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SCHILDDRÜSE: St. Anna: Strahlend gegen Tumore

Die Hirslanden-Klinik St. Anna in Luzern bietet ab Herbst als Zentralschweizer Neuheit die Radiojodtherapie für die Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen an.
Hans Graber
Wer an Schilddrüsenüberfunktion oder -krebs leidet, kann sich bald auch in Luzern einer Radiojodtherapie unterziehen. Das Foto (gestellte Szene) zeigt das ärztliche Abtasten der Schilddrüse. (Bild: Getty)

Wer an Schilddrüsenüberfunktion oder -krebs leidet, kann sich bald auch in Luzern einer Radiojodtherapie unterziehen. Das Foto (gestellte Szene) zeigt das ärztliche Abtasten der Schilddrüse. (Bild: Getty)

Hans Graber

Das Spurenelement Jod ist für den Menschen unverzichtbar. Erwachsene benötigen täglich 150 bis 200 Mikrogramm, Kinder 100 bis 140. Wir nehmen Jod fast nur über die Nahrung auf. Bei ausgewogener Ernährung ist kein Mangel zu befürchten, zumal in der Schweiz seit 1920 das Speisesalz jodiert ist, seit 2014 mit 25 Milligramm pro Kilo Salz. Wichtige Jodlieferanten sind auch Brot, Milch und Milchprodukte sowie Fisch und Meeresfrüchte.

«Aufgefangen» wird das Jod in der Schilddrüse, jenem kleinen Organ mit der Form eines Schmet­terlings im vorderen Halsbereich. Die Schilddrüse braucht Jod für die Produktion elementarer Hormone, die für fast alle Körperorgane eine spezielle Bedeutung haben und Stoffwechsel, Kreislauf, Gehirn oder auch Wachstum beeinflussen.

Häufige Fehlfunktionen der Schilddrüse

Doch es kann zu Störungen und ernsten Krankheiten kommen. In erster Linie zu nennen sind die Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse – das heisst, sie produziert zu viele oder zu wenige Hormone. Von einer Überfunktion sind bis zu 5 Prozent der Menschen betroffen, von einer Unterfunktion sogar 10 bis 15 Prozent, jeweils mehrheitlich Frauen. Entsprechend ihrer zentralen Wichtigkeit können sowohl Über- wie Unterfunktion eine ganze Reihe von Symptomen hervorrufen (siehe Kasten).

Weit seltener als die Funktionsstörungen sind bösartige Tumore. Schilddrüsenkrebs wird in der Schweiz pro Jahr rund 500 Mal diagnostiziert, das Durchschnittsalter liegt ungefähr bei Mitte 50, betroffen sind wiederum mehrheitlich Frauen. Wie bei fast allen Krebsarten gilt auch hier, dass die Heilungschancen in der Regel umso besser sind, je früher der Tumor entdeckt und behandelt wird. Zudem muss zwischen verschiedenen Formen unterschieden werden, wobei die Prognose bei den häufigsten Formen (papillär und follikulär) im Allgemeinen sehr gut ist.

Präzise eingesetzte Bestrahlung

Ein Pfeiler der Therapie von etwa 80 Prozent der Schilddrüsentumore sowie von Schilddrüsenüberfunktion (nicht aber -unterfunktion) ist die sogenannte Radiojodtherapie. Dabei wird den Patienten einmalig in Tablettenform radioaktives Jod (131-Jod) verabreicht. Da auch dieses Jod nahezu ausschliesslich von der Schilddrüse aufgenommen wird, kommt es durch die zielgenau eingesetzte und exakt dosierte Radioaktivität zu einer lokalen Bestrahlung und der Vernichtung von Schilddrüsenzellen. Umliegendes gesundes Gewebe wird durch Radiojod nicht unnötig beeinträchtigt.

Ein Medikament zu schlucken, ist einfach. Das Problem stellt sich vielmehr, dass die Mitmenschen vor dem «strahlenden Patienten» geschützt werden müssen. In der Schweiz wie auch in vielen anderen Ländern Westeuropas sind die Bestimmungen recht rigide, anderswo – zum Beispiel in den USA oder in Australien – sieht man die Sache lockerer, zum Teil wird die Therapie gar ambulant durchgeführt.

Bisher meist in Universitätsspitälern

Bei uns jedoch soll jedes auch noch so minime Gefährdungspotenzial möglichst ausgeschlossen werden können. Deshalb ist die stationäre Variante vorgeschrieben. Nötig sind spezielle, gegen Strahlung mit Blei geschützte Stationen. Diese gibt es bislang in der Zentralschweiz nicht. Betroffene müssen in der Regel in die Uni-Spitäler Zürich, Basel oder Bern, um sich dort der Therapie unterziehen zu können.

