SCHÖNHEIT: «Ich bin eine Basteltante»

Cynthia Wolfensberger (52) liebt das Handwerken: Sie vergrössert Brüste, saugt Bäuche ab, strafft Augenlider. Hat sie das Messer auch schon bei sich selber angesetzt? Wir haben nachgefragt.

Interview Annette Wirthlin
Drucken
Teilen
«Man darf seine eigenen Wertvorstellungen nicht allen anderen aufzwingen.» Cynthia Wolfensberger verwirklicht die Schönheitsträume anderer Menschen.Bilder Roger Grüter

«Man darf seine eigenen Wertvorstellungen nicht allen anderen aufzwingen.» Cynthia Wolfensberger verwirklicht die Schönheitsträume anderer Menschen.Bilder Roger Grüter

Fortsetzung auf Seite 42

Fortsetzung von Seite 41

«Ich bin eine Basteltante»

Ich habe gelesen, dass Sie als Kind einst Automechanikerin werden wollten. Ist das wahr?

Cynthia Wolfensberger: Das ist wahr, aber was ich noch viel ernsthafter in Erwägung zog, war der Beruf des Schuhmachers.

Was faszinierte Sie denn genau an diesen Berufen?

Wolfensberger: Beim Automech war es wohl, dass man herausfinden muss, was nicht läuft, und dann versuchen, die Funktion wieder herzustellen. Bei den Schuhen kommt zur Funktion noch die Form dazu. Denn Schuhe, die schön sind, aber unbequem, sind genauso blöd wie solche, die wahnsinnig bequem sind, aber hässlich.

Das Handwerkliche hat es Ihnen also angetan.

Wolfensberger: Ja, ich bin bis heute eine Basteltante geblieben. Ich nähe und stricke auch gerne in der Freizeit. Und ich habe als Spätberufene tatsächlich noch einen Bildungsgang Schuhmacher absolviert. Zu Hause habe ich mir ein Atelier eingerichtet, wo ich eine Menge Leder und Werkzeug habe und eigene Schuhe herstelle, die aussehen wie gekaufte. Ich habe wahnsinnig viel Freude daran, aber für ein Paar brauche ich mindestens 80 Stunden. Sehen Sie, ich trage gerade ein fertiges Paar!

Ich bin beeindruckt. Gibt es da Pa­rallelen zu Ihrem heutigen Beruf?

Wolfensberger: Ja. Die Ausbildung zur plastischen Chirurgin erfordert einige handwerkliche Fertigkeiten, das können Sie mir glauben. Es gefällt mir, Menschen helfen zu können, indem ich ihre Ästhetik verbessere, ohne dabei die Funktion zu vergessen.

Können Sie auch einen platten Autoreifen wechseln?

Wolfensberger: Könnte ich vielleicht. Aber ich hätte nicht die geringste Lust auf das Geschmier an den Händen.

Nun, es ist ja anders gekommen, und Sie wurden Schönheitschirurgin ...

Wolfensberger: Da muss ich Sie korrigieren. Ich mag die Bezeichnung nicht, auch wenn meine Website so heisst. Schönheitschirurg ist kein geschützter Titel. Es gibt zum Teil Leute mit minimaler Ausbildung, die sich so nennen. Ich möchte hervorstreichen, dass ich noch mehr kann als nur Botox spritzen.

Wieso muss man sich als plastischer Chirurg manchmal fast verteidigen?

Wolfensberger: Da müssen Sie nur mal den Fernseher anstellen. Da gibt es das Zerrbild des Arztes, der einfach alles operiert, was ihm vors Messer läuft, Hauptsache, es gibt viel Geld. Da gibt es diese schrecklichen, überoperierten Kunden und dann noch jene, die in einer Talkshow jammern: «Schaut mal, was die mit mir gemacht haben.» Das sind die ersten drei Dinge, die den Leuten in den Sinn kommen, wenn sie das Wort Schönheitschirurgie hören.

Aber bei Schönheitsoperationen geht es doch wirklich nur um die Oberfläche.

Wolfensberger: Auch mit schönen Kleidern, mit gefärbten Haaren oder Make-up wird nur die Oberfläche eines Menschen bedient. Soll man das denn auch alles verteufeln? Die einen schminken oder stylen sich nie, andere täglich. Bei den OPs wird immer diskutiert, was man «gerade noch darf». Ich finde, man darf seine eigenen Wertvorstellungen nicht allen anderen aufzwingen.

Sie sehen darin nichts Unmoralisches, kein Herumpfuschen in «Gottes Handwerk»?

