Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

SCHICKSAL: Reisejournalist trotz Erblindung

Christoph Ammann (60) ist Reisejournalist und seit 7 Jahren blind. Seiner Abenteuerlust tut dies keinen Abbruch. Nur eines wird er nie mehr machen.
Dominik Buholzer
Er erkennt Orte am Geruch- und Geräuschpegel: Christoph Ammann. (Bild: Pius Amrein (Zürich, 22. Februar 2018))

Er erkennt Orte am Geruch- und Geräuschpegel: Christoph Ammann. (Bild: Pius Amrein (Zürich, 22. Februar 2018))

Dominik Buholzer

Es war in Hongkong, als Christoph Ammann seine Reisebegleiter wieder einmal verblüffte. Auch wenn er nichts mehr sieht, so weiss er ganz genau, wo es zum legendären Hotel Peninsula langgeht. Selbst als die Gruppe plötzlich vor einer Absperrung steht, überrascht ihn dies wenig: «Ah, ist die Baustelle noch immer da? Dann lass uns doch den Weg hier nehmen.»

Ammann kennt Hongkong fast wie seine Westentasche. Gegen zehn Mal hat er die ehemalige britische Kronkolonie schon besucht.

Ammann fühlt sich an vielen Orten der Welt zu Hause. Es ist Teil seines Jobs. Seit über 30 Jahren ist er als Reisejournalist tätig, heute für die «Sonntagszeitung» und den Zürcher «Tages-Anzeiger». Ammann zählt in der Schweiz zu den Erfahrensten seiner Branche, und im deutschsprachigen Raum ist er wohl der Einzige, der blind ist.

Starke Lichtquellen sind wahrnehmbar

Seit sieben Jahren nimmt Ammann nur noch Lichtquellen wie Strassenlaternen, den Vollmond oder den Bildschirm des Fernsehers wahr. An manchen Tagen noch die Metallstufen der Rolltreppen – aber auch nur, wenn sie im grellen Licht glänzen.

Dank seinem verlängerten Arm, dem Blindenstock, findet er aber problemlos den Weg von seinem Zuhause in Mar­thalen im Zürcher Weinland auf die Redaktion in der Zürcher Innenstadt. Dort ist er tageweise auf die Hilfe einer Assistentin angewiesen. Auf seinen Reisen auch. Seit ein paar Jahren ist er regelmässig zu dritt unterwegs: mit einer Kollegin und einem anderen Journalisten. Man pflege schon fast ein familiäres Verhältnis, meint er und fügt lachend hinzu: «Und wenn wir mal Meinungsverschiedenheiten haben, ist es wie bei einem ­älteren Ehepaar.»

Unheilbare Degeneration der Netzhaut

Ammann wusste, dass er erblinden würde. Er leidet an Retinitis Pigmentosa, einer unheilbaren Degeneration der Netzhaut. Infolge eines genetischen Fehlers sterben die lichtempfindlichen Zellen am Augenhintergrund ab. Die Folge ist Erblindung. In der Schweiz sind rund 3000 Personen davon betroffen. Retinitis Pigmentosa kann in den Jugendjahren auftreten oder im mittleren Lebensalter. Letzteres war bei Christoph Ammann der Fall. Ursache kann eine spontane Mutation sein. Bei Christoph Ammann war es die andere: Vererbung. Schon sein Vater Theo verlor wegen Retinitis Pigmentosa sein Augenlicht.

Theo Ammann war 85 Jahre alt und seit mehr als 20 Jahren blind, als er vor vier Jahren verstarb. Er war Dorflehrer, Lokalhistoriker und Journalist. Von seinem Vater hat Christoph Ammann nicht nur sein Sehleiden geerbt, sondern auch seine Zuversicht. Er sei psychisch einfach gestrickt und nehme sich selber nicht so ernst, sagt er. Zumindest half ihm dies, als er sich mit seiner neuen Situation zurechtfinden musste. «Ein knappes Jahr habe ich mit dem Schicksal gehadert», sagt er. Das war 2011, als er sein Augenlicht definitiv verlor. Die Beeinträchtigungen hatten aber schon viel früher begonnen.

