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Hirnforscher Hüther: «So macht man die Freude am Lernen kaputt»

Mit manchmal radikaler Kritik findet der Hirnforscher Gerald Hüther ein grosses Echo. Im Gespräch erläutert er seine Ansichten.
Rolf App
Indem sie die Natur erkunden, lernen Kinder ganz wichtige Dinge. Und zwar aus sich heraus. (Bild: David Trood/Getty)

Indem sie die Natur erkunden, lernen Kinder ganz wichtige Dinge. Und zwar aus sich heraus. (Bild: David Trood/Getty)

Eigentlich hat er in Davos ein wenig wandern wollen. Aber die Geburt einer Enkelin hat die Anreise des Neurobiologen Gerald Hüther verzögert. Am Tag seines Vortrags im Rahmen des Davos Festivals aber ist er da und setzt zu all den kulturellen Veranstaltungen einen gesellschaftlichen Kontrapunkt. Bevor sie ihn mit Fragen überhäufen, erzählt er den jungen Eltern, die wohl den Hauptteil des Publikums ausmachen, zum Beispiel vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Der hatte, als Bub, einen Käfer gefunden und wollte vom Vater, einem Käferforscher, wissen, wie dieser heisst. Der Vater, der gerade im Garten war, schickte den Sohn ins Arbeitszimmer, wo sich ein dickes Buch befand mit Bildern aller Käferarten. «So hat Konrad Lorenz selber herausgefunden, was er da in der Hand hielt. Er ist vom Vater ermutigt worden, zum Entdecker zu werden.» Weshalb Hüther das erzählt: So kann Erziehung, so kann auch Schule gelingen. Im Interview erläutert er, was ein Kind braucht, und wo wir als Gesellschaft stehen.

Gerald Hüther, Sie sind gerade Grossvater geworden. Sind Sie für Ihre Enkelin zuversichtlich – oder pessimistisch angesichts einer von grundlegenden Veränderungen geprägten Zeit?

Sie haben recht, wir leben in einer schwierigen Zeit voller Verunsicherungen. Es ist eine Zeit der Transformation. Und doch glaube ich, dass wir Menschen nicht so dumm sind, dass es uns nicht gelingen könnte, uns selber wieder aus dem Sumpf zu ziehen, in den wir uns hineinmanövriert haben.

Sie halten viele Vorträge. Treffen Sie diese Verunsicherung auch bei Ihrem Publikum an?

Ich betätige mich ja als eine Art Aufklärer, der versucht, Erkenntnisse aus Wissenschaft und Forschung in die Öffentlichkeit zu tragen. Und ich werde nur deshalb gehört, weil ein Bedürfnis nach Orientierung besteht. Die Menschen erhoffen sich diese Orientierung von jener Instanz, die seit der Aufklärung eine Führungsrolle übernommen hat: Das ist die Wissenschaft. Denn Kirche und Politik stützen sich nicht auf das, was wir Objektivität nennen.

Ihre Rolle als reisender Wissenschafter in Ehren: Aber es gäbe neben Wissenschaft, Kirche und Politik doch auch noch den gesunden Menschenverstand.

Das ist mein Lieblingsthema. Weil ich glaube, dass die meisten Menschen schon wissen, wie Leben geht, und wie Erziehung geht. Sie sind aber von ihrem eigentlichen, tieferen Wissen abgeschnitten worden, und zwar wahrscheinlich sehr früh in ihrem Leben.

Gerald Hüther – Hirnforscher, Buchautor, Vortragsredner. (Bild: PD)

Gerald Hüther – Hirnforscher, Buchautor, Vortragsredner. (Bild: PD)

Nun haben wir Erwachsenen im Lauf der Geschichte vieles ausprobiert. Nützt dieser Erfahrungsschatz denn nichts?

Was unsere Vorfahren gelernt haben, taugt nicht für die heutige Zeit. Sie haben gelernt, dass autoritäre Systeme Ordnung produzieren. Aber diese Ordnung ist so starr, dass sie den einzelnen an der Entfaltung seiner Möglichkeiten hindert. Unsere Vorfahren haben gelernt, dass wir mit Kriegen nicht weiter kommen. Auch jene Art von Orientierung hat sich als fragwürdig erwiesen, die im Mittelalter die Kirche vermittelt hat. Denn auch die Kirche hat ihre Macht missbraucht und ist als Institution diskreditiert – aber nicht als spirituelle ­Bewegung, dafür wird sie nach wie vor gebraucht.

