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SCHWEDEN: Stockholm trotzt der Angst

Sowohl Trauer als auch Trotz sind in Stockholm am Tag nach dem Lastwagen-Anschlag zu spüren. Ein Verdächtiger sitzt in Haft. Doch das Motiv und viele weitere Fragen bleiben offen.
Lennart Simonsson und Julia Wäschenbach (dpa)
Trauernde in der Nähe des Kaufhauses Åhléns, in dessen Schaufenster der Lastwagen zum Stehen gekommen war. (Bild: Markus Schreiber/AP (Stockholm, 8. April 2017))

Trauernde in der Nähe des Kaufhauses Åhléns, in dessen Schaufenster der Lastwagen zum Stehen gekommen war. (Bild: Markus Schreiber/AP (Stockholm, 8. April 2017))

Lennart Simonsson und Julia Wäschenbach (DPA)

Am Tag nach dem mutmasslichen Terroranschlag in Stockholm liegen noch immer orangefarbene Rettungsdecken auf dem Asphalt. Gerüste und Absperrbänder der Polizei umschliessen den Tatort auf der belebten Einkaufsstrasse Drottninggatan, an dem ein Lastwagen am Freitagnachmittag in eine Menschenmenge raste und vier Menschen tötete.

Auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden bleiben entlang der Absperrungen am Samstag zahlreiche Menschen stehen. Viele sind gekommen, um besser zu verstehen, was in ihrer Stadt passiert ist. Zwischen die Gitterstäbe haben Stockholmer Bürger und Touristen Frühlingsblumen in allen Farben geklemmt. In Gesprächen mit den Hauptstädtern ist Trauer zu spüren, aber auch Stolz auf den Zusammenhalt in ihrer Stadt und viel Trotz. «Wir sollten hier eine grosse Party veranstalten, um zu zeigen, dass wir keine Angst haben», sagt ein Obstverkäufer.

Als der Lastwagen am Freitag über die Shoppingmeile raste, stand der gebürtige Türke gerade an seinem Stand auf dem Platz Hötorget, ganz in der Nähe. Hunderte sind gekommen, um Solidarität mit den Opfern zu zeigen. Spaziergänger rund um die Drottninggatan klopfen den Wache haltenden Polizisten anerkennend auf die Schulter: «Danke.» Und: «Gute Arbeit.»

Einem hellbraunen Kuschelteddy in der Nähe des Tatorts hat jemand einen Zettel in die Arme gedrückt: «Wir sehen uns in Nangijala», steht darauf. So heisst das Land, in dem die «Brüder Löwenherz» in der gleichnamigen Astrid-Lindgren-Geschichte in ihrer Fantasie nach ihrem Tod zusammen Abenteuer erleben. «Es fühlt sich unwirklich an wie in einem Film», sagt eine Stockholmerin, die mit ihren Hunden in der Innenstadt spazieren geht, dem schwedischen Fernsehen.

Nicht darauf vorbereitet

Ein bis vor 15 Uhr normaler Freitagnachmittag hatte sich für die Hauptstädter in einen Albtraum verwandelt. «Ich denke an die Menschen, die durch Stockholm gehen, sich sicher auf das Wochenende freuen, darauf, Familie zu treffen und zusammen zu sein. Völlig unwissend. Und plötzlich verändert sich das Leben», sagt Regierungschef Stefan Löfven.

Wie in Nizza und Berlin hat der Täter mit einfachen Mitteln viel Leid über Unschuldige gebracht. Betroffen blickt der tunesischstämmige Taxifahrer Muhammed auf das Kaufhaus Åhléns, in dessen Schaufenster der Lastwagen zum Stehen gekommen war. «Ich komme aus einem Land, das drei grosse Terror­angriffe erlebt hat», sagt er. «Das hier ist schrecklich.» Polizeitechniker untersuchten gestern den Tatort, während andere Schutt in einen grünen Container füllen. Den gekaperten Lastwagen einer Brauerei haben die Ermittler abschleppen lassen.

Dass so etwas «im friedlichen Skandinavien» passieren könnte, hätte sie nicht gedacht, sagt die Dänin Charlotte Belacel. In London, wo sie lebe, sei man dagegen immer auf der Hut. Als der Lastwagen in das Warenhaus raste, ass sie dort gerade mit ihren zwei Schwestern und ihrer Mutter. «Wir haben Krach gehört, und meine Schwester hat gesagt: ‹Wir müssen hier raus!›», sagt Belacel.

Usbeke sitzt in Haft

Noch am Freitag nimmt die Polizei einen 39-jährigen Usbeken fest, verdächtigt ihn des Terrors. Ob er aus Sympathie für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt habe, untersuchen die Ermittler noch. «Nichts besagt, dass wir die falsche Person festgenommen haben», sagte gestern Reichspolizeichef Dan Eliasson. Man könne aber noch nicht ausschliessen, dass mehrere Menschen an der Tat beteiligt gewesen seien. Knapp 24 Stunden nach dem Anschlag setzt die Polizei ihr Bild wie ein Mosaik zusammen. Was genau hinter der Tat steckt, ist noch unklar. Auf die Frage nach einem terroristischen Motiv sagt Staatsanwalt Hans Ihrman: «Viel spricht zum jetzigen Zeitpunkt dafür.» Schweden kontrolliert vorerst alle Ausreisenden an seinen Grenzen. Anders Thornberg von der Sicherheitspolizei sagt, seine Leute würden bei den Ermittlungen von nationalen und internationalen Behörden unterstützt. Es gehe auch darum, weitere Attentate zu verhindern.

«Es wäre nicht menschlich, keine Angst zu haben, aber das Leben muss bald wieder zur Normalität zurückkehren», sagt Innenminister Anders Ygeman.

Auch Schwedens Kronprinzessin Victoria und ihr Mann Daniel besuchen den Ort des Geschehens. Ganz in Schwarz gekleidet, legt die Thronfolgerin rote Rosen nieder. Tränen steigen ihr in die Augen. Auf die Frage eines Reporters, wie ihr Land durch diese schwere Zeit komme, antwortet sie mit nur einem Wort: «Zusammen.»

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