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SCHWEDEN: Woher die Fleischbällchen kommen

Jeder kennt sie aus der Ikea. Doch nun herrscht Verwirrung um die weltberühmten Fleischbällchen. Sie sind eigentlich türkisch, sagt die schwedische Tourismusorganisation. Falsch, entgegnet ein Essensforscher.
Niels Anner, Kopenhagen

Niels Anner, Kopenhagen

Es war einer dieser Tweets, die das Potenzial für weltweite Schlagzeilen haben: «Bleiben wir bei den Fakten: Die schwedischen Fleischbällchen basieren eigentlich auf einem türkischen Rezept.» Dies schrieb die Website sweden.se, hinter der die schwedische Tourismusorganisation, das schwedische Kulturinstitut sowie das Aussenministerium stehen. Deshalb nennt sich die Website auch «offizielle Quelle» für Fakten über Schweden.

Nun gibt es wenig Schwedisches, das international bekannter ist als Fleischbällchen – oder Köttbullar, kött bedeutet Fleisch. Kein Ikea-Besuch ohne den Genuss der leckeren, nach geheimer Manier gewürzten Hackfleischbällchen. Entsprechend hohe Wellen hat die Meldung von sweden.se geworfen. BBC, «New York Times», «Guardian», aber auch grosse türkische Medien und die sozialen Medien sowieso transportierten die Neuigkeit durch alle Kanäle. Einige forderten, Ikea müsse ehrlich sein und für seine Frikadellen nun das türkische Wort Köfte benutzen.

Den Hintergrund der Meldung erklärte sweden.se ebenfalls: König Karl XII. habe das Rezept im 18. Jahrhundert aus der Türkei mitgebracht – wie auch Kaffee und Kohlrouladen, wie eine Kulturhistorikerin der Universität Uppsala ergänzte. Der kriegslustige König, der 1697 als 15-Jähriger den Thron bestieg, lebte nach einer empfindlichen Niederlage gegen Russland tatsächlich einige Jahre im türkischen Exil. Dass Rezepte keine Landesgrenzen scheuen, ist wohlbekannt. Dennoch tun sich einige Fragezeichen auf. Zumal Köfte, Hackbällchen aus Rind- und Lammfleisch, Brotstückchen und Ei, nicht direkt mit den schwedischen Pendants vergleichbar sind. Die nordischen Exemplare sind oft aus Schweine- oder Geflügelfleisch hergestellt und werden mit Bratensauce sowie Kartoffelstock serviert.

Dann trat Richard Tellström auf den Plan, Dozent in Ernährungswissenschaft und Ethnologe an der Universität Stockholm. Er hatte schlechte Nachrichten für die Türkei: Die Meldung sei falsch, «irgendwie fabriziert», sagt er der Zeitung «Svenska Dagbladet» mit schöner nordischer Untertreibung. Er nannte die Falschmeldung aber ein «sehr ernstes» Problem.

«Jedes Land kennt eine Form von Fleischbällchen»

Laut Tellström ist es zwar unklar, wann genau die Schweden begannen, ihre Fleischbällchen zuzubereiten, wahrscheinlich sei es eine längere Entwicklung gewesen. Aber darauf, dass das Rezept importiert worden wäre, gebe es keinerlei Hinweise. Gekochte – statt gebratene – Frikadellen wurden laut Tellström 1664 erstmals in Schweden erwähnt, während das Wort Köttbulle 1755 in einem berühmten Kochbuch auftauche. Die heute in und aus Schweden bekannte Variante stamme aus dem späteren 19. Jahrhundert. Eine Verbindung zu Karl XII. gäbe es nicht, so der Forscher. Zudem: «Jedes Land, in dem Fleisch gegessen wird, kennt irgendeine Form von Fleischbällchen.»

Man könne genauso wenig von einer schwedischen Erfindung sprechen. Vom «Svenska Dagbladet» mit diesen Erkenntnissen konfrontiert, ruderte ­sweden.se ein Stück weit zurück. Man habe keine wissenschaftlichen Quellen, sondern verschiedene Webseiten sowie «ältere Texte in unserem Archiv» konsultiert, sagte Oliver Grassman, Redaktor für soziale Medien bei sweden.se, ehe er etwas kleinlaut ergänzte: «Wir können uns natürlich nicht mit einem Wissenschafter messen. Vielleicht hätten wir die Fakten besser überprüfen sollen.»

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