Bleibt, wie Sie gesagt haben, die Wissenschaft.

Ich muss Sie enttäuschen. Auch Wissenschaft und technischer Fortschritt taugen dazu nicht. Jede Erfindung kann zu allem benutzt werden. Das heisst: Wissenschaft verschafft uns auch nur die Möglichkeit, all das noch effektiver und zielgerichteter zu verfolgen, was wir im Kopf haben. Sie bietet uns aber keinen inneren Kompass, der einer menschlichen Gemeinschaft hilft, sich nicht in lauter Einzelinteressen zu verlieren – oder sich jenen auszuliefern, die behaupten, sie wüssten, wie es geht. Die müssen nicht unbedingt Donald Trump heissen. Sie können auch als Google oder Facebook daherkommen.

Die Neurobiologie weiss auch nicht, wie Orientierung geht?

Nein, sie weiss es auch nicht. Aber als Neurobiologe glaube ich, dass es in uns eine Richtschnur gibt, die sich im Wort «Würde» fassen lässt. Wenn ich mir meiner eigenen Würde als Mensch bewusst bin, dann tue ich nichts, was diese Würde verletzt. Dann kann ich aber auch die Würde anderer nicht verletzen.

Die Würde des Menschen, das ist ein grosses Wort. Betrachten wir die Sache mal im Kleinen, bei Ihrer Enkelin: Was braucht sie, um sich als Kind entfalten zu können?

Früher habe ich einmal gedacht, sie braucht ganz viel. Mittlerweile habe ich gemerkt, es ist nur ein Einziges, das aber schwer umsetzbar ist: Sie braucht bedingungslose Liebe. Das heisst das Gefühl, dass sie um ihrer selbst willen bedeutsam genug ist. Sie darf nicht von anderen zum Objekt von deren Bewertungen und Erwartungen gemacht werden. Sie darf nie das Gefühl bekommen, sie müsse sich anstrengen, um geliebt zu werden.

Was geschieht denn, wenn ich das nicht bekommen habe?

Die vielen Menschen, die sich in ihrer Kindheit anstrengen mussten, haben gelernt, wie sie durch Anstrengung Bedeutung erlangen. Sie müssen auffallen, müssen etwas leisten, müssen viel besitzen. Und: Sie müssen andere zu Objekten machen, um selber mehr Bedeutung zu erringen. Unsere Konsumgesellschaft beruht auf all dem. Für ihre vielen Produkte braucht sie Käufer – die sich dann mit diesen Produkten vor anderen hervortun.

In diese Konsumgesellschaft mit ihrer scharfen Konkurrenz wurde nun Ihre Enkelin geboren. In ihr finden sich auch jene jungen Eltern wieder, die in Ihre Vorträge kommen. Wie sollen sie denn ihr Kind vorbereiten?

Zunächst: Sie können ihr Kind nicht davor schützen, dass es anderen Menschen ausgesetzt ist. Aber sie können ihm einen sicheren Hafen schenken. Einen Ort, an dem das, was draussen möglicherweise bedeutsam ist, keinen Zugang findet. In dem, zum Beispiel, gemeinsam gekocht und gegessen wird, und sich ein Kind bei der Verfolgung eines gemeinsamen Anliegens innerhalb der Familie als bedeutsam erlebt. Dann ist ein Kind zwar nicht gerade immun, aber doch geschützt. Deshalb sage ich Eltern auch: Es ist nicht entscheidend, in welche Schule sie ihr Kind schicken. Entscheidend ist, ihm eine verlässliche innere Orientierung mit auf den Weg zu geben, damit es sich im Leben nicht verirrt.

Trotzdem stellt sich die Frage, worauf Eltern denn schauen, wofür sie sich auch gegenüber den Lehrpersonen einsetzen sollen, wenn es um ihr Kind geht.

Ja, gewiss. Ich würde Eltern empfehlen, sehr darauf zu achten und sich auch gegenüber Lehrpersonen dafür einzusetzen, dass keinem Kind in der Schule seine angeborene Freude am Lernen, am eigenen Entdecken und am gemeinsamen Gestalten abhanden kommt. In einer guten Schule werden den Schülern vielfältige Möglichkeiten dafür geboten. Am besten aber gelingt das im Spiel. Deshalb trägt das letzte Buch, das ich zusammen mit Christoph Quarch verfasst habe, auch den Titel «Rettet das Spiel!». Wobei gar nicht das Spiel gerettet werden muss, sondern das Menschsein schlechthin.