Da waren einmal die Farbstörungen. Ammann sah nur noch grün oder violett. Und dann war fast unmerklich sein Gesichtsfeld kleiner geworden. Das bemerkte er zum ersten Mal, als er noch mit Stulpen und Stollenschuhen auf den lokalen Fussballplätzen in der Region herumrannte. Mit 28 fand sich sein Name das letzte Mal auf einer Aufstellung. «Ich war schon immer jemand, der schnell über seine Füsse fiel», sagt er und gesteht dann: «Ehrlicherweise muss ich sagen, dass nicht nur meine Sehbehinderung den Ausschlag zum Ausstieg gab, sondern meine Talentfreiheit. Ich traf aus 10 Metern hartnäckig die Tannen neben dem Tor», sagt er und lacht.

Angefangen hatte alles nachts. Bereits im Kindesalter stellte man bei ihm Nachtblindheit fest. Und nachdem er mit seiner Mutter beim Augenarzt war, wusste er, dass er das Augenlicht eines Tages ganz verlieren würde. Die Diagnose warf ihn nicht aus der Bahn, er fand sich damit aber auch nicht einfach ab, sondern verdrängte es zuerst einmal. Jahrzehnte lief dies auch gut. Doch dann war er auf einem Familienausflug, und ihm wurde auf einmal sein Schicksal vor Augen geführt.

Es war im August 2010 auf der Autobahn zwischen Maienfeld und der Raststätte Heidiland, als er auf dem Beifahrersitz feststellte, dass er die grossen Buchstaben auf der Anzeigetafel nicht mehr lesen konnte. Er wusste: «Jetzt fängt es an!» Im besten Fall blieben ihm noch drei bis vier Jahre, bis sein Augenlicht gänzlich erlosch. So zumindest hatte man ihm dies gesagt, und so war es auch bei seinem Vater gewesen. Christoph Ammann begann sich auf die Zeit vorzubereiten, richtete auf seinem Computer den Zeitungs- und Zeitschriftenkiosk für Blinde ein. Doch dann ging alles viel schneller.

Innerhalb eines Dreivierteljahres war er blind. Seinen Chef hatte er schon früher informiert, dass er zusehends sein Augenlicht verlieren würde, dass er seinen Job deswegen trotzdem weiterführen möchte. Tamedia, der Verlag, der die «Sonntagszeitung» und den «Tages-Anzeiger» herausgibt, liess Christoph Ammann nicht hängen. Auch gerade wegen seines grossen Wissens. «Ich erlebe ihn als äusserst engagiert und kompetent. Er macht einen super Job, dafür bewundere ich ihn sehr», sagt Arthur Rutishauser, Ammanns heutiger Chefredaktor. Vor ein paar Jahren übertrug man ihm deshalb neben der Leitung der Reiseseiten der «Sonntagszeitung» auch noch jene des «Tages-Anzeigers», die mittlerweile in allen deutschsprachigen Tageszeitungen von Tamedia erscheinen.

Keine Beschreibung von Sonnenuntergängen

Seinen Texten merkt man nicht an, dass Ammann blind ist. Nur eines unterlässt er, seit er sein Augenlicht verloren hat: «Ich verzichte auf die Beschreibung von Sonnenuntergängen. Das wäre nicht ehrlich», meint er. Deswegen verzichtet er unter anderem auch auf Reisen nach Afrika oder in die mongolische Steppe.

Heute weiss Ammann oft, wo er gerade weilt – ganz ohne Sehvermögen. Er erkennt viele Orte an ihrem Geruch und ihrem Geräuschpegel. «Nirgendwo sonst wechseln sich Geruchsschwaden von Marihuana und Waffelbäckereien in so untrüglicher Regelmässigkeit ab wie in Amsterdam. Und untermalt wird das Ganze von den Glockenspielen der Kirchtürme und dem unbarmherzigen Klingeln der Velofahrer», sagt er. Jeder Ort der Welt besitze wohl seine sensorische DNA, glaubt er.

«Max» liest Texte und Mails vor

Es war von Vorteil, dass sich Christoph Ammann schnell mit der neuen Situation und insbesondere dem Computer zurechtfand. Ein Wochenende genügte, und er wusste, wo er welche Taste fand und wie er den Bildschirm durch den Kopfhörer ersetzen konnte. Seither hat er «Max» im Ohr. Die Computerstimme liest ihm Texte und Mails vor oder auch Inhalte im Internet. Zudem entdeckte er die Welt der Hörbücher. 25 bis 40 konsumiert er jährlich – auch angetrieben durch sein grosses Interesse an Geschichtsthemen. Dies war nicht die einzige Veränderung.

