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SCHULE: Am Anschlag: Erziehungsfragen setzen Lehrern zu

Klappts mit der Erziehung der eigenen Kinder nicht, setzen Eltern zunehmend auf die Hilfe von Lehrern. Wöchentliche Notfalleinsätze sind keine Seltenheit mehr. Das führt zu Problemen.
Anna Miller
Eine ratlose Lehrerin: Erziehungsfragen bringen Lehrpersonen an ihre Grenzen. (Bild: Getty)

Eine ratlose Lehrerin: Erziehungsfragen bringen Lehrpersonen an ihre Grenzen. (Bild: Getty)

Es gehe nicht um die problematischen Eltern, sagt Patrizia Pötz. Klar, auch sie habe ein Kind in der Klasse, dessen Vater ihre Prüfungen korrigiert, der sich mit wütenden Mails meldet und glaubt, sie sei schuld, wenn der Sohn die Schule schwänzt. Das, was ihr aber wirklich zu schaffen mache, sei etwas ganz anderes: das Lösen von Erziehungsfragen. «Die Eltern wollen, dass ich ihren Kindern sage, welches Verhalten in Ordnung ist und welches nicht – weil ihre Stimme zu Hause nicht ausreicht, um die Kinder in die richtigen Bahnen zu lenken», sagt die junge Sekundarlehrerin aus dem Kanton Zürich.

Aggressive Reaktion von Kindern

Es gehe dabei ums Lügen, Rauchen und um den Handykonsum, «alltägliche Dinge», sagt Pötz, aber eben: Die Überforderung einzelner Eltern sei spürbar. «Ein Vater hat Angst, seiner Tochter das Handy wegzunehmen», sagt Pötz, die Kinder würden gestresst und aggressiv reagieren, weglaufen oder zuschlagen. «Für uns ist es im Unterricht dann doppelt schwierig, Regeln durchzusetzen», sagt Pötz, «weil die Kinder gar nicht mehr gewohnt sind, dass ihr Verhalten Konsequenzen hat – und wir nicht nachgeben, nur weil das Kind rumtobt.»

Die zunehmenden Spannungen zwischen Eltern, Kindern und Schule bestätigt auch Maya Mulle, Geschäftsführerin der Fachstelle Elternmitwirkung. Das Schulsystem sei in den vergangenen Jahren grossen Veränderungen unterworfen gewesen, die Eltern seien entsprechend verunsichert und würden ihre Rolle nicht mehr kennen (siehe auch Interview). Auch gesellschaftliche Umwälzungen und die wirtschaftlich schwierigen Zeiten würden zusätzlich Druck ausüben, sagt Mulle. Auch deshalb hätten die Ansprüche an das Kind und die Lehrpersonen zugenommen.

Lehrer benötigen vermehrt Hilfe

2014 haben sich 277 Lehrerinnen und Lehrer bei der Beratungsstelle der Dienststelle für Volksschulbildung (DVS) des Kantons Luzern gemeldet. «Bei den Berufseinsteigerinnen hat sich die Zahl der Meldungen im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt», sagt Barbara Zumstein, Leiterin der Beratungsstelle. Neben persönlichen Krisen, Motivationsdefiziten, Erschöpfungszuständen und somatischen Krankheiten wurden auch Probleme im Zusammenhang mit anspruchsvollen Unterrichtssituationen oder Schwierigkeiten in der Elternarbeit genannt. Lehrerinnen und Lehrer hätten nicht grundsätzlich mehr Probleme als früher, sagt Zumstein. «Besonders Berufseinsteiger sind aber oft überfordert mit dem Druck und der Verantwortung.» Und sie fügt an: «Je nach Ansprüchen der Eltern werden die Lehrpersonen mit offenen oder versteckten Forderungen konfrontiert – die Lehrperson wird als inkompetent bezeichnet, gleichzeitig wird ihr aber die Erziehungsarbeit überlassen.» Damit umzugehen und sich in gesundem Mass davon abzugrenzen, sei für Berufseinsteigende vor allem in jungen Jahren eine grosse Herausforderung.