Warum ist denn das Spiel von derart zentraler Bedeutung?

Es gibt in uns keine festgelegten Programme. Im Tierreich finden wir vielerorts festgelegte Verhaltensweisen. Bei uns ist das alles nicht so. Wir müssen erst herausfinden, wie das Leben geht. Das Spiel hat sich überall dort entwickelt, wo Lebewesen mit einem lernfähigen Gehirn entstanden sind, bei Hunden, Katzen, Raben – oder eben den Menschen. Kinder lernen ja oft nur notdürftig und meist widerwillig nur einiges von dem, was in der Schule unterrichtet wird. Viel lieber finden sie selber etwas heraus. Was in der Schule stattfindet, ist deshalb eher eine Form von Abrichtung und Dressur.

Was ist eine gute Schule? Diese Frage beschäftigt viele Eltern. (Bild: Fotolia)

Was ist eine gute Schule? Diese Frage beschäftigt viele Eltern. (Bild: Fotolia)

Das heisst: Wirkliches Lernen müsste nah beim Spiel sein?

Ganz klar. Es müsste ein Prozess sein, bei dem der Akteur des Lernens das Kind ist. Deshalb muss man eine Situation herstellen, in der derjenige, der lernen soll, das auch will. Dann bliebe das Gelernte auch länger im Hirn hängen. Lernforscher sind sich ja einig, dass zwei Jahre nach der Matura herzlich wenig übrig ist von dem, was in zwölf oder dreizehn Jahren Schulzeit unterrichtet wurde. Ganz im Gegensatz zu dem, was sich ein Kind in den ersten drei Lebensjahren ohne Unterricht, also aus sich selbst heraus angeeignet hat.

Und warum bricht diese Erfolgsgeschichte des spielerischen Lernens dann ab?

Weil jemand damit beginnt, das Kind zum Objekt seiner Belehrungen, seiner Erwartungen und Bewertungen zu machen. Oft sind das schon die eigenen ­Eltern, aber auch Erzieherinnen und Lehrer glauben, dass Kinder etwas lernen müssen und machen dann mit ihren Bemühungen die Freude des Kindes am Lernen kaputt.

Warum ist denn die Freude beim Lernen so wichtig?

Damit er hängenbleibt, muss der Lernstoff im Hirn emotional aufgeladen werden. Am effektivsten geschieht das, wenn ein Kind aus sich heraus lernt, weil es lernen will. Wenn dieser Wille schon gebrochen ist, lernen manche Kinder dem Lehrer zuliebe, weil sie ihn oder sie mögen. Und notdürftig klappt es eben auch mit den Dressurmethoden. Nur, da lernen die Kinder primär, was sie tun müssen, um Belohnungen zu bekommen oder Strafen zu vermeiden.

Und was geschieht, wenn ihm die Freude vergällt wird?

Es spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. Im Gehirn werden die gleichen Netz­werke aktiviert wie bei körperlichem Schmerz. Und dann sucht jedes Kind nach etwas, was diesen Schmerz mindert. Selbst kann es nur auf zweierlei Weise reagieren: Indem es den Spiess umdreht und andere zum Objekt macht, beispielsweise indem es sagt: Mama ist blöd. Oder, schlimmer noch, indem es sagt: Ich bin blöd. Dann hat es sich selbst zum Objekt gemacht und die Freude am Lernen ist weg.

Worauf kommt es an?

Das spielt auch am Abend eine Rolle, als Gerald Hüther im Anschluss an sein Referat vor allem von jungen Eltern mit Fragen bestürmt wird. Er erzählt von einem Besuch in Wien, wo er zusammen mit dem zuständigen Stadtrat eine Schule besucht habe – mit ungutem Gefühl, weil das Gebäude ramponiert ausgesehen habe. Doch als sie ein Schulzimmer betraten, sassen Gruppen von Schülern auf dem Boden, vertieft in ihre Arbeit. «Was macht ihr da?», fragt Hüther einen Schüler. «Wir machen die Niere», antwortet der. Und erklärt detailliert, was sie auf einem Plakat dargestellt hatten. «Und woher kommst du?», fragt Hüther weiter. «Aus Syrien.» «Seit wann bist du hier?» «Seit letztem Sommer.» «Und wie hast du so rasch deutsch gelernt?» «Von meinen Kumpels hier in der Schule.» Ein paar gute Freunde genügen zum Glück. Und eine Lehrerin, die zum Selberlernen anregt.

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