer emotional. Jeder Versuch, ein Auto vernünftig anzuschauen, muss scheitern.

Warum das?

Müller: Weil Autos per se unvernünftig sind. Benzinmotoren sind überhaupt nicht effizient. Ausserdem braucht kein anderes Verkehrsmittel so viel Platz. Aber klar, auch ich fahre gerne Auto.

Wenn Menschen über ihre Autos reden, hat man oft das Gefühl, es handle sich um Familienmitglieder ...

Müller: So extrem war ich nie! (Lacht.) Ich hatte lange nicht einmal ein eigenes. Die meisten waren günstige Occasionen.

Aber an Ihr erstes Auto erinnern Sie sich noch?

Müller: Das war ein Citroën BX, eine bezahlbare Familienkutsche. Coole Karre.

Für Ihr Bühnenstück «A 1 – Ein Stück Schweizer Strasse» haben Sie viel auf und neben der Strasse recherchiert. Mit Ihrem Bruder Tobi sind Sie an zwei Tagen die ganze A 1 abgefahren. Das sind rund 410 Kilometer durch neun Kantone. Wie gingen Sie da vor?

Müller: Wir haben an jedem Rastplatz angehalten. Dort haben wir vereinbarte Interviews geführt, aber auch spontan mit Menschen gesprochen – mit Reisenden, LKW-Fahrern, Grenzwächtern, Behörden, Experten. Auch der Immobilienmanager der Raststätte Würenlos, die jeder unter dem Namen «Fressbalken» kennt, war darunter. Los ging es an der Grenze bei St. Margrethen, Schluss war in Genf. Mit den Interviews im Vor- und im Nachfeld waren das rund 50 Gespräche.

In der «NZZ am Sonntag» hat Ihr Bruder Tobi verraten, Sie seien bereits bei St. Margrethen in der Arrestzelle gelandet. Wie kams dazu?

Müller: Das wird Teil des Bühnenprogramms sein! (Lacht.) Der dortige Grenzwächter schlug vor, mich wie einen aus Österreich Einreisenden zu kontrollieren. Er wollte meinen Kofferraum sehen und behauptete, das darin befindliche Mikrofon sei eingeführt und zu verzollen.

Er hat sich einen Spass mit Ihnen erlaubt!

Müller: Ja, ich war kurz vorm Loslachen – und das vor laufender Kamera! Er hats dann knallhart durchgezogen.

Mussten Sie draufzahlen?

Müller: Nein! Er wusste ja, dass wir das Teil von Zürich her dabeihatten. Darauf wollte er wissen, ob ich Betäubungsmittel bei mir hätte. Ich verneinte, kam komischerweise trotzdem ins Grübeln. Der Grenzwächter machte einen Drogenschnelltest und meinte dann (Müller wechselt in den St. Galler Dialekt): «Sieht nicht gut aus für Sie, Herr Müller.» Plötzlich fühlte ich mich wie ein Bub auf dem Polizeiposten. Dann steckte er mich in die Arrestzelle. Nach drei Minuten kam er zurück und meinte: «Ein bisschen Angst hast du schon gehabt, gell?»

Was viele nicht wissen: Ihr Bruder Tobi ist Journalist. Äusserlich sind Sie grundverschieden. Und sonst?

Müller: Wir sind unterschiedlich, haben aber ein paar Macken und familienbedingte Schwächen gemeinsam. Bei den Recherchen zum Stück führte mein Bruder ganz anders Interviews als ich. Als Journalist recherchiert er genauer. Als langjähriger Theaterkritiker ist ihm aber auch mein Business nicht fremd.

Warum die A 1? Die Schweizer identifizieren sich doch viel eher mit ihrem Bahnnetz. Oder mit dem Verkehr auf der Nord-Süd-Achse ...

Müller: Wir suchten nach Themen, die am Wabern sind, ohne dass eine tagesaktuelle politische Debatte sie überformt. Die Medien interessieren sich hauptsächlich für die Nord-Süd-Achse, obwohl die im Jahresschnitt so frequentiert ist wie die Hauptstrasse von Flawil. Die von Nordosten nach Südwesten verlaufende A 1 hingegen ist die am stärksten befahrene Autobahn der Schweiz, und die älteste dazu! Da geht die Post ab!

