SCHUTZANGEBOT: Ein Haus für Männer in Not

18 Frauenhäuser gibt es in der Schweiz – und ein Männerhaus. Der «Zwüschehalt» bietet Männern und Vätern einen Fluchtpunkt in schwierigen häuslichen Situationen. Denn auch Männer erleben Gewalt.

Susanne Holz
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In der Küche im einzigen Schweizer Männerhaus wird manchmal zusammen, manchmal allein gekocht. Im Sommer kann im Garten grilliert werden. (Bild Manuela Jans-Koch)

In der Küche im einzigen Schweizer Männerhaus wird manchmal zusammen, manchmal allein gekocht. Im Sommer kann im Garten grilliert werden. (Bild Manuela Jans-Koch)

In einer kleinen Gemeinde mitten in der Schweiz, in einem unscheinbaren Wohnquartier und zu guter Letzt in einem ganz gewöhnlichen Zweifamilienhaus mit Garten: Dort liegt er, der in seiner Art wohl einzige Fluchtpunkt im Land – für Männer, die häuslicher Gewalt entkommen möchten.

Seit November 2009 gibt es das Männer- und Väterhaus Zwüschehalt, gegründet wurde es als Projekt des Vereins für elterliche Verantwortung Schweiz (VeV CH). Mittlerweile trägt der eigene Verein namens «Zwüschehalt» das Haus, dessen Standort geheim ist, das aber offen zeigt, dass es sie gibt: die häusliche Gewalt, bei der der Mann das Opfer ist.

«Braucht es das denn?»

Oliver Hunziker ist sowohl Präsident des Vereins Zwüschehalt als auch des VeV CH. Der 50-jährige Informatiker sagt: «Als wir das Haus vor sechs Jahren bei Fachstellen vorstellten, stiessen wir zunächst auf Widerstand und bekamen die Frage zu hören, ob es das denn brauche. Doch kaum war das Haus eröffnet, war der erste Mann auf der Suche nach Zuflucht da.» Und es kamen sehr bald noch sehr viel mehr Männer.

«2015 waren wir durchs Band voll», erzählt Hans Bänziger. Der 65-jährige Heimleiter des «Zwüschehalts» ist als Coach und Sozialpädagoge rund 35 Stunden pro Woche vor Ort: Er hat ein offenes Ohr für alle, managt das Zusammenleben und moderiert leise im Hintergrund den wöchentlichen Gruppenabend. Offiziell bietet der «Zwüschehalt» fünf Plätze für Erwachsene und fünf für Kinder. Meist seien es mehr Erwachsene als Kinder, so Bänziger. Für 2015 zählt die Statistik des Vereins 21 Männer auf, darunter zwölf Männer in Trennung, drei Väter, begleitet von insgesamt sechs Kindern, zwei Männer, denen Gewalt angedroht wurde, zwei Jugendliche, die Probleme im Elternhaus hatten, sowie zwei Männer mit Kurzaufenthalten, die als präventive Massnahme nach einer Beziehungskrise gedacht waren.

Heimleiter Hans Bänziger kommt für 2015 auf insgesamt 1713 Übernachtungen, was einer durchschnittlichen Belegung von 4,7 Personen an 365 Tagen entspricht. Im Schnitt blieben die Männer zwei bis drei Monate, so der Sozialpädagoge: «Wir geben ihnen Zeit. Fällt ein Mensch völlig aus dem sozialen Netz raus, braucht es mehr als nur drei Monate. Aber natürlich bleiben wir immer nur ein Zwischenhalt.»

«Man wird ruhig»

Federico M. (Name geändert) wohnt seit August 2015 im Männerhaus. Vergangenen Sommer hat er im Garten zusammen mit den anderen grilliert, jeden Donnerstag nimmt er an den Gruppenabenden teil. Ob das Haus für ihn eine Fluchtburg, eine grosse Erleichterung gewesen sei, will man von Federico wissen. «Ja und nein», antwortet der 49-Jährige, der aufgrund massiver Rückenprobleme nur noch reduziert als Maschinenführer arbeiten könnte und sich deshalb sehr schwer damit tut, eine neue Arbeit zu finden. Jetzt vermisst Federico seine erwachsenen Kinder und auch sein Hab und Gut.

