SCHNEESCHMELZE: Angst vor neuem Hochwasser

Im Jahr 1999 lag wie heute aussergewöhnlich viel Schnee in den Bergen. Im Frühling kam es mit der Schneeschmelze zu grossen Überschwemmungen. Der Hauptgrund war aber der lange Starkregen.

Bruno Knellwolf
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Bruno Knellwolf

Bei uns spriessen die Knospen, der Frühling ist endlich da. Doch die vergangene Eiseskälte steckt uns noch in den Knochen, und in den Höhen liegt noch viel Schnee. «Die Schneemengen sind ungewöhnlich hoch», bestätigt Beni Zweifel, Lawinenprognostiker vom Institut für Schnee- und ­Lawinenforschung SLF in Davos. Und zwar überall in den Alpen. Vom Wallis bis ins Engadin sind die Schneehöhen im Moment fast doppelt so hoch wie in durchschnittlichen Jahren. Am wenigsten Schnee, aber doch auch viel, hat es nach Beni Zweifel in den nördlichen Voralpen, im Alpstein und im Berner Oberland.

«Regional liegt überdurchschnittlich viel Schnee in den Bergen», sagt auch Stephan Bader von der Abteilung Klima von Meteo Schweiz. «Die aktuellen Schneehöhen bewegen sich nahe oder sogar über den Werten des Winters 1998/1999», sagt Bader. Und das könnte Angst machen, denn im Frühling 1999 kam es zu einem extremen Frühlingshochwasser. Nach einem sehr niederschlagsreichen Februar zeichneten die Meteorologen in den zent­ralen und östlichen Voralpen und teils im östlichen Mittelland die grössten Regensummen aller Maimonate im letzten Jahrhundert auf.

Extremes Hochwasser in drei Phasen

In der ersten Phase, am 11. und 12. Mai, gingen wegen der starken Regenfälle Bäche und Flüsse in der Deutschschweiz über die Ufer, in der zweiten Phase kam es zu Rekordpegelständen an Seen nach weiteren namhaften Niederschlägen, und in der dritten und letzten Phase der Überschwemmungen kam es um den 20. Mai 1999 zu gefährlichen Hochwassern in der Ostschweiz und in Vorarlberg. Der Bodensee erreichte den höchsten Stand seit 1890. Andernorts kam es zu Erdrutschen und Schlammlawinen. Alleine die Gebäudeschäden dieser Überschwemmungen beliefen sich gemäss Meteo Schweiz auf 240 Millionen Franken.

Müssen wir uns also wegen des vielen Schnees in den Bergen vor Hochwassern wie im Jahr 1999 fürchten? Zu beachten sei, dass Mitte April 1999 ein weiterer massiver Schneefall erfolgt sei, der die Schneehöhen nochmals stark ansteigen liess. «Ungünstig wirkte sich die Ende April und Anfang Mai sehr milde Witterung mit kräftiger Schneeschmelze aus. Flüsse und Seen zeigten deshalb bereits vor den späteren Starkniederschlägen hohe Pegelstände», erklärt Bader. Hauptauslöser der schweren Überschwemmungen im Mai 1999 waren dann die Jahrhundertniederschläge Mitte Mai sowie die erneuten Starkregen vom 20. bis 22. Mai in der Ostschweiz.

Das bedeutet, dass das ­Hochwasserrisiko vor allem vom aktuellen Wetter abhängt. «Ausschlaggebend für Schadens­hochwasser nach einem schnee­reichen Winter ist der Witterungsverlauf während der Schneeschmelzperiode», sagt Bader. «Bei durchschnittlichen Temperaturen und Niederschlägen während der Schneeschmelzperiode treten auch nach einem schneereichen Winter kaum Hochwasser auf». Das Potenzial für Überschwemmungen sei aber grundsätzlich da, und die entsprechenden Notfallstellen seien in Bereitschaft, sagt Zweifel.

Grössere Nassschneelawinen

Auch die Lawinengefahr hänge vom Witterungsverlauf ab. «Bei starker Erwärmung können ­natürlich viele Nassschneelawinen auftreten. Mit dem vielen Schnee diesen Winter sind diese potenziell auch grösser als normal», sagt Zweifel. Zudem gebe es ­viele offene Gleitschneerisse, weswegen nun noch viele Gleitschneelawinen zu erwarten seien. «Es kann aber auch gut sein, dass die Schneedecke einfach ausapert ohne ausserordentliche Aktivität von Nassschneelawinen.» Für diesen Verlauf spreche, dass der Schneedecken­aufbau in den unteren Schichten der Schneedecke grundsätzlich eher günstig sei in diesem Winter. Die Saison für Tourenski-fahrer wird definitiv länger, ob auch gefährlicher, wird sich erst zeigen.