Das Kind sei ein Lebensprojekt geworden, findet auch Patrizia Pötz – eines, das funktionieren müsse. Tue es das nicht, wird die Schuld dafür schnell und gerne mal bei den anderen gesucht. Das bestätigt auch Charles Vincent, Leiter der Dienststelle Volksschulbildung des Kantons Luzern. Der Druck sei sehr gross, die Erwartungen an die Schule seien aber sehr unterschiedlich. Es gebe die akademischen Eltern, die eine gute Schulbildung genossen haben und das Gleiche nun für das Kind anstreben – und die Druck auf die Lehrpersonen ausüben, damit das Kind möglichst ins Gymnasium kommt. Und dann gebe es die anderen, die zu wenig mit dem schweizerischen Schulsystem vertraut seien und sich ganz aus der Sache herausnehmen.

«Für Lehrer sind beide Szenarien sehr belastend: Im einen Fall werden sie unter Druck gesetzt, im anderen zu wenig unterstützt», sagt Vincent. Das Kind würde dann unter Umständen an den falschen Ort kommen, sei über- oder unterfordert oder werde generell nicht wahrgenommen. Im Zentrum stehe deshalb, dass man die Eltern über die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten informiere. Denn: «Die Chancen auf eine gute Lehrstelle waren nie so gross wie heute.»

Und die Lehrer? Die müsse man von Seiten der Schulleitung unterstützen, sagt Vincent. «Die Pädagogische Hochschule kann auf gewisse Themen und Situationen wie bei Elternarbeit vorbereiten, die konkrete Praxis muss man danach erwerben», sagt er. Das Üben sei erst im Berufsalltag möglich. Dem pflichtet Werner Hürlimann, Studiengangsleiter für die Sekundarstufe an der Pädagogischen Hochschule (PH) Luzern, bei. «Die Schulleitung ist in der Pflicht, zusammen mit den Lehrpersonen und Eltern einen Weg der guten Zusammenarbeit zu definieren», sagt Hürlimann.

Dauernd erreichbar sein

Man könne nicht von Einzelfällen auf ein grosses Problem schliessen – empirisch sei eine Zunahme der Lehrer-Eltern-Konflikte nicht bestätigt. Wichtig sei, dass die Schulen ihre Verantwortung selbst wahrnehmen würden, sagt Hürlimann. «Entlebuch hat andere Probleme als Meggen», da sei es von Vorteil, wenn man sich den Gegebenheiten vor Ort anpassen könne. Trotzdem habe man an der PH gehandelt und bereits vor fünf Jahren das Thema Elternarbeit in der Ausbildung stärker gewichtet.

Patrizia Pötz findet, sie sei während ihrer Ausbildung viel zu wenig auf ihre neue Rolle vorbereitet worden. «Wir haben gelernt, wie wir Elternabende organisieren», sagt sie, «aber wie lange und wie oft wir für Eltern erreichbar sein sollen, wo unsere Verantwortung beginnt und wo sie aufhört, das hat kaum jemand thematisiert.» Natürlich hätte man Mitverantwortung als Lehrperson. Aber sie komme sich manchmal vor wie ein Miterzieher in privaten Angelegenheiten. Sie habe mit einigen Elternteilen mehrmals wöchentlich, im Einzelfall sogar täglich Kontakt. «Natürlich bin ich gerne für meine Schülerinnen und Schüler da – und damit auch für die Eltern. Wenn es einen Notfall gibt, dann bin ich zur Stelle», sagt Pötz. Im Allgemeinen sei die Zusammenarbeit mit den Eltern positiv und gut. Die Einzelfälle nähmen jedoch überdurchschnittlich viel Raum ein. Manchmal werde ihr diese ständige Mitverantwortung auch ausserhalb des Schulzimmers zu viel. «Dieses ständig abrufbar sein, das ist schon eine Belastung.» Sie würde sich von den Eltern mehr Eigenverantwortung wünschen.