Politische Debatten übers Schweizer Strassennetz gibts doch genug.

Müller: Solche Debatten waren für uns nicht so entscheidend, wichtig war folgende Beobachtung: Wenn irgendwo eine neue Bahnstrecke eingeweiht wird, sind alle vor Ort – die Regierung und alle Medien des Landes. Wird ein Autobahnstück in Betrieb genommen, wird das in der «Tagesschau» höchstens vermeldet. So etwas feiert man nicht mehr. Man schämt sich dafür. Warum das so ist? Das wollten wir herausfinden.

Züge sind umweltfreundlicher ...

Müller: Die Bahn ist nicht so umweltfreundlich, wie man allgemein annimmt. Hochgeschwindigkeitszüge sind unökologisch und extrem teuer. Solche vorgeblich klaren Haltungen haben wir von Grund auf hinterfragt. Was nicht heissen soll, dass nicht auch ich für den ÖV bin.

War das Verhältnis zur Strasse früher entspannter?

Müller: Früher träumte der Mittelstand vom Einfamilienhaus und vom eigenen Auto. Man lebte in dieser Wachstumseuphorie. Heute weiss man: Wir haben schlicht zu wenig Platz. Seit dem Bau der ersten Autobahnstrecken in den 1950ern hinken wir mit der Planung hinterher. Ein Beispiel: Der «Fressbalken» in Würenlos wurde 1972 eröffnet. Damals fuhren täglich 20 000 Autos vorbei. Heute sind es 120 000. Man kann gar nicht schnell genug bauen, um das Wachstum aufzufangen. Wäre das der Fall, wäre die A 1 heute zwölfspurig. Dafür gibts weder Geld noch einen politischen Konsens.

Sie wollen mit dem Stück die Vorstellung von Wachstum generell hinterfragen?

Müller: Ja, wir stellten eine in der Politik verbotene Frage: Wie viel können wir noch wachsen? Es gibt keine Partei, die sich mit der Reduktion von Wachstum beschäftigt. Nicht einmal die Grünen tun das. Diese Planlosigkeit führt inzwischen auch zu einer recht grossen Ratlosigkeit.

Haben Sie das bei den Gesprächen herausgehört?

Müller: Ja! Das ging politisch querbeet durch alle Parteien. Eigentlich hat für dieses Problem niemand eine Lösung. Es fluchen zwar alle über den Stau, aber man wird sich daran gewöhnen müssen.

Hat die SVP mit dem Schlagwort «Dichtestress» im Grunde doch die korrekte Zeitdiagnose gestellt?

Müller: Na ja, wenn man Wachstum auf Ausländer beschränkt, ist man noch nicht in der Postwachstumsökonomie angekommen, sondern bleibt beim fremdenfeindlichen Chauvinismus stecken. Das ist durch und durch europäisch und gibt es in jedem EU-Land ganz ähnlich.

Staus haben ja auch etwas Positives. Sie können soziale Begegnungen provozieren. Man ist nicht allein.

Müller: Selten! Klar, es gibt auch Leute, die den Stau anders wahrnehmen. Für den Autoverkäufer ist der Stau ein Grund zu sagen: «Umso wichtiger, dass Sie in einem bequemen Wagen sitzen.» Ein LKW-Fahrer hat mir erzählt, er habe den Stau in Süddeutschland auch schon dazu genutzt, um reinzufahren, weil er am gleichen Abend nicht wieder laden und nach Zürich zurückfahren wollte.

Lernt man eigentlich viel über die Schweiz, wenn man in den Autobahnraststätten entlang der A 1 Kaffee trinken geht?

Müller: Zwei Tage sind nicht wahnsinnig viel, um sich ein Schweiz-Bild zu machen.

Vielleicht liegts auch daran, dass Autobahnraststätten so einen universalen Anstrich haben. Man merkt gar nicht, dass man in der Schweiz ist. Geht Ihnen das ähnlich?