Wolfensberger: Aha. Dann darf man einem Kind mit krummen Zähnen also keine Zahnspange mehr anpassen? Das Reinpfuschen beginnt nämlich schon früh. Dann müsste man einen Krebstumor auch einfach als gottgegeben annehmen und nicht operieren. Das ist auch ein möglicher Weg, ans Leben heranzugehen. Es ist einfach nicht meiner. Ich bin der Meinung, dass, wenn einem etwas an seinem Äusseren stört oder an eine schlechte Zeit im Leben erinnert, etwa eine hässliche Narbe, dann hat man doch jedes Recht, das Mögliche zu tun, um das hinter sich zu lassen.

Wenn Sie im Tram sitzen, überlegen Sie da ständig, bei wem Sie das Messer wo ansetzen würden?

Wolfensberger: Nein. Was mir hingegen oft auffällt, sind Operationsresultate, etwa Facelifts oder transplantierte Hautstücke nach einer Tumorentfernung. Es gibt nämlich sehr viele Operierte. Ich überlege mir dann, ob ich das auch so gelöst hätte, oder ich stelle fest: Das ist jetzt aber gut gelungen.

Diese Frauen mit maskenhaften Gesichtszügen sehe ich höchstens in People-Magazinen ...

Wolfensberger: Ich rede jetzt von Resultaten, die Ihnen als Laie gar nicht auffallen würden. Aber diese ganz straffen Liftings, die will hierzulande ohnehin niemand. Das ist auch meine Aufgabe in der Sprechstunde. Jemandem, der wirklich bereit ist, viel auszugeben, zu sagen: «Machen wir nicht das maximal Mögliche für Ihr Geld, sondern das Beste für die Wirkung.» Wenn man einfach die grösstmöglichen Implantate in die Brust hineinpflanzt, dann sieht die Patientin nachher aus wie die Pornodarstellerin Dolly Buster, und kein Mensch glaubt je, dass das noch natürlich ist.

Apropos: Eine der verbreitetsten Schönheitsoperationen ist die Brustvergrösserung. Ein Freund von mir wollte wissen, ob das nicht hart zum Anfassen ist.

Wolfensberger: Nein. Das muss überhaupt nicht unnatürlich wirken. Es kommt auf die Grösse des Implantats an, auf das Material und wo man es hinsetzt. Es gibt ganz weiche Implantate, die sich wie das eigene Gewebe ganz natürlich bewegen. Heute ist der Trend, die Brüste nur so viel zu vergrössern, wie es auch der Push-up-BH tut, den man bisher getragen hat, sodass Aussenstehende gar nichts merken.

Ebenfalls beliebt in den letzten Jahren ist die Schamlippenverkleinerung. Worum geht es da genau?

Wolfensberger: Die inneren Schamlippen wachsen, wie etwa auch die Ohrläppchen, ein Leben lang. Nun gibt es ab und zu Frauen, die das beim Velofahren oder in engen Hosen echt unangenehm stört – obwohl ich persönlich enge Hosen immer unangenehm finde. Seit es bei jüngeren Frauen immer beliebter geworden ist, sich intim zu rasieren, sind aber die allermeisten Schamlippenverkleinerungen eine rein ästhetische Sache. Wer den Intimbereich regelmässig kontrolliert, findet halt schneller was daran, das nicht gefällt. Da kann man noch lange sagen, es sehe normal aus. Wenn es einer Kundin nicht gefällt, gefällt es ihr nicht. Es verlässt ja auch niemand den Coiffeursalon, weil die Coiffeuse sagt, ihre geraden Haare seien normal und eine Dauerwelle deshalb unnötig.

Macht Sie das nicht traurig, wenn junge, gesunde Frauen aus purer Eitelkeit an sich herumschnipseln lassen wollen?

Wolfensberger: Es macht mich traurig, wenn sich Menschen nur über ihr Äusseres definieren und wenn sie nicht glauben, dass ihr Inneres für andere Leute spannend ist. Und wenn sie glauben, sich äusserlich verändern zu müssen, um die Akzeptanz zu bekommen, auf die sie eigentlich ohnehin ein Recht hätten. Aber glücklicherweise ist das nicht die Mehrheit der Menschen.

Wie oft kommen Frauen zu Ihnen und wollen sich operieren lassen, weil der Mann fand, sie seien zu wenig schön?

Wolfensberger: Das ist bisher nur einmal vorgekommen. In die Besprechung, wie gross nun der Busen werden soll, bringen sie meistens den Partner mit. In der Regel halten die sich aber zurück und sagen meistens: «Ich finde dich auch gut, wie du jetzt bist.» Wenn es anders wäre, hätte ich Mühe.

Was kann man eigentlich beim Mann so alles machen?

Wolfensberger: Die häufigsten Eingriffe sind Fettabsaugen am Bauch oder an den «Brüsten» und die Augenlidstraffung. Natürlich gibt es auch die Penisvergrösserung, aber das biete ich a priori nicht an.

Weshalb nicht?

Wolfensberger: Weil ich überhaupt keine Lust habe, mich mit Männern darüber zu unterhalten, was ein schöner oder genügend grosser Penis ist.