Für Eigenverantwortung plädiert auch Mulle von der Fachstelle Elternmitwirkung. «Jedoch muss man die Eltern aktiv in den Prozess einbinden, um ihnen ihre Handlungskompetenz wiederzugeben», sagt sie. Am Ende seien die Verunsicherung und die Spannungen eine Folge von schlechter Organisation und unklarer Kommunikation. Man müsse wieder lernen, über seine Nöte und Ängste zu sprechen – alle Partner, gemeinsam. So könne jeder wieder seine neue Rolle finden, und alle Parteien würden entlastet.

Anna Miller

«An wen sollen sie sich sonst wenden?»

Beratung Maya Mulle von der Fachstelle Elternmitwirkung spricht im Interview über die schwierige Beziehung zwischen Eltern und Lehrpersonen, die Ängste von Vater und Mutter und warum die üblichen Elternabende nicht mehr reichen.

Frau Mulle, wie nehmen Sie die Beziehung zwischen Eltern und Lehrpersonen wahr?
Maya Mulle: Die Beziehung zwischen Eltern und Lehrpersonen hat sich in den vergangenen paar Jahren sehr stark verändert. Das Schulsystem ist grossen Umwälzungen unterworfen, vieles ist anders. Das verunsichert die Eltern. Sie können sich schlecht orientieren und kennen ihre Rolle nicht.

Spielen auch andere Faktoren eine Rolle?
Mulle: Wir leben in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten, und eine gute Ausbildung ist den meisten Eltern heute sehr wichtig. Sie haben Angst, dass das Kind keine gute Lehrstelle findet. Auch weil viele Eltern selbst gut ausgebildet sind, vor allem in städtischen Gebieten. Auch wollen viele Eltern mit Migrationshintergrund, dass ihr Kind die bestmögliche Ausbildung erhält. Das generiert einen gewissen Druck.

Insbesondere die Lehrpersonen stehen unter Dauerbeschuss – immer mehr Eltern wenden sich auch in privaten Erziehungsfragen an sie.
Mulle: Die Tendenz, sich an die Lehrpersonen zu wenden, hat zugenommen. Aber das ist ja auch natürlich: An wen sollen sich die Eltern denn sonst wenden? Wenn eine Lehrperson ein offenes Ohr hat, sind die Eltern sehr dankbar und nehmen das Angebot entsprechend oft in Anspruch.

Ist das nicht problematisch?
Mulle: Die Lehrpersonen sind professionell ausgebildet. Sie sollten fähig sein, sich abzugrenzen. Sie können selbst entscheiden, wann es ihnen zu viel wird – und entsprechende klare Regeln aufstellen. Diese Abgrenzung ist wichtig und notwendig. Die Schule muss aber auch nicht alles machen. Es gibt Fachpersonen und -stellen, die beigezogen werden können.

Ist es denn überhaupt Sache der Schule, in Erziehungsfragen mitzureden?
Mulle: Die Schule erzieht mit, aber nicht nur. Das Problem ist, dass die Schule in den vergangenen Jahren vermehrt mit Aufgaben belastet wurde, die auch von Eltern mitgetragen werden müssen. Man muss den Eltern aber auch die Hand reichen und ihnen aufzeigen, wie sie ihre Kinder medienkompetent erziehen können.

Wird das noch zu wenig gemacht?
Mulle: Es wird sicher noch nicht ideal gehandhabt. Wenn die Eltern nicht wissen, wie sie mit einem Problem umgehen sollen, schieben sie es auf die Schule ab. Wenn die Schule ihnen aber ihre Handlungskompetenz wiedergibt, können sie wieder aktiv mitgestalten. Es ist wichtig, dass die Eltern aktiv in den Schulprozess eingebunden werden. Damit wird am Ende auch die Lehrperson entlastet.

Hinweis: Die Fachstelle Elternmitwirkung wurde 1999 vom Bundesamt für Gesundheit initiiert. Sie unterstützt Eltern und Schulen bei der Umsetzung von Mitwirkungsgremien.

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