Müller: Ja, das ist wie bei den Innenstädten, da gibts überall die gleichen Geschäfte. Bei den Raststätten ist die Entwicklung ähnlich. Das war nicht immer so, das haben wir auf den Archivbildern gesehen: Früher ass man in einer Raststätte noch richtige Menüs. In Freiburg im Breisgau gabs sogar eine hauseigene Metzgerei.

Man hielt an, um zu schlemmen?

Müller: Ja, Raststätten waren richtige Eventorte. Im «Fressbalken» gabs an Sonntagen sogar Jazzkonzerte. Manche dieser Mittelstandsträume haben bis in unsere Zeit überlebt. Etwa die Idee, als Familie an den Flughafen zu fahren, um Flugzeuge beim Start und beim Landeanflug zu beobachten. Heute halten die Menschen dort Sitzungen ab, weil man sich hier schnell und anonym treffen kann. Ein Grund, warum viele Fussballklubs ihre Sportlertransfers dort beschliessen. Das ist weder anrüchig noch illegal, sondern einfach bequem.

Ein amerikanisches Highway-Erlebnis wird Ihre Fahrt auf der A 1 kaum gewesen sein ...

Müller: Doch! Zwischen Bern und Lausanne. Als Deutschschweizer vergisst man, wie wunderschön die Schweiz dort ist. Zwischen Lausanne und Genf wirds dann wieder schrecklich, dort nutzt man sogar den Pannenstreifen.

Heute verteufeln wir den Beton. Aber hinter den Bauten der 1960er steckten ja auch ästhetische Überlegungen. Haben Sie und Ihr Bruder den Betonwüsten auch so etwas wie Schönheit abgewinnen können?

Müller: Ja! Mein Bruder und ich nennen das Beton-Porno. Wir haben wunderschöne Archivaufnahmen gefunden. Die Fotos zeigen Viadukte, Unterführungen, grosszügig angelegte Autobahnschnecken. Man erkennt darin das, was man damals unter dem von Max Bill geprägten Begriff «die gute Form» verstand, also dieses zeitlose, wohlgeformte Design, das nicht elitär, sondern allen zugänglich sein sollte. Der Schweizer Feller-Lichtschalter ist ein Relikt dieser Zeit. Der ist bis heute der schönste und beste.

Dieses Statement überrascht mich jetzt, nachdem Sie alle Gewissheiten über Bord geworfen haben!

Müller: Ja, jetzt spricht der Chauvinist! (Lacht.) Erst kürzlich musste ich zu Hause einen Lichtschalter auswechseln lassen, da meinte der Stromer: «Bei mir gibts nur Feller. Alles andere taugt zu nichts.» Diese Hochwertigkeit hat auch im Autobahnbau Spuren hinterlassen.

Wodurch ging dieses ästhetische Bewusstsein denn verloren?

Müller: Durch die Ökobewegung. Plötzlich gab es keine gute Form mehr, nur noch eine ökologisch richtige oder falsche. Rückblickend fand ich es eigentlich toll, dass man sich damals noch an der Ästhetik laben konnte, ohne sich zu fragen: Darf man das? Das sieht man auch an den Automodellen dieser Zeit. Die waren einfach schön. Die Formensprache der globalisierten und technisch bestimmten Autos ist längst nicht mehr so spannend.

Hat das Auto als Statussymbol ausgedient?

Müller: Es ist für viele Schichten nach wie vor Statussymbol. Man braucht sich gar nicht über junge Leute lustig zu machen, die ihre Wagen tunen. Es reicht, sich im Zürcher Kreis 5 umzuschauen. Klar, gibts hier mehr Velo­läden als früher. Aber es steht immer noch verdammt viel Kapital vor den Genossenschaftsblöcken. (Lacht.)

In Ihrem letzten Bühnenprogramm «Truppenbesuch» (2013) beschäftigten Sie sich mit der Schweizer Armee. Hat sich Ihre Haltung zum Militär durch die Recherchen eigentlich verändert?