Die Lücke schliesst nun die Hirslanden-Klinik St. Anna. Ab Herbst 2017 können Zentralschweizer Patienten mit Schilddrüsenkrebs oder -überfunktion in Luzern behandelt werden. In den kommenden Monaten wird eine Radiojodtherapie-Station aufgebaut. Vorgesehen sind zwei spezielle Zimmer. Designierter Leiter der Station per 1. Juni ist ­Janusch Peter Blautzik, der jetzt noch in der Nuklearmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München tätig ist.

Wo genau im Luzerner Klinik-­komplex die neue Station untergebracht sein wird, ist noch nicht ganz klar. «Aufgrund des Bleimantels muss der Unterbau einiges aushalten», sagt Udo Schirp, stellvertretender Chefarzt des Instituts für Radiologie und Nuklearmedizin der Klinik St. Anna.

Da den Patienten keine Besuche erlaubt sind, soll unter anderem die schöne Aussicht über den See für Kurzweil sorgen. Auch Bücher und andere Medien werden hilfreich sein, die paar Tage Isolation nutzvoll verstreichen zu lassen. Einen Gewinn hat man ja bereits durch die Therapie.

Auch kleinste Krebsreste müssen weg

Bei einer Schilddrüsenüberfunktion ist die Radiojodtherapie nicht die erste Therapieoption. «In der Regel versucht man zunächst, die Überfunktion medikamentös zu hemmen», sagt Schirp. Erst wenn das zu wenig fruchtet, zieht man eine Operation oder Radiojodtherapie in Erwägung. Bei der Operation entfernt man die Schilddrüse. Die dadurch fehlenden Hormone müssen danach dem Körper lebenslang künstlich (Tablette) zugeführt werden. Der Einsatz von Radiojod andererseits drosselt die Aktivität der Schilddrüse auf normales Niveau.

Kaum eine Wahl hat man dagegen bei Schilddrüsenkrebs. «Man macht meist beides, Operation und Radiojodtherapie», sagt Udo Schirp. Zwar wird mit dem chirurgischen Messer das kranke Organ entfernt, aber mikroskopisch kleine Reste können übrig bleiben. Schirp: «Die Radiojodtherapie ist eine Anschlussbehandlung, um auch noch allerletzte Reste zu beseitigen und so das Rückfallrisiko minimieren zu können.» Die radioaktive Dosierung bei Krebs ist denn auch um das Drei- bis Zehnfache höher als bei der Überfunktion.

Im Durchschnitt drei bis acht Tage müssen Patienten nach Einnahme der wie eine normale Tablette aussehenden Jodkapsel in der Klinik bleiben. Ärzte und Pflegepersonal, die mit den Betroffenen in Kontakt kommen, müssen sich mit spezieller Kleidung gegen Strahlung schützen.

Auch für allgemein versicherte Patienten

Und die Patienten selber? «Die Therapie hat sich seit 60 Jahren bewährt, und alle Studien zeigen, dass das Risiko sehr gering bis vernachlässigbar ist», sagt Udo Schirp. Dennoch: Gewisse Vorsichtsmassnahmen würden selbst­verständlich getroffen. Zum Beispiel werde mit Kaugummis usw. der Speichelfluss angeregt, weil etwas Radiojod auch von den Speicheldrüsen aufgenommen werden könne. «Grundsätzlich ist aber zu betonen, dass der Nutzen der Therapie gerade für Krebspatienten sämtliche möglichen Risiken und Nebenwirkungen klar überwiegt.»

Offenstehen wird die von der Krankenkasse bezahlte Radiojodtherapie allen Patienten aus der Zentralschweiz, auch allgemein versicherten. Pro Jahr rechnet man vorerst einmal mit maximal 50 Behandlungen.

Gleichzeitig setzt man in der Klinik St. Anna aber auch noch darauf, dass mit zunehmendem Verständnis der oft komplexen Tumorbiologie neue Substanzen erforscht und in Kombination mit Radioaktivität effizient gegen andere Krebsarten eingesetzt werden können. Allen voran scheint das bei Prostatakrebs möglich.

Bereits seit 2014 erfolgreich zur Anwendung kommt im St. Anna die selektive interne ­Radioembolisation zur gezielten Behandlung von Lebertumoren mit radioaktiven Substanzen. «Unsere Klinik war in der Zentralschweiz auch hier Pionierin», betont Patric Bürge, Leiter Kommunikation und Marketing der Luzerner Hirslanden-Klink.

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