SCHWANGERSCHAFT: Ein Kind bekommt ein Kind

In Biel erwartet ein 12-jähriges Mädchen ein Baby. Die Schülerin will das Kind behalten. Ein Gynäkologe und eine Familienberaterin über Teenagermütter und die Schwierigkeiten, die auf sie zukommen.

Melissa Müller
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«Soll ich das Kind behalten?» Eine schwierige Entscheidung für schwangere Teenager. (Bild: Adam Gault/Getty)

«Soll ich das Kind behalten?» Eine schwierige Entscheidung für schwangere Teenager. (Bild: Adam Gault/Getty)

Melissa Müller

Diana Hagmann-Bula

Nur zwölf Jahre Altersunterschied zwischen Mutter und Kind: Das kommt selten vor. Eine Schülerin aus Biel ist laut dem Bundesamt für Statistik erst die Dritte in der Schweiz seit 1970, die so jung ein Baby erwartet. Wird ein solcher Fall publik, stehen Moralapostel sofort bereit und schimpfen über die scheinbar übersexualisierte, verantwortungslose Jugend. «Dabei ist die Anzahl Teenagerschwangerschaften seit Jahren rückläufig», wie René Hornung, Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital St. Gallen und Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, sagt. 2014 waren in unserem Land 3 von 1000 Schwangeren jünger als 20 Jahre. Damit hat die Schweiz eine der tiefsten Teenagerschwangerschaftsraten weltweit. Ein Beweis auch dafür, dass Klartext geredet wird, wenn es um Aufklärung geht.

Ein-, zweimal pro Jahr haben Hornung und sein Team mit Teen­agerinnen zu tun, die ein Baby erwarten – meistens ungewollt. «Sie brechen die Schwangerschaft häufiger ab, als das Kind auszutragen. Je älter die werdende Mutter jedoch ist und je näher das Ausbildungsende liegt, desto eher behält sie das Kind.»

Sozialberatung ist ebenso wichtig wie der Arzt

Ein Kind bekommt ein Kind: Eine Extremsituation in einer ohnehin emotional turbulenten Lebensphase. «Ebenso wichtig wie ärztliche Beratung und Untersuche ist deshalb die juristische und soziale Beratung», sagt Hornung. Er zieht Anwälte zur Beratung bei, «weil ein juristisches Problem bis hin zu einer Straftat vorliegt, falls ein Volljähriger mit einer Minderjährigen Geschlechtsverkehr hatte». Auch schaltet er die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ein sowie eine Familien- und Sozialberaterin. «Sie organisieren einen Vormund für das Kind, weil die Mutter minderjährig ist. Zudem machen sie sich ein Bild von der Situation. Was wünscht sich die Schwangere? Wie trägt ihr Umfeld sie?» Bettina Thaler ist seit 14 Jahren Sexualtherapeutin sowie Leiterin der Beratungsstelle für Familienplanung in Sargans und hat schon mehrere minderjährige Schwangere beraten. Sollte eine 12-Jährige ihr Kind abtreiben? «In der Beratung zählt nicht meine Meinung.» Wichtig sei es, dem Mädchen verschiedene Wege aufzuzeigen. Konkret bedeutet das auch, Fragen wie diese zu klären: Was heisst es, ein Kind zu bekommen? Was für Einschränkungen im Alltag und im Klassenverband hat es zur Folge? Was mache ich, wenn ich zu wenig Schlaf habe und trotzdem zur Schule muss? Werden mich meine Eltern unterstützen? Wie sieht die Wohnsituation aus? Wie ist die Beziehung zum Kindsvater? Ist eine Freigabe zur Adoption ein Thema?

«Manche entwickeln eine neue Kraft»

Manchmal erkennt ein Mädchen laut Bettina Thaler dabei: «Ja, ich hätte gerne dieses Kind. Aber die Voraussetzungen sind nicht gut.» Oft entscheidet sich die Schwangere dann für einen Abbruch. «Wenn man diesen Weg bewusst geht, muss er nicht traumatisierend sein.» Sie habe schon minderjährige Mütter erlebt, die völlig überfordert waren. Andere wachsen über sich hinaus. «Sie entwickeln eine neue Kraft und meistern parallel Lehre, Haushalt und Kinderbetreuung.»

So wie Vera (Name geändert). Eigentlich wollte sie Karriere machen im Bereich Grafik und Film. Dann aber wurde sie schwanger – mit 18. «Es war jugendlicher Übermut, wir haben nicht aufgepasst», sagt sie. Neun Monate später und eine Woche nach der Lehrabschlussprüfung kam ihr Sohn auf die Welt. Das junge Paar musste seinen Lebensunterhalt selber verdienen. «Meine Eltern wollten, dass wir Verantwortung übernehmen und unterstützten uns finanziell nicht.» Vera arbeitete im Service, im Verkauf, in einer Bibliothek. Sie bekam einen Beistand. Das Sozialamt bezahlte Mutterschaftsbeiträge. «Wir wohnten zu dritt in einer Bruchbude und lebten von 2000 Franken im Monat.» Während ihre Freunde Party machten, stillte Vera daheim ihr Baby. «Natürlich tat ich mich manchmal schwer damit. Aber das Glück, ein gesundes Kind zu haben, überwog.»