Müller: Auf jeden Fall! Die Schweiz war lange das am stärksten militarisierte Land Europas. Da waren zwangsläufig viel unfähige Leute im Kader. Die Armee ist heute nicht mehr diese blödsinnige Institution aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren. Das merkte ich in Gesprächen mit diesen Leuten. Da waren keine Alkoholiker darunter. Früher gehörten die zum Standard! Heute sind da gescheite Leute am Werk, die offen kommunizieren. Aber Armee bleibt Armee, und ich bin nicht zum Befürworter geworden.

Ihre Anfänge liegen in der freien Theaterszene. Heute nimmt man Sie vor allem als Fernsehsatiriker und als Bestatter in der gleichnamigen SRF-Serie wahr. Stört Sie das?

Müller: Ich kann problemlos viele Dinge gleichzeitig machen. Mich hat die Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur nie interessiert. Ich finde das spiessig. In Zeiten, in denen sich die Sparten vermischen, ist das bildungsbürgerlicher Schrott. Ich bin ja im Grunde ein Kind dieser spartenübergreifenden Entwicklung. Ich komme aus der freien Szene, habe am Schauspielhaus Zürich gespielt und bin doch kein richtiger Ensembleschauspieler.

Warum?

Müller: Einige Genres und Regisseure funktionieren mit mir einfach nicht. ­Meine Kollegen Markus Scheumann und Michael Neuenschwander vom Zürcher Schauspielhaus-Ensemble – beide spielen bei «A 1» mit – sind breiter aufgestellt und können auch mehr. Das merke ich gerade beim Proben.

Die SRF-Serie «Der Bestatter» wurde in die USA und nach Kanada verkauft. Freut Sie das?

Müller: In der Schweiz schwankt man zwischen gnadenloser Selbstverachtung und Grössenwahn. Dazwischen gibt es nicht viel. Wenn etwas in die USA verkauft wird, ist das gleich eine Riesengeschichte. Bei den Käufern handelte es sich lediglich um Onlineportale. Die Amerikaner schauen ja nicht einmal die grossartigen dänischen Serien. Wieso sollten sie sich den «Bestatter» anschauen?

Hat sich Ihre Aargau-Phobie mit den «Bestatter»-Dreharbeiten in Untersiggenthal und Aarau eigentlich gelegt?

Müller: Die Aargau-Phobie hatte ich am Anfang meines Studiums! (Lacht.) In der Provinz grenzt man sich halt ab. Die Solothurner tun das mit den Aargauern. Das ist im Prinzip lächerlich. Klischees stehen einem ja oft im Weg. Natürlich habe ich den Aargau inzwischen anders kennen gelernt. Aber wegen des «Bestatters» sind mir jetzt keine Schuppen von den Augen gefallen.

Die Politsatire «Giacobbo/Müller» gibt es seit 2008. Noch nie über einen Rücktritt nachgedacht?

Müller: Mir machts Spass, sonst würde ich es nicht mehr machen. Sowohl der Sender als auch wir haben jederzeit die Möglichkeit aufzuhören. Im besten Fall merkt man selbst, wenn es so weit ist. Dass man immer wieder über unseren Rücktritt spekuliert, ist ganz normal. Das reiht sich ein in Schlagzeilen wie «Wir haben zu wenig Salz für den Winter» oder «Die Quote ist schlecht». Die «Aargauer Zeitung» schreibt seit Jahren über unsere sinkende Quote. Die müsste inzwischen längst im Minusbereich liegen. (Lacht.)

Hinweis

«A 1 – ein Stück Schweizer Strasse». Uraufführung am 28. Mai im Schauspielhaus Zürich. Regie: Rafael Sanchez. Mit: Mike Müller, Michael Neuenschwander und Markus Scheumann.

«Man kann gar nicht schnell genug bauen, um das Wachstum aufzufangen. Wäre das der Fall, wäre die A 1 heute zwölfspurig»: Mike Müller vor dem Zürcher Restaurant Markthalle. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

«Man kann gar nicht schnell genug bauen, um das Wachstum aufzufangen. Wäre das der Fall, wäre die A 1 heute zwölfspurig»: Mike Müller vor dem Zürcher Restaurant Markthalle. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

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