SCHNEESPORT: Der grosse Pistenrausch: Märchen oder Tatsache?

Seit jeder Berggipfel auch eine Festhütte ist, fährt der Alkohol auf den Skipisten selbstverständlich mit. Doch bei wie vielen der jährlich 65 000 Schneesport-Unfällen Alkohol eine Rolle spielt, will niemand so genau wissen.

Katja Fischer De Santi
Drucken
Teilen
Wintersportler gönnen sich einen Umtrunk auf der Lenzerheide. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone (30. Januar 2009))

Wintersportler gönnen sich einen Umtrunk auf der Lenzerheide. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone (30. Januar 2009))

Katja Fischer De Santi

Es ist Skiferien-Zeit. Der weisse Berg ruft, die Skilifte laufen auf Hochtouren, und in den Skihütten bleibt kein Platz mehr frei. Auf der dort gereichten Getränkekarte findet sich viel Hochprozentiges, um die Stimmung hoch und die Wangen rot zu halten. Kafi Lutz und Fertig, Schümli Pflümli, Mirabellen Schnaps, Röteli, Flying Hirsch und Jagertee, um nur die Klassiker aufzuzählen.

Alkohol und Skifahren, das ist wie Bratwurst und Senf. Für die einen unvorstellbar, für viele untrennbar. Wein, Bier und Schnaps werden in den Skihütten grosszügig ausgeschenkt. Kein Problem für all jene, die trotzdem heil vom Berg runterkommen. In der Schweiz gibt es keine Promillegrenze für Ski- und Snowboardfahrer. Während angetrunkene Velofahrer mit Bussen bis zu 200 Franken bestraft werden können, dürfen sich Skifahrer ungestraft volltrunken die Piste hinunterstürzen. Da weder der Pistenrettungsdienst noch die behandelten Ärzte in der Notaufnahme befugt sind, einen Alkoholtest zu machen, gibt es auch keine Daten darüber, in wie vielen Skiunfällen Alkohol eine Rolle spielt. Selbstredend, dass der Alkoholpegel auch in den Unfallprotokollen für die Versicherung nicht angegeben wird. Ab 0,8 Promille könnten die Versicherer die Taggelder um bis zu 20 Prozent kürzen. Aber eben, könnte: Der Alkoholpegel der Verunfallten wird meist gar nicht erfasst.

Alkohol ist nur eines unter vielen Unfallrisiken auf der Piste

Die wenigen Studien, die sich mit dem Thema Alkohol auf der Skipiste befassen, liegen Jahre zurück. Eine Schweizer Studie aus dem Jahr 1993 will festgestellt haben, dass fast 20 Prozent aller Verunfallten auf der Piste mit Alkohol im Blut unterwegs waren. Wie die Forscher zu diesen Daten gekommen sind, lässt sich aber nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Christoph Sommer, Chefarzt der Unfallchirurgie am Kantonsspital Chur, zweifelt diese Zahlen denn auch stark an. Von den fast 1000 Schneesportlern, welche in einer Wintersaison in Chur behandelt werden, würden nur die wenigsten betrunken eingeliefert. «Zumindest nicht so stark, dass wir es bemerken würden.» Dann und wann fahre mal ein Skifahrer volltrunken gegen einen Baum. Die grosse Mehrheit der Patienten von der Piste sei aber nüchtern, sagt Sommer.

Auch bei der Schweizerischen Unfallversicherung (Suva) und der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU)will man das Thema Alkohol auf der Piste nicht dramatisieren. Einerseits, weil keine Zahlen über den Zusammenhang von Bier, Schnaps und 65 000 Verletzten auf Schweizer Pisten bekannt seien, anderseits, weil man andere Risiken beim Schneesport höher gewichte. Etwa die körperliche Fitness oder das überhöhte Fahrtempo. In der aktuellen Kampagne rät die Suva aber klar davon ab, während des Skifahrens oder Snowboardens Alkohol zu trinken. «Das verträgt sich schlecht, das ist ein Fakt», sagt Samuli Aegerter, Kampagnenleiter Schneesport bei der Suva. Alkohol vermindere unter anderem die Reaktionszeit und verschlechtere das Gleichgewichtsgefühl, beides könne auf den Ski zu bösen Unfällen führen.

Trotzdem misst die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) in ihrem Bericht «Unfallforschung Sport» dem Alkoholkonsum auf der Piste lediglich eine «mittlere Relevanz» zu. «Der Anteil Schneesportler, welche beim Ausüben des Schneesports Alkohol trinken, wie auch die Menge des konsumierten Alkohols scheinen nicht sehr hoch zu sein», schreibt dazu BfU-Mediensprecher Marc Bächler. Eine Einschätzung, welche zumindest in Österreich nicht von allen geteilt wird. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit liess vor einigen Jahren 600 Skifahrer in verschiedenen Skigebieten Österreichs zur Mittagszeit sowie am späteren Nachmittag ins Röhrchen blasen. Ernüchterndes Fazit: Bei jedem Fünften piepste das Testgerät. Jeder 20. hatte gar mehr als 0,5 Promille im Blut. Ein bemerkenswertes Detail der Studie: Der Anteil der Frauen, die beim Skifahren trinken, war in etwa gleich hoch wie derjenige der Männer. 8 Prozent der Angetrunkenen gaben dabei an, hochprozentige Getränke wie Schnaps konsumiert zu haben. Überprüft wurden durchwegs Menschen, die noch zumindest eine Abfahrt vor sich hatten. Der Aufschrei von Skiliftbetreibern und Hüttenwirten war bis in die Schweiz hörbar. Den Testern wurde wechselweise Unwissenschaftlichkeit, Kurzsichtigkeit und Rufschädigung vorgeworfen.

Beizer spielen sicher nicht Pistenpolizei

So ganz daneben können die Studienmacher aber nicht gelegen haben. So sind in Ischgl, der österreichischen Partyhochburg des Wintertourismus, täglich mindestens elf Pistenretter im Einsatz. Fast doppelt so viele wie auf der «ruhigeren» Schweizer Seite in Samnaun. Im Schnitt werden in Ischgl rund siebzig Verletzte ins regionale Spital eingeliefert. Alkohol, will man den Aussagen der Pistenretter glauben, ist hier fast immer im Spiel. Der Leiter der Bergrettung Salzburg, Estolf Müller, beklagte sich kürzlich gegenüber dem «Kurier» gar, dass seine Mannen immer öfters Skitaxi für Betrunkene spielen müssten. Von solchen Zuständen will man in den Schweizer Wintersportregionen nichts wissen. Man habe keinerlei Probleme mit betrunkenen Ski- und Snowboardfahrern, sagte Silvio Schmid, Direktor der Skiarena Andermatt-Sedrun, gegenüber, dem Schweizer Fernsehen. Unfälle auf der Piste entstünden nicht wegen des Alkohols. Von einem Alkoholausschankverbot auf der Piste oder einer Promillegrenze hält ausser der Organisation Sucht Schweiz niemand etwas. «Nicht notwendig und kaum durchsetzbar», heisst es bei der BfU. Ein Verbot bringt nur dann etwas, wenn es kontrolliert wird und bei Verstössen Sanktionen verhängt werden können. Für beides fehlen die gesetzlichen Grundlagen. Doch selbst wenn es die gäbe: Wer sollte die Pistenpolizei spielen? Die Bergbahnbetreiber sicher nicht, sie wollen ihre Kunden ja nicht vergraulen. Die Beizer noch viel weniger.