Andererseits ist er froh um die «mentale Freiheit», die ihm das Männerhaus bietet: «Man wird ruhiger – kann sich die Probleme durch den Kopf gehen lassen.» Gut sei, dass seine Frau nicht wisse, wo er sich befinde. «Wir waren uns eine gegenseitige Bedrohung – jeder gab dem anderen die Schuld.» Nach 25 Jahren Ehe habe es viel Krach gegeben, auch, weil er seinen Job verloren habe. Seine Frau habe ihn angezeigt, er sie. Die Polizei habe ihn zur Opferhilfe geschickt, die Opferhilfe habe ihn zum Psychologen geschickt, und der wiederum habe ihn auf den «Zwüschehalt» aufmerksam gemacht. «Man redet nicht darüber, dass einen die Frau schlägt», sagt Federico. Und fügt ernst und nachdenklich an: «Es sollte mehr solche Häuser geben.»

Mehr Häuser eine Frage des Geldes

Dieser Ansicht sind auch Oliver Hunziker und Hans Bänziger. Man schaue permanent nach Möglichkeiten, weitere Häuser zu eröffnen – es sei eine Frage des Geldes. Das Männerhaus finanziert sich über Spenden. Für jeden Bewohner kostet eine Nacht 35 Franken. Ist man von der Polizei als Opfer deklariert, bezahlt die ersten 21 Tage die Opferhilfe.

Apropos Opfer. Laut Schweizer Polizeistatistik sind 24 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt männlich, wie Oliver Hunziker mitteilt. «Mit vermutlich grosser Dunkelziffer.» Der Informatiker glaubt nicht, dass häusliche Gewalt geschlechtsabhängig ist: «Das Geschlecht spielt keine Rolle.» Es habe schon immer Gewalt gerade gegen Väter in Trennung gegeben. So sei auch die Idee zum Männer- und Väterhaus entstanden: «Früher gab es für Männer in Not nur die Heilsarmee – aber die ist nicht der richtige Ort, um Schutz zu finden, schon gar nicht zusammen mit einem Kind. Da braucht es ein Heim.»
 

Susanne Holz

 

Hinweis

www.zwueschehalt.ch; Tel. 079 558 85 79.

Schlagen Frauen nur zurück?

Gewalt sh. «Hinter geschlossenen Türen», so ist das Buch übertitelt, das 1980 die ersten weltweit erhobenen Daten über Gewalt in Familien veröffentlichte. Bis zu dieser Datenerhebung, vorgenommen von amerikanischen Forschern, hatte die Auffassung dominiert, dass eheliche Gewalt nur von Männern gegenüber ihren Frauen ausgeübt wird. Nun änderte sich dieses Bild. Die Forschung der Amerikaner ergab, dass Männer in partnerschaftlichen Beziehungen etwa gleichviel Gewalt durch ihre Frauen erlebten wie umgekehrt.

Die Forscher wiesen aber auch darauf hin, dass Männer die Gewalt der Frauen häufig nicht so ernst nähmen und – im Gegensatz zu den Frauen – über mehr Ressourcen verfügten, um sich gegen Gewalt zu wehren: Gegengewalt, Geld, Status, soziale Netzwerke. In einer 2007 an der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit veröffentlichten Diplomarbeit wiederum machen die Autorinnen unter dem Titel «Über Frauen, die austeilen, und Männer, die einstecken» deutlich, dass Männer immer noch Hemmungen haben, erlebte Gewalt durch Frauen öffentlich zu machen.

Die Autorinnen sichteten zahlreiche Datenerhebungen und kamen zum Schluss, dass häusliche Gewalt, die auch psychischer Natur sein kann, zunehme und der Prozentsatz davon geschädigter Männer ebenso. Trotzdem gelte gegen Männer gerichtete Frauengewalt weiterhin als komisch oder trivial. Auch stehe oft die Frage im Raum, ob Frauen nicht einfach nur zurückschlügen. Wohl nicht. Vom Geschlecht unabhängig, führen Forscher häusliche Gewalt auf Unzufriedenheit mit der Beziehung, soziale Benachteiligung, gewalttätige Vorbilder in der Kindheit, Alkohol oder Aggressivität als Eigenschaft zurück.