«Die Behinderung zwingt mich, schnell zu denken», sagt er. Und mit den Ohren «lese» er mittlerweile schneller und präziser als viele Kollegen, die auf ihre Augen angewiesen sind. Zudem wurde er feinfühliger. Früher habe er Leute oft nach ihrem Äusseren beurteilt. Heute achte er darauf, wie jemand etwas sagt. «Aus der Stimme eines Menschen kann ich mehr über dessen Stimmung heraushören als über seine äusserliche Erscheinung», sagt er.

Seine Empathie zeichnet ihn aus. «Christoph achtet durch seine Blindheit auf viele Details und entdeckt auf Reisen so möglicherweise mehr als manch Sehender», sagt Prisca Huguenin-dit-Lenoir. Die Kommunikationschefin des Schweizer Reiseanbieters Hotelplan beeindruckt aber noch etwas anderes: «Christoph Ammann lässt sich von nichts beeinträchtigen. Von seiner Selbstständigkeit könnten sich zum Teil auch Sehende etwas abschneiden», betont sie.

Auf Medienreisen würde er jeweils seinen eigenen Weg finden. «Wenn wir ihn beispielsweise auf einem gemeinsamen Pressetrip zu Beginn durch sein Hotelzimmer führen wollen, so dass er sich leichter orientieren kann, hat er sich bereits selber mit dem Concierge arrangiert», erzählt sie. Auch bei Stadtführungen ist sie immer wieder von neuem beeindruckt, wie sich Christoph Ammann orientiert. Er taste beispielsweise bei Kirchenbesuchen das Modell ab, um so ein förmliches Bild zu bekommen. Zudem lausche er den Ausführungen sehr viel aufmerksamer als manch Sehender.

Eishockeymatch als Fest für die Sinne

Auf Recherche ist Christoph Ammann eh am liebsten. Aus diesem Grund wird er in der kommenden Woche auch an der ITB in Berlin, der weltweit grössten Tourismusmesse, wieder anzutreffen sein. Schon über 30 Mal hat er die ITB besucht. Nicht weil er ein grosser Fan von Messen wäre, sondern weil er hier innerhalb von zwei Tagen schnell und unkompliziert die Vertreter der verschiedenen Destinationen treffen kann. Er holt sich dort Inputs, pflegt Beziehungen und bespricht Projekte.

Natürlich kommt ihm zugute, dass er einmal gesehen hat. «Ich weiss, was gemeint ist, wenn mir jemand etwas beschreibt», sagt er. Aber nicht nur auf seinen Reisen will er möglichst viel über sein Umfeld wissen. Auch Anfang Jahr, als er das Hockeyderby zwischen dem SC Bern und den SCL Tigers besuchte, liess er sich die Szenerie genau beschreiben. Ein Fest für die Sinne sei dies gewesen, schrieb er später im Mitgliedermagazin des SC Bern.

Christoph Ammann war vor 34 Jahren das erste und vorerst letzte Mal im Berner Hockeytempel gewesen. Denn noch mehr als für Hockey schlägt sein Herz für den Fussball, besonders für den FC Zürich und den FC Schaffhausen. Das letzte Fussballspiel live (3. Liga) hatte er mit schon nachlassender Sehkraft im ­August 2010 verfolgt.

Fotos von Frau und Kindern

Im Herbst 2015 war er dann doch als Blinder auf der Stehrampe des Signal-Iduna-Parks, des grössten Fussballstadions Deutschlands, beim Spiel zwischen Borussia Dortmund und SC Paderborn. Seither verfolgt er die Spiele im Internet und am Radio. Er weiss über jedes Resultat und jeden Transfer Bescheid. Nur die Tore könne er halt nicht mehr sehen, bedauert er. Für diese muss er auf seine Erinnerung zurückgreifen. Genauso wie auf das Bild seiner Frau und seiner beiden Töchter, die für ihn die wichtigste Stütze sind. Christoph Ammann: «Ich sehe sie noch immer so, wie sie vor sieben Jahren ausgesehen haben.»

Christoph Ammann mit Reisebegleiterin Vanessa Bay auf Malta. (Bild: Dominik Buholzer (November 2017))

Christoph Ammann mit Reisebegleiterin Vanessa Bay auf Malta. (Bild: Dominik Buholzer (November 2017))

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.