Wann lehnen Sie sonst eine gewünschte OP ab?

Wolfensberger: Einmal kam der Wunsch nach einer Klitorisverkleinerung. Das mache ich auch prinzipiell nicht. Und auf jeden Fall lehne ich eine OP ab, wenn es dem Patienten eilt. Meistens steckt dann irgendein bevorstehendes Ereignis dahinter, bei dem man sich dank der OP einen Erfolg verspricht. Das würde sowieso nie klappen.

Würden Sie Ihrer Tochter eine Schönheitsoperation bezahlen?

Wolfensberger: Wenn sie meint, dass sie das braucht, muss sie sich das selber finanzieren. Ich würde ihr schon meine Meinung dazu sagen, klar, aber schlussendlich ist sie selber eine erwachsene Frau.

Was ist für Sie ein schöner Mensch?

Wolfensberger: Schönheit ist die Emotion, die eine Person durch ihr ganzes Sein, durch ihre Ausstrahlung in mir hervorruft. Es gibt Fotos von Menschen, die schön aussehen. Aber Fotos können nie die Schönheit eines Menschen zeigen, denn die Schönheit liegt immer in der Bewegung.

Hat man als ästhetische Chirurgin einen gewissen Druck, selber schön zu sein, in dem Sinne, wie man von einem Psychologen erwartet, dass er selber kein Problemhaufen ist?

Wolfensberger: Ich denke, von einer ästhetischen Chirurgin kann man erwarten, dass sie gepflegt ist, aber nicht, dass sie einer Norm entspricht. Sie will ja auch keine normierten Kunden hervorbringen. Nichts fände ich schlimmer, als wenn man sagen müsste: «Ach, das ist wieder so eine Wolfensberger-Nase.» Die Liebe zu oder das Interesse an den Menschen ist für eine Chirurgin viel wichtiger als die eigene Schönheit.

Finden Sie sich schön?

Wolfensberger: Schön nicht, aber ich finde, ich sehe eigentlich noch gut aus. Natürlich, wenn Sie mich fragen, was mich an mir stört, kann ich Ihnen eine lange Liste aufzählen. Aber übers Ganze gesehen, gefalle ich mir. Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, finde ich: «Ja, moll, isch o. k.»

War das schon immer so, auch als Jugendliche?

Wolfensberger: Als junge Frau fand ich mich echt sehr schön. Als Teenie hingegen findet sich wohl fast jeder grauenhaft. Damals hätte ich mir oft glatte, blonde Haare gewünscht. Ständig kraulte mir irgendjemand in meinen gekrausten Haaren und war ganz entzückt. Mein Bruder und ich fielen wegen unseres Äusseren immer extrem auf, denn es gab ja damals noch nicht viele sogenannte Negerli. Als wir in den 60er-Jahren von den USA in die Schweiz kamen, lebten erst drei schwarze Menschen permanent hier.

Ihre Mutter ist eine Schwarze. Das hätte ich Ihnen nicht auf den ersten Blick angesehen.

Wolfensberger: Ich bin eben eine Zimmerpflanze. An der Sonne wird mir schnell schlecht. Wenn ich rausgehe, dann am liebsten in den Wald. Wenn ich mich jedoch der Sonne aussetze, werde ich sehr schnell sehr braun.

Was denken Sie über Michael Jackson, der ja mit zig Operationen nach und nach die Gesichtszüge eines Weissen anzunehmen versuchte?

Wolfensberger: Ich denke, dass das weniger mit der schwarzen Rasse zu tun hatte, sondern dass er seinen Vater, mit dem er eine schwierige Beziehung hatte, nicht mehr im Spiegel sehen wollte. Auch in meiner Sprechstunde höre ich sehr oft Sätze wie: «Ich sehe langsam genau so aus wie mein Vater im Alter» oder «Das habe ich doch schon an meiner Mutter gehasst». Da gilt es, den Kunden an eine Fachperson zu vermitteln, mit der er über sein Selbstbild reden kann. Bevor man allenfalls das Messer ansetzt.

Zum Schluss noch die obligate Frage: Was haben Sie an sich selber schon gemacht?

Wolfensberger: Ich lasse mir Hyaluronsäure gegen die Falten spritzen, ich mache chemische Peelings und Dermal Needling. Das ist ein kleines Gerät ähnlich einem Rasen-Vertikutierer, mit dem man über die Haut fährt und sie damit fein verletzt. Beim Heilungsprozess wird die Haut dann fester und schöner.

Richtig das Messer ansetzen lassen würden Sie bei sich nicht?

Wolfensberger: Doch, würde ich schon. Aber solange alle um mich herum finden, «Spinnsch eigentlich?», schiebe ich es jeweils wieder für zwei Jahre hinaus. Irgendwann, wenn im Gesicht alles anfängt zu hängen, muss ich es wieder etwas heraufholen, nur schon, um glaubwürdig